Debatte

Zivis on Tour

Die Fan-Szene am Millerntor wird in dieser Saison erneut auf eine harte Probe gestellt: Polizei in zivil, sogenannte "Szenekundige Beamte" (SKBs) haben von höchster Stelle den Auftrag bekommen, sich in der Szene umzutun. Höchst brisant, meinen wir, und wollten nebenstehendes Schreiben dieser SKBs nicht ohne Debatte abdrucken. Vier kurze Stellungnahmen findet Ihr hier, nun seid Ihr an der Reihe: Was haltet Ihr davon? Millerntor-Stasi oder willkommener Schutz in schwierigen Situationen?
Schreibt uns Eure Meinung!

Wölfe im Schafspelz

Das nebenstehende Schreiben ging bei der ÜBERSTEIGER-Redaktion mit der Bitte um Abdruck ein. Zivis, die sich Namen wie "Toni" oder "Bibo" geben, wollen uns neuerdings vor den bösen Fans anderer Mannschaften schützen. Dazu, so teilen sie uns mit, sei es selbstverständlich notwendig, die Polizei vor Ort "über die Struktur der St. Pauli-Fans zu informieren". Es ginge hier schließlich um unseren "guten Ruf". Und damit wir auch alle brav mit ihnen zusammenarbeiten, können wir sie "jederzeit" über den Fanladen kontakten.

Codewort: SESAMSTRASSE nehme ich an. Da drängen sich, neben den keineswegs angenehmen Erinnerungen an vergangene Zeiten, auch ein paar Fragen auf. Wer uns wirklich beschützen will, der kann das mit Uniform und der Dienstnummer auf der Jacke. Dazu ist es nicht notwendig, sich zu verstecken. Wozu also die Verkleidung? Welche Informationen über uns sollen gesammelt und wem weitergegeben werden? Welchem Zweck ist das dienlich? Unseren vermeintlich "guten Ruf" haben wir uns ohne die Hilfe staatstragender Organe geschaffen und es sollte möglich sein, ihn auch ohne ihre Hilfe zu erhalten, so wir das wollen. Dieser "Ruf" entstammt einer Zeit, als hier am Millerntor viele Menschen aufgestanden sind, um Stellung zu beziehen gegen Rassismus, Hooliganismus und Dummheit. Es waren Fans, die das Verbot rechtsradikaler Parolen und Symbole forderten, nicht der Verein und nicht die Staatsmacht. Ganz zu schweigen davon, inwiefern wir dabei in den folgenden Jahren von ihnen unterstützt wurden. Für die Werbetrommel waren wir gut genug. Rassismus in den eigenen Reihen wurde unter den Teppich gekehrt, wann immer sich die Möglichkeit bot. Jede Aktion im Stadion wurde von den Fans angeregt und durchgeführt und allenfalls mancher Ordner verdient Respekt für seine Unterstützung.

Was ist also der tatsächliche Grund für "Bibo's" und "Toni's" neuem Interesse an unseren "Strukturen"? Falsche Frage! Interessiert hat es sie schon immer. Lediglich die Methode ist neu. Statt immer außen vor" zu sein, möchte man zur kalten Jahreszeit lieber drinnen im Warmen sitzen. Und ständig "Feind" zu sein ist auf Dauer ja auch ätzend. Da gibt man sich lieber einen schönen Spitznamen, ist schwer in Ordnung" und hofft auf Gegenliebe. Taktisch nicht dumm, bietet man seine Dienste kurz nach dem Debakel in Rostock an. Da waren ja viele Leute ausnahmsweise nicht ganz unglücklich über die massive Polizeipräsenz. Und den Fanladen nutzt man als Anlaufstelle für Denunzianten. Besser geht's gar nicht. Und unverschämter auch nicht.

Und deshalb bleibt mein Standpunkt immer noch der gleiche, wie zu den Zeiten, als sie uns weder Briefe schrieben, noch Namen hatten: Der Wolf kann noch soviel Kreide fressen, er bleibt ein Wolf.

ERNIE

Der Fan-Laden des FC St.Pauli legt Wert auf folgende Feststellung:
  • Die Polizei hat weder in uniformierter noch in ziviler Form einen Schreibtisch im Fan-Laden. Sie ist dort auch nicht ständig erreichbar, eigentlich gar nicht.
  • Die Polizei erhält in vom Fan-Laden organisierten Bus- oder Bahnreisen zu Auswärtsspielen keine Mitfahrgelegenheit. Auf den Reisen auftretende Probleme haben wir in der Vergangenheit ganz gut selbst geregelt bekommen und so wird es auch bleiben.


Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter