Aktenzeichen C-415/93 oder Periat mundus fiat justitia

Bedrohlich wie bei einem Gewitter stiegen dunkle Wolken aus dem Paragraphendschungel auf. Selbst wir sahen diese Wolken und berichteten schon im ÜS 17 über dieses Unwetter. Er ist der wohl momentan bekannteste Fußballer in Europa. Leider nicht so bekannt als Trickser mit dem Ball, sondern als Trickser mit dem Gesetz. Einige nennen ihn Spielverderber, andere Pfennigfuchser, und wir nennen halt die Wahrheit beim Namen: Bosman, Jean-Marc Bosman. Ach ja, das Urteil und seine Folgen.

Nun darf also jeder Verein so viele EU-Ausländer einsetzen wie er will. Schön und gut, damit kann jeder umgehen und das versteht auch jeder. Jeder, der bisher als EU-Ausländer galt oder dessen Land dem europäischen Wirtschaftsraum angehörte, war auf einmal "EU-Inländer". Und dieser "EU-Inländer" darf nach Ablauf seines Vertrages ablösefrei wechseln. Auch hier gibt es noch Lücken und Tricks, die wir anreißen und leider damit auch die verbundene Dösigkeit vom FC St Pauli, nicht in solche Gesetzeslücken zu stoßen, sondern zu warten, bis diese geschlossen sind.

Jeder Spieler darf bei einem grenzüberschreitenden Wechsel ablösefrei wechseln.
Mit einem kleinen, leider unrealistischen Beispiel machen wir das Urteil deutlich. Also, um das Ganze salopp zu sagen: Dieter Schlindwein kann jetzt ablösefrei zum AC Mailand. Ein durchaus herber Verlust, aber dieses könnte sich St. Pauli zum Nutzen machen und einen Maldini oder Baggio verpflichten. Nun ja, DFB und St. Pauli dösen ruhig weiter, während andere von Gesetzeslücke zu Gesetzeslücke springen. Martin Dahlin hat als einer der ersten geschnallt, daß er als EU-Ausländer überall ablösefrei hin wechseln kann.

Schon früher versuchte Bayern, Thomas Helmer bei Auxerre zu parken, um ihn später zu verpflichten. Dieses Parken mit Scheinverträgen wird wieder aufkommen, doch Scheinverträge sind schwer zu beweisen. So könnte ein Spieler durchaus bei einem Verein im In- und Ausland geparkt werden, und sei es nur für ein paar Wochen, um die Ablösesumme zu sparen. Anstatt die Fühler nach begabten jungen Spielern auszustrecken (auch EU-Ausländer), ärgern sich Manager und Trainer über die Sonne in Katar und Regen in Spanien. Auch schwelt im Verein ein Streit um die Jugend- und Nachwuchsabteilung, und bei diesem Urteil, in dem besonders auf Jugendarbeit gesetzt werden muß, kann dieses nur negativ sein. Auch der DFB und sonstige Funktionäre, die sich als Sesselpuper hervorgetan haben und auf einmal schneller pupen müssen, schaffen es in ihrer totalen Ratlosigkeit nicht einmal, klar Stellung zu beziehen. Auf einmal soll die Politik Einfluß nehmen - die Verantwortung wird weiter geleitet. Die Musterverträge, die es seit Anfang dieser Saison gibt, haben eine kleine Zusatzklausel. Auf dieser ruhte man sich erstmal aus. Es heißt in dem Vertrag "...werden diese Bestimmungen nach Abschluß dieses Vertrages dahingehend geändert, daß die bisherige Transferentschädigungsregelung teilweise oder ganz entfällt, so verpflichtet sich der Spieler, den Vertrag unter bisherigen Bedingungen fortzusetzen, falls der Verein es wünscht." Nur ist diese Klausel leider nicht gültig. Sie entbehrt jeder Rechtsgrundlage. Es heißt "falls der Verein es wünscht". Auch Heiko Herrlich wünschte es sich mal, für den BVB Dortmund zu spielen, trotz Vertrages bei Gladbach.

