Macht hoch die Tür, das Tor macht weit

Warum das Fußball-Tor unbedingt größer werden muß

"Akzeleration" wird das Wort des Jahres 1996 werden, dessen bin ich sicher. Schließlich hat es doch etwas mit "Größe" zu tun, mit "Beschleunigung" und mit (Überraschung!) Fußball. Wie dies, werdet Ihr euch fragen; und das zurecht.

In den letzten 100 Jahren hat die Körperlänge der Deutschen, und annähernd auch in ganz Nordwest-Europa, um rund 14 Zentimeter zugelegt, davon ca. um 7 Zentimeter allein in den letzten 35 Jahren. Von einer Durchschnittsgröße von 167cm in 1895 schnellte das Maß auf heutige 181cm nach oben. Ein Längen-Zuwachs also von knapp 10%.

Also: die Tatsache, daß die Menschen kontinuierlich wachsen, dies wird geheimnisvoll Akzeleration genannt.
Aber Joseph Blatter, Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes (FIFA), eigentlich besser bekannt unter seinem Spitznamen "Innovations-Sepp", dachte hieran sicher nicht, als er der überraschten Öffentlichkeit den Plan seiner Mannen kundtat, der da lautete: Das Tor muß größer werden. Einen halben Meter in der Breite und einen viertel in der Höhe, teilte er Deutschlands schönster Illustrierten mit, müssten es schon sein. Zwei mal ein Spielball-Durchmesser mehr Raum im Kasten.

Siebenmeterzweiunddreissig mal Zweimetervierundvierzig, daran haben wir uns doch in den letzten 133 Jahren gewöhnt. Mehr Tore sollen dann fallen und damit das Spiel attraktiver machen, meint FIFA-Sepp. "Wer nicht trifft, der trifft auch nicht in ein größeres Tor", vernehmen wir die fatalistische Antwort aus dem fernen München, von Maier Sepp, Bundes-Übungsleiter für die Nr.1-Männer. Aber der war ja schon immer lustig.

Und "bei größeren Toren werden nur die Torleute größer", philosophiert 1860-Trainer Werner Lorant und verkennt, daß dies doch schon längst geschehen ist. Ja,ja, die Akzeleration, die macht's schon schwer. Dir, mir und auch dem Herrn Lorant. 7,82 x 2,69 soll das neue Maß aller Dinge werden. Viel zu wenig, will ich meinen. Denn würden die Maße der Tore der Akzeleration angepasst werden, so hätten wir heute Torgehäuse-Größen haben müssen, die fast jede Vorstellungskraft übertreffen: 8m mal 2,90m; ungefähr jedenfalls. Doch die FIFA reagiert leider nur halbherzig und gibt sich mit läppischen 50 bzw. 25cm mehr zufrieden.

Sir Stanley Rous, FIFA-Präsident bis 1974, schlug bereits damals vor, die Größe der Torhüter auf 160cm zu begrenzen. Keine optimale Lösung, aber zumindest doch ein sehr guter Ansatz für einen Kompromiß! Aber vielleicht bringt's ja auch nur HSV-Torwart Golz auf den Punkt, wenn er vermutet, daß "die Herren der FIFA wohl wieder eine Daseins-Berechtigung suchen". Nee, glaub' ich nicht, Richard.

ZAHLENSPIELEREIEN

  • 396 Bälle passen derzeit über- und nebeneinander in ein Gehäuse, bei Vergrößerung werden es 59 Kunststoff-Kugeln mehr sein; dies zumindest hat die FAZ errechnet.
  • Rund 100.000 Fußballplätze soll es laut DFB-Pressesprecher Niersbach in Deutschland geben. Ergo: 200.000 Fußball-Tore.
  • Jedes neu zu installierende Tor kostet zwischen 1.000 und 2.000 DM; mithin Investitionskosten von ca. 300 Millionen DM allein für die hiesigen Bolzplätze.
  • Die TAZ errechnet weltweit 2,44 Milliarden Fußballtore, was bedeuten würde, daß sich ungefähr 3 Menschen ein Fußballtor teilen dürften.
Ich sag ja: der Fußball boomt!
ro.

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