Das St.Pauli - Trainingslager in Chiclana oder Wasserspiele in Spanien

Der FC St.Pauli schickte sich also an, die kalten norddeutschen Gefilde zu verlassen, um sich für zwei Wochen nach Spanien zu verdrücken. Deshalb machte ich mich auf den Weg, die Mannschaft zu begleiten.

1.Tag: Die Mannschaft flog leider eine andere Route. Ich kam um ca. 17 Uhr in Malaga an und mußte feststellen, daß der Tip von Bobby (zu dem später mehr), mit dem Bus Richtung Cadiz zu fahren nichts taugte, da der letzte um 16.30 Uhr fuhr. So nahm ich den Bus nach Algeciras, das auf der halben Strecke Richtung Chiclana liegt. In Algeciras angekommen, mußte ich ein Taxi nehmen, da es keine andere Möglichkeit gab, noch am selbigen Tag nach Chiclana zu kommen. Nach 130 Km Fahrt durch das überschwemmte Andalusien und einem Taxifahrer, bei dem mir Michael Schumacher als flügellahmes Huhn vorkam, überschritten wir dann die Ortsgrenze von Chiclana. Leider lag das Hotel in einem Vorort, der noch ca. 5 Km entfernt war. Nach einer halben Stunde Suchen entdeckten wir dann einen Streifenwagen der Spanischen Guardia de Civil (Zivilpolizei), dessen Insassen uns auch bereitwillig und mit Blaulicht vornweg zum Hotel lotsten. Dort angekommen, empfing mich auch gleich Bubke. Nach einigen Bierchen an der Hotelbar, zusammen mit Brehme und Wollitz, die den letzten Abend im Hotel verbrachten, da der 1.FC Kaiserslautern und Schalke 04 das Trainingslager aufgrund des Dauerregens vorzeitig abbrachen, verdrückte ich mich dann zum Matrazenhorchdienst.

2.Tag: Nach dem Frühstück beobachtete ich das Training, das am Strand stattfand. Überraschenderweise schien die Sonne, obwohl es die Vortage wie aus allen Kübeln gegossen hatte. Am Abend sollte es dann zum ersten Freundschaftsspiel nach Lebrija gehen. Gegen 18 Uhr fuhr ich also gemeinsam mit den Journalisten Gensing und Di Grappa Richtung Lebrija. 10 Km vor der Stadt nahmen wir dann noch einen Anhalter mit, der uns auch den Weg zum Stadion zeigte. Ohne ihn hätten wir es nie durch die verwinkelten Gassen des Städtchens pünktlich zum Anpfiff geschafft. Das Spiel war ziemlich gut aufgezogen. So gab es ein Spielankündigungsplakat und sogar ein Stadionheft. In dem waren denn auch solche Vollprofis wie Mike Göbel oder Marc Schnell aufgeführt. Das Stadion von Lebrija (4.Liga) faßt ca. 4.000 Zuschauer, hat sogar Flutlicht und, besonders empfehlenswert, statt Thüringer gab es kleine Steaks, die, im Brötchen serviert, für sensationelle 100 Ptas (1,25 DM) angeboten wurden. Das Spiel war ziemlich einseitig und wurde von St. Pauli mit 8:0 gewonnen. Interessant waren auch die spanischen Fans. Insbesondere die Kinder fielen über die Spieler her, so daß sich z.B. Martin Driller genötigt sah, die Autogrammkarten aus dem Bus zu werfen. Aber auch alles, was nur ziemlich "deutsch" aussah, wurde mit Autogrammwünschen überhäuft. Insbesondere die St.Pauli-Aufkleber fanden reißenden Absatz. Desgleichen ist hier zu beobachten, daß Betis Sevilla das größte Fanpotential hat, denn viele Fans trugen einen Betis-Schal oder -Trikot.

3.Tag: So langsam merkt man, daß Chiclana ziemlich weit vom Schuß liegt. Nachdem ich den ganzen Morgen und Nachmittag ziemlich gelangweilt rumsaß, fuhr ich am Abend mit den o.g. Journalisten nach Conil zu Bobby, der nach eigenen Angaben die einzige St.Pauli-Fankneipe in ganz Spanien hat. Zugegeben, am Anfang ist man etwas enttäuscht, wenn man ins "La Gloria" kommt. Es handelt sich da um eine von den typischen spanischen Stehbars mit zwei, drei Barhockern und einem kleinen Tisch drin. Doch erstens ist der Laden unschlagbar preisgünstig, zweitens gibt es sogar Sauren und drittens lernt man hier ziemlich interessante Leute kennen, z.B. Churro, ein 1.60 m großer andalusischer Fischer, der eingefleischter St.Pauli-Fan ist, und dessen Lebenstraum es ist, einmal St.Pauli live zu sehen.