Auch sehr undurchsichtig, wieso gerade zu Beginn dieser Saison diese Musterverträge entstanden sind. Ahnte der DFB schon von der Pleite? Er wußte es und damit verbunden auch die Vereine (siehe Chronik). Um so schlimmer auch, daß St. Pauli (hier vor allem der Trainer, der Verantwortliche für's Sportliche und Neuverpflichtungen) blauäugig und manchmal unglücklich vorgeht . Warum wurde der Albaner Zmijani verpflichtet, obwohl die Urteilstendenz feststand. Der Sponsor für sein Gehalt hätte es auch für einen Italiener oder Schweden gezahlt, denn es ging ihnen ja um die Unterstützung des FC St. Pauli. Nichts gegen den Fußballer persönlich, den viele liebevoll "Hütchen" nennen, aber die Krönung war das Werben um Jonathan Akpoborie. Nochmal, es geht nicht um die Person, sondern um sportpolitsches Denken im Verein. Wie nimmt der Spieler X die beste Position im Gesamtgefüge der Mannschaft ein? Lohnt es sich wirklich, für 100.000 bis 200.000 DM weniger einen Spieler zu verpflichten, der z.B. aus Afrika kommt und drei Jahre einen Ausländerplatz besetzt oder ist es günstiger, einen "EU-Ausländer bzw. -Inländer" zu verpflichten? Warum wurde z.B. nicht Niclas Kindvall vom HSV ausgeliehen, anstatt das Gedankenspiel mit Akpoborie zu beginnen?

Handlungsbedarf allerorten, der Grundstein für ein Jugendfußballinternat wurde noch nicht gelegt bzw. erdacht. Kooperationsverträge mit anderen Vereinen sind noch in weiter Ferne. St. Pauli stolpert langsam vorwärts im Ablösesystem. Quo vadis St. Pauli?

P.S.: Wetten, daß Paul Caliguiri doch italienischer Abstammung ist und Italiener werden könnte, also rein theoretisch.
P.P.S.: Wer den lateinischen Nachsatz in der Überschrift richtig übersetzt einsendet, erhält einen Übersteiger-Kalender 96.

GAG

Chronik

Juni 1990: Jean-Marc Bosman gerät mit seinem Club, dem FC Lüttich in Streit.Man kürzt ihm das Gehalt um 60%. Bosman will deshalb zum französischen Zweitligisten Dünkirchen wechseln. Das scheitert an der überhöhten Ablöseforderung von Lüttich. Lüttich entläßt Bosman.
August 1990: Bosman verklagt den FC Lüttich und den belgischen Fußballverband auf Schadenersatz, weil man ihn beim Wechsel behinderte.
November 1990: Ein belgisches Gericht erlaubt Bosman, ablösefrei nach Frankreich zu wechseln. Dagegen klagt der belgische Verband.
Mai 1991: Das Lütticher Berufungsgericht trifft die Grundsatzentscheidung, Bosman dürfe wechseln. Das Gericht ruft danach den EU-Gerichtshof an. Dieses soll Gesetze über die freie Wahl des Arbeitsplatzes in Europa ganz vereinheitlichen.
Januar 1992: Bosman kehrt nach Belgien zurück und sein Antrag auf Arbeitslosengeld wird abgelehnt.
März 1995: Berufung der UEFA, belgischem Verband und dem FC Lüttich wird abgeschmettert.
Juni 1995: Prozeßbeginn vor dem EU-Gerichtshof in Luxemburg. Bosman verlangt Schadenersatz (1.000.000 Dollar).
November 1995: Offener Protestbrief der UEFA gegen die mögliche Entscheidung des Gerichtes zugunsten von Bosman.
24. November 1995: FIFA unterstützt UEFA.
15. Dezember 1995: Der EU-Gerichtshof fällt sein Urteil zugunsten von Bosman. Eine Revision ist nicht möglich.

Regional? National? International? Scheißegal!


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