Regional? National? International? Scheißegal!

Das EU-Urteil mit seinen Folgen beschäftigt, neben Vereinen und Verbandsangehörigen, in der heutigen Zeit natürlich auch die Sponsoren. Und so bekommt man die absurdesten Erklärungen serviert, die es nötig machen, einmal aus Fan-Sicht hinterfragt und kommentiert zu werden- ohne Anspruch auf Objektivität. Den Vogel schoß Schalke-Sponsor Kärcher ab, dessen Vertriebsgeschäftsführer A. Schneider meinte, Fußball solle eine "nationale Sache" sein und ausländische Profis seien allenfalls "als vereinzelte Farbtupfer" akzeptabel. Doch auch Ronald Verner, PR-Abteilungsleiter bei St. Pauli-Sponsor Böklunder sorgte mit seiner (hinterher vehement bestrittenen) Aussage für Furore: Er befürchte, so hieß es im Spiegel, "fatale Auswirkungen auf unsere Werbewirksamkeit". Außerdem erwarte er eine "nachlassende Identifikation" mit einer "in Europa zusammengekauften Legionärstruppe". Ganz abgesehen davon, daß diese Truppe aufgrund der Ablösefreiheit ja nicht mehr zusammengekauft wäre, lohnt sich dennoch ein Blick auf diese Aussagen. Ein PR-Stratege eines Großsponsors will sein Produkt ja immer aufgrund einer, wie auch immer gearteten, "Identifikation" Fan/Verein/Mannschaft/Produkt verkaufen. Böklunder tat dies im vergangenen Sommer, indem sie uns, ihre Firma und den FC als "gemeinsam norddeutsch" hinstellten. Nun fragen wir uns zwar, was an diesem weltweit operierenden Unternehmen Plumrose, außer dem einer kleinen holsteinischen Kommune entliehenden Produkt namens "Böklunder", norddeutsch sein soll (wodurch Herr Verner seine eigenen, angeblichen Aussagen ad absurdum führen würde), doch auch darum soll es hier nicht gehen. Es geht um die Identifikation zwischen Fans und Team.

Stellen wir uns mal zwei Extreme vor: Auf der einen Seite ein Team aus Fußball-Legionären, zusammengeklaubt aus allen möglichen Ländern. Auf der anderen Seite ein Team, dessen Spieler sämtlichst aus der eigenen Jugend, der eigenen Stadt oder zumindest der umgebenden Region stammen. Ich stelle nun ganz waghalsig die These auf, daß die Identifikation mit der "heimatlichen" Truppe größer ist, als die mit den "Legionären", und zwar ohne dies positiv oder negativ zu werten. Erinnert sei an das Verhältnis der St. Pauli-Fans zu ihrem Team (oder umgekehrt!!!) im Aufstiegsjahr 1988 und dem Verhältnis zur heutigen Truppe (und umgekehrt!). Damals existierten doch viel größere persönliche Bindungen zwischen Spielern und Fans als heute, Fehler und verlorene Spiele wurden eher verziehen. Heute hat man doch schneller das Gefühl, auf dem Platz stünden zu oft Spieler, die zuerst ihre Kohle und dann erst den Verein oder gar die Fans im Kopf haben. Ich könnte mir ebenso vorstellen, daß bspw. im Ruhrpott die Identifikation mit Spielern, die aus einer Bergarbeiterfamilie stammen, größer ist als mit einem "Legionär". Diese "heimatlichen Spieler" hat der interessierte Fußball-Fan schon Jahre begleitet, ihren Weg durch Jugend- und Amateurligen verfolgt und ihn vielleicht schon neben sich auf den Stehplätzen im Stadion gesehen. Hierbei spielt es übrigens überhaupt keine Rolle, welche Nationalität jener Spieler hat. Dies kann ein Deutscher ebenso sein wie ein hier aufgewachsener Türke, Ghanaer, Kroate....

Gerade bei der aus vielen nicht-deutschen Spielern bestehenden Jugendabteilung unseres FC St. Pauli ein nicht zu kleiner, jedoch selbstverständlicher Aspekt. Doch vielleicht sind all diese Gedanken auch nur zu sentimental-antiquiert, entnommen dem Gedächtnis an eine angeblich "gute alte Zeit", als ein Team noch aus 11 Freunden bestand und Andre Golke mit St. Pauli-Willi Lambada im Clubheim tanzte. Aber so sind wir Fußball-Fans nun mal. Eben "Fans" und nicht "Publikum", wie es heute (auch in zunehmender Zahl beim FC!) üblich ist. Und wohl auch dieses "Publikum" hat Sigrid Baum von "Diebels" im Auge, wenn sie meint, daß "jede erfolgreiche Mannschaft akzeptiert wird, egal wie sie zusammengesetzt ist". Aber zwischen Akzeptanz, Identifikation, gar Liebe, ist ein großer Unterschied. So, das waren jetzt einfach mal einige ungeordnete Gedanken, wohlbedacht, daß die Welt nicht schwarz-weiß ist (auch ich habe Leo nicht vergessen!).
Doch vielleicht schreiben nun unsere Leser mal ihre Meinung?!

SB

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