4.Tag: Nachdem am Vortage nur die Sonne schien, regnete es heute wieder. Trotzdem machte ich mich auf dem Weg, um Chiclana etwas näher in Augenschein zu nehmen. Chiclana hat etwa 15.000 Einwohner und ein Fußballteam, das in der 3.Liga kickt. Das Stadion faßt ca. 8.000 Fans und hat, für unterklassige spanische Vereine selten, sogar eine überdachte Tribüne. Wieder im Hotel machte ich mich ans Abendessen, mußte aber feststellen, daß sich die Verantwortlichen bei St.Pauli gegen das Büfett ausprochen hatten, und es stattdessen Spaghetti und Steaks gab. Leider zählen Pasta und Steaks nicht unbedingt zu den Spezialitäten der spanischen Küche, so daß die Spaghetti ziemlich wäßrig und die Steaks klein, dafür aber verbrannt waren. In diesem Zusammenhang ist auch das Verhalten unseres "stolzen" Trainers Maslo zu erwähnen, der dem guten Image unseres Vereins, grobe Kratzer zufügt, indem er das Restaurantpersonal gängelt oder sogar dermaßen anpöbelt, weil ihm irgendwas nicht paßt oder es, wie vielleicht in Deutschland üblich, nicht alles 100% perfekt zugeht. Und dies in einem Maße, daß sich Leute, die im Umfeld des Hotels bzw. Vereins arbeiten, ziemlich pikiert fühlen und sich dafür schämen, dazu zu gehören. Im übrigen war Maslo (lt. Mitarbeitern vom Trainingslagerveranstalter Burdenski-Travel) nicht mal in der Lage, so wie bei anderen Vereinen üblich, einen Trainingsplan aufzustellen, damit die Organisatoren die Aktivitäten des Vereines planen konnten. Auch das ist ein Indiz dafür, daß dieser Trainer, der ein sehr profihaftes und weltmännisches Auftreten hat, hinter den Kulissen ziemlich amateurhaft arbeitet.

5.Tag: Heute war mit St.Pauli gar nichts los, so daß sich Giuseppe, Carsten und ich entschlossen, nach Tanger zu fahren. Leider wurde aus der Aktion nichts, da einem hier nicht näher genannten Hamburger Journalist auf halber Strecke einfiel, daß er seinen Reisepaß vergessen hatte. Also drehten wir um und fuhren im Dauerregen nach Sevilla. Bei der Fahrt in die Stadt kommt man auch gleich an dem imposanten aber trotzdem maroden Stadion von Betis vorbei. Im übrigen muß man sich über die Essensgewohnheiten von Journalisten wundern. Um bei McDonalds Essen zu gehen, muß man nicht nach Spanien fliegen.

6.Tag: Total verschlafen!! Eigentlich wollte ich mir das Spiel Betis gegen Vallecano ansehen. Naja, es ging 0:0 aus. St.Pauli hatte heute ein Testspiel gegen Genf. Um den Platz bespielbar zu machen, wurde sogar ein Hubschrauber gechartert, der den Platz mit Hilfe der Rotoren praktisch fönen sollte. Trotz aller Mühe war der Platz praktisch nicht bespielbar. Es wurde trotzdem angepfiffen und St.Pauli führte nach 10 Minuten mit 1:0, bis ein heftiger Platzregen zum Abbruch führte. Am Abend hatte die Mannschaft so eine Art Frustsaufen, das am Anfang ziemlich nett war, aber übertrieben wurde. So urinierte ein Spieler (C. Pröpper) im besoffenen Zustand einfach an die Palme in der Hotelbar. Nicht die feine englische Art.

7.Tag: Mit gemischten Gefühlen geht's nach Haus, einerseits mit positiven Eindrücken, was die im Hotel befindlichen Journalisten bzw. Teile der Mannschaft und der medizinischen Abteilung betrifft, die sehr freundlich und kameradschaftlich waren, anderseits negative, was z.B. den Trainer anbelangt, von dem ich vor der Reise einen positiven Eindruck hatte.

Gastartikel von Martin Ißleib
Dies soll von uns nicht unkommentiert bleiben...


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