Samstag, 11.11.1995, es ist ca. 17.17 Uhr und ich bin mir nicht so ganz sicher, ob der Gedanke, der mir durch den Kopf geht auch tatsächlich meinen Synapsen entsprungen ist: "Das wird mein erster Auswärtsbericht, der sich nur um den Fußball drehen wird."Jetzt, einige Tage später hat sich das zwar ein wenig relativiert, aber der nachträgliche Eindruck dessen, was sich vor unseren Augen im Parkstadion abspielte ist noch immer schwerwiegend genug, daß ich mir trotz Videoaufzeichnung die Spielausschnitte noch nicht angesehen habe.War es nicht so, daß die Auswärtsfahrten der 1. Liga wahre Erlebnisse werden sollten: Andere Stadien, mehr Zuschauer und besserer Sport...? Nun denn, das Parkstadion ist auch nicht hübscher als andere Stadien dieser Bauart, viele Zuschauer in so einer Schüssel..., aber immerhin; doch der Ballsport einer bestimmten Mannschaft... Ich will ja gar nicht behaupten, "unsere" Heroen hätten schlecht gespielt, nein, es war grachtenschlecht. Eine echte Reminiszenz an die gute alte 2.Liga. So langsam bekomme ich das Gefühl, der Mythos St.Pauli hat seine Berechtigung in der Erfüllung von Negativerlebnissen: Keine Tore am Millerntor gegen Bayern, der unsägliche Ostkomplex und jetzt das Parkstadion, wo man ja durchaus verlieren kann, aber so? Ich glaube, nicht wenige fühlten sich an den Juni '91 erinnert. Und so trottete denn eine schweigende Menge zu den Bussen vor dem Stadion, leicht erschüttert ob dem soeben ertragenen. Zu Pfiffen hatte es nicht gereicht, welch Glück, die wollen wir auch nicht hören, aber wer kann auch schon eine Mannschaft auspfeifen, die mit Dackelaugen und hängenden Köpfen nach dem Schlußpfiff in die Kurve trottet, fast wie um sich zu entschuldigen. Und so hätte es mich nicht gewundert, wenn am Ende Fans und Mannschaft sich weinend in den Armen gelegen hätten, so tragisch war dieser Anblick. Vielleicht aber auch müssen wir uns einfach daran erinnern, daß es gegen den Abstieg geht und diese Mannschaft über jeden Punkt glücklich sein kann, der Saisonauftakt soll kein Maßstab sein, also vorwärts im Kampf um den Klassenerhalt. Das hörte sich nun fast wie das Ende des Berichtes an, aber wehe wehe, wenn es da nicht die Fahrten gebe. In schönster Tradition wollen wir zurückkehren zu den wichtigen Dingen des Lebens, denn was scheren uns 90 min. Fußball bei 12 Stunden Reisedauer? So hatten wir denn das für norddeutsche Charaktere recht zweifelhafte Vergnügen, dem Moment des Karnevalbeginns beizuwohnen und ich zählte auch noch den Countdown ab. Kölle helau oder so (ich glaube, das gibt böse Post). Glücklicherweise konnten wir feststellen, daß auch Rheinländer oder in diesem Fall RheinländerInnen nicht davor gefeit sind, in dieser speziellen Jahreszeit ihren Körper zu überfordern. Nicht so schön an der Fahrt waren die Befürchtