Winterzeit
Hallenzeit

Es war mal wieder soweit, der 10. Ratsherrn Cup stand ins Haus. Obwohl wieder einmal interessante Teams wie z.B. Spartak Moskau oder die vermeintlichen Ballzauberer aus Brasilien, der FC Santos, eingeladen wurden, überlegte sich so manch einer, ob mensch sich das wieder antun muß. Denn wer gibt schon gern DM 4,50 für ein Bier aus, um sich grottenschlechte Sprechchorduelle zu liefern und obendrein unseren FC in der Vorrunde ausscheiden zu sehen. Aber dieses Jahr sollte alles etwas anders werden....

Es fing schon damit an, daß die Alster zugefroren war. Daß gleichzeitig der Ratsherrn-Cup in der Alsterdorfer Sporthalle stattfand wurde einem unserer Mitbürger (unüberhörbar aus Sachsen) zum Verhängnis. Der gute ca. 50 jährige mit Pepita-Hut bekleidete Herr fragte einige Minuten nach der Abfahrt des Shuttles, wo der Bus denn überhaupt hinfährt. Dieser hatte zwar unsere nette Fahrerin nach dem Fahrziel gefragt, aber es kam offensichtlich zu einem kleinen Mißverständnis: Statt auf der Alster Glühwein und Würstchen zu sich zu nehmen, saß er nun in einem Bus Richtung Alsterdorfer Sporthalle, umgeben von sich vor Lachen biegenden St.Pauli Fans. Nett wie wir nun mal sind erklärten wir ihm den Weg zur U-Bahn. In der Halle angekommen erreichte uns dann eine frohe Botschaft: Anläßlich des 10 jährigen Jubiläums kostete das Bier nur DM 3,50. Damit ließ es sich leben und der Hallenzauber konnte beginnen.

Die erste Überraschung war perfekt, als der andere Hamburger Verein den FC Santos mit 6:1 regelrecht aus der Halle schoß. Obwohl Santos hier und da durch wunderschöne Spielzüge seine Klasse beeindruckend zur Schau stellte, war deren Gesamtvorstellung ziemlich enttäuschend. Abwehr und Tordrang fehlten völlig. Den Ballkünstlern aus Ghana, dem Goldfields SC, erging es übrigens ähnlich. Mensch muß kein Fußballexperte sein, um die Vermutung anzustellen, daß beide Vereine bis dahin noch keine Halle von innen gesehen haben. So war es nicht weiter verwunderlich, daß sie bereits in der Vorrunde ausschieden. Ganz anders unser FC St.Pauli: Carsten Pröpper wie gewohnt als Regisseur, Jürgen Gronau in einer neuen Rolle als Goalgetter mit 3 Treffern und ein überragender Carsten Wehlmann im Tor waren die Garanten für einen überraschenden 7:3 Sieg gegen Spartak Moskau - und das nach einem 0:2 Rückstand. Unser 2. Spiel des Tages brachte uns ein berauschendes 7:0 gegen den Goldfields SC. Spätestens jetzt gab es kein Halten mehr. Sitzen ist sowieso für'n Arsch und die Halle stand Kopf. Nicht einmal der 2. Sieg des HSV, ein 6:3 gegen Norrköpping, konnte die Stimmung trüben. Die abendliche Party konnte beginnen.

Nicht wenige mußten sich dann quälen, um am Sontag trotz Kater und Kopfschmerzen pünktlich in der Halle zu erscheinen. Aber als Preis winkte schließlich die Halbfinalteilnahme. In unserem letzten Vorrundenspiel konnte selbst "Uns-Otti" den VFL 93 nicht retten - wir gewannen deutlich mit 9:4. Der Gruppensieg war perfekt. Platz belegte Spartak Moskau mit 6 Punkten vor dem VFL 93 (3P) und Goldfields SC (0P). In der Gruppe B ergab sich folgende Tabelle: Auf Platz 1 der HSV (9P) vor Norrköpping (4P), dem VFL Wolsburg (3P) und dem FC Santos (1P).

Vor dem 1. Halbfinale FC ST.Pauli - Norrköpping tummelte sich dann die gesamte Mannschaft es Goldfields SC mit ihren Betreuern in ST.Pauli Trainingsjacken an unseren Bierständen. Es kam zu vielen interessanten Gesprächen über Fußball, Land und Leute, in deren Verlauf dann auch diverse Schals und Mützen den Besitzer wechselten. Wen wunderts, daß sie während des Spiels in unserer Kurve standen und unseren FC anfeuerten. Es half! Wir besiegten Norrköpping mit 5:3. Der FC ST.Pauli stand erstmals seit 1992 wieder im Finale des Ratsherrn-Cups. Nach dem der Jubel langsam abebbte, hätten wir uns eigentlich zurücklehnen können, um entspannt das 2. Halbfinale zwischen dem HSV und Spartak Moskau zu genießen. Aber weit gefehlt. Nach dem Spartak mit 2:0 in Führung ging (natürlich Jubel in unseren Reihen) konnte mensch auf der anderen Seite der Halle eine Stecknadel fallen hören! Unglaublich, aber wahr: Kaum lagen sie in Rückstand, supporteten sie ihr Team nicht mehr - und das im Halbfinale! Wie peinlich.... Langsam wurden dann auf unserer Seite Rufe wie "Feuert Eure Mannschaft an!" laut. Da von drüben keine Reaktion kam, nahmen wir das halt selbst in die Hand: "HSV, HSV", "Wer wird deutscher Meister...", "Richard Golz" (der übrigens nett winkte) usw. usw. war zu hören. (Na, Herr Hilbig - Freundschaftsschals?) Aber auch das half nichts. Spartak gewann mit 7:5. Es kam zur Neuauflage des Finales von 1992, welches wir damals durch ein 0:1 in der letzten Minute verloren. Ein schlechtes Omen? Mitnichten! Trotzdem war das Zittern groß. Können wir an unsere großartigen Leistungen aus den vorangegangenen Spielen anknüpfen? Würde Moskau sich noch weiter steigern? Aber nix da. St.Pauli schoß Tor auf Tor, ließ sich auch durch die Gegentreffer der Moskowiter nicht beeindrucken und spielte Spartak schließlich buchstäblich an die Bande. 7:3!!! Was während und nach dem Spiel auf den Rängen abging, ist einfach unbeschreiblich. Gladbach, Krefeld, Alsterdorf - dabei gewesen oder selber schuld.

"Ja, so spielt ein Aufsteiger!"

M+M

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