Wie aus fundamentalen Gedanken banale Wut wurde oder: Es heißt verdammt nochmal St.Pauli, ihr Sucker
Was hatte ich mir doch für Gedanken zu Beginn dieser Saison gemacht. Von Kommerzialisierungsängsten und vom Verkauf der Identität war da die Rede, alles zusammengefaßt in den Worten : Oh je 1.Liga. Ein halbes Jahr ist seit dem vergangen und was ist geblieben? What the fuck is Kommerz und wer spricht hier noch von Identität? Viel Schlimmeres ist geschehen und obwohl es sich seit Jahren andeutete und eigentlich keinen mehr überraschen dürfte, es trifft einen bei jedem Spiel wie ein Keulenschlag. Wovon mag er jetzt wohl sprechen? Nun denn, laßt mich noch ein wenig herumfloskulieren bevor ich mich richtig auskotze. Alte Zeiten sind schön und sie lassen sich in nostalgischen Momenten auch wunderbar aufwärmen, mehr aber auch nicht. Daß am Millerntor längst nicht mehr alles so ist wie es mal war, das wissen hoffentlich die meisten von Euch und denen, die es nicht wissen, sei es hier mitgeteilt. Daß die erste Liga ihr Scherflein dazu beitragen würde, in dem Punkte waren meine Befürchtungen wohl durchaus richtig oder glaubt hier irgendjemand, daß ein Mensch wie Uli Maslo in der tiefen, aber doch sehr amüsanten Stumpfsinnigkeit der zweiten Liga noch Trainer wäre bei diesem Verein oder daß er gar noch bejubelt würde?
Quo vadis, Fans des FC St.Pauli. Ich betone das Wort Fans, denn um den Verein mache ich mir geringere Sorgen. Vielmehr macht mir das Wort Fans zu schaffen, denn ich frage mich, wie viele von den im Stadion Anwesenden diesen Begriff wohl mit Leben erfüllen. Vor einigen Wochen noch hätten Schimpf und Schande sich ihren Weg über die Tastatur gebahnt, wäre fast niemand mit heiler Haut dem Schwall meiner Worte entgangen, doch die langen dunklen Stunden der Winterpause haben mein Gemüt abkühlen lassen, und so reicht es nur noch zu einem heiseren und fast weinerlichen: "Ich will endlich mal wieder zum Fußball gehen". Das Stichwort ist gegeben:
Zum Fußball gehen
Ich weiß nicht, ob Ihr alle nur älter und gesetzter geworden seid oder ob uns die Modefans einfach nur überrollt haben, es ist mir eigentlich auch egal, ich weiß nur, daß der Besuch am Millerntor nicht nur keinen Spaß mehr macht, sondern sich zumeist zu einer sehr langweiligen Angelegenheit entwickelt hat. Daß ausgerechnet die "Supporters News" vom FC St.Soziologieseminar sprechen, ist hierfür eigentlich das prägendste Moment. Vielleicht müssen wir akzeptieren, daß wir nur einen Kern von ca. 12000 Leuten im Stadion haben, die tatsächlich wegen des Vereins in das Stadion kommen. Und der Rest? Der Rest will einfach nur partizipieren an dem, was die Medien so schön zu einer Paadie stilisiert haben. Doch was ist denn das für eine Paadie? Aus einer Feier ohne Ende, aus einem Exzess, bei dem die Gastgeber am nächsten Morgen das Land fluchtartig verlassen haben scheint dann doch mehr eine Art Sektempfang geworden zu sein. Man trifft sich zu einem Plausch und einem Gläschen, sagt hier Hallo und hält dort einen Small-Talk, ab und an bedenkt man auch den Gastgeber mit einigen Blicken oder einem lauten Zuruf, aber ansonsten herrscht halt diese nette Zwanglosigkeit eines Sonntagmorgens.
...wenn da nicht diese ständigen Störungen wären. Widerliche Gestalten brüllen stakkatoartig Worthülsen in den leeren Raum und dann gibt es doch tatsächlich auch noch Leute, die da mitmachen. Absurd und unter aller Würde, wirklich. Da hilft nur eines: Eisern schweigen. Nur so kann man diese Brüllaffen ihrer Lächerlichkeit preisgeben und mundtot machen. "Ha, siehe da, es klappt, es sind deutlich weniger geworden, die es wagen, die traute Runde durch laute und grelle "Obszönitäten" zu stören. Und wenn dieses Bagalutenpack endlich weiß worum es geht, dann werden sie vielleicht auch nicht mehr so enervierend viele Emotionen zur Schau stellen. Es ist doch Paadie-Time und wer wird sich schon an einem so schönen Sonntagmorgen von einem schlecht gelaunten Gastgeber die Laune verderben lassen. Nein, um in der Sprache des niederen Volkes zu bleiben: Scheißegal, scheißegal, scheißegal. Ist doch alles nicht so wichtig."
Geht kacken
Diese Zwischenüberschrift ist eigentlich gar keine, sondern vielmehr ein Ausbruch, der an dieser Stelle kommen mußte. Der Tag, an dem sich auch "Intellektuelle" für das runde Leder interessierten war der Tag, als sich vieles rund um diesen Sport zum Positiven veränderte. Endlich gab es Leute, die sich ein paar mehr Gedanken machten um das, was auf und vor allem rund um das grüne Viereck passierte. Es war aber auch der Tag, an dem eine Personengruppe begann, sich für einen Sport zu interessieren, mit dem sie sonst nichts zu tun haben wollte. Den Banalitäten eines Kampfes um ein rundes Stück Leder oder gar der dumpfen Frivolität auf den Rängen war doch nichts abzugewinnen, wahrlich abstoßend wirkte dieser Moloch des Proletenhaften. Plötzlich aber war alles ganz anders. Der Ruf des Millerntors erschallte und in Scharen stürmten sie herbei:Die bisher nur heimlich Interessierten, die ihre Leidenschaft im eloquenten Freundeskreis immer gut zu tarnen gewußt hatten ebenso wie die Massen der Desinteressierten, die wie die Motten zum Lichte eilten, um, ja um genau dieses Licht zu verdunkeln. Der Kommerz und das fehlende feste Fußballklientel bei St.Pauli tat sein übriges. Der Totenkopfpullover, von dessen Identitätsverlust ich vor einem halben Jahr gesprochen habe, hat genau diese auf eine völlig andere Art verloren. Nicht Verwässerung eines Symbols durch Kapital und Werbung, sondern Intellektualisierung ist der Tod eines Gedankens. Und plötzlich, ganz plötzlich, nachdem wir uns vielleicht jahrelang vor diesem Gedanken gewehrt haben, muß uns klar werden, daß nicht mehr den Fußballidioten das Denken abhanden kommen könnte, sondern am Millerntor den Denkenden die Idee des Supports.
Small-Talk statt Anfeuerung, kühle Distanz statt feuriger Herzen, der Stadionbesuch verkommen zum Pflichttermin in einer In-Kneipe, die ihren Ruf nur noch der ständigen Erwähnung in der Medienlandschaft zu verdanken hat. Symbolhaft haben diese Menschen es geschafft, aus einem Fußballverein ein Spielobjekt zu machen, aus St.Pauli wurde allerorts "Pauli". "Gehst Du auch zu Pauli?", "Bei Pauli ist immer was los", "...tolle Paadie bei Pauli", "blablabla". Nichts könnte die Einstellung besser unterstreichen als diese Wortwahl. Blablablablabla.
Und da stehen sie nun in vereinzelten Grüppchen, recken zu fünft oder sechst ihre Arme in den grauen Himmel und rufen verzweifelt für einige Sekündchen den Namen ihres Vereins, um abrupt zu verstummen, da das Schweigen um sie herum schon nicht mehr nur erdrückend, sondern vorwurfsvoll erscheint. Dann erschallt die Stimme des Nebenmannes: "Kannst Du nicht mal mit dem Geschreie aufhören." Du willst gerade empört dagegen halten, daß wir uns hier beim Fußball befänden, da hörst Du die Worte: "Gegen den FC Stuttgart muß Pauli aber gewinnen." Deine Gesichtszüge entgleisen, wie automatisch greifst Du in die Tasche, umfaßt den kalten Griff der letzten Entscheidung und...erschießt Dich. In den letzten Zuckungen Deiner Synapsen vernimmst Du noch die Wort: Also wirklich du, diese Fußballidioten müssen aber auch alles viel zu ernst nehmen. Pauli ist auch nicht mehr das, was es mal war.
Epilog: Wehret dem Untergang
Ich weiß nicht wie oft dieses Thema in den letzten Jahren schon behandelt wurde, ich weiß auch nicht, ob es noch Leute gibt, die es interessiert, das ist im Grunde auch egal, denn wenn nicht bald etwas passiert, dann war dies der Abgesang auf eine schöne Zeit und der Beginn der Geschichten am Kamin, Geschichten von einer Zeit, als man sich noch anschreien mußte auf den Paadies und nicht den gediegenen Gesprächen am Stehtisch lauschen konnte. (lüh)
P.S. Und noch ein letztes Mal: Es heißt nicht Pauli, sondern St.Pauli, ist das klar???!!!!!
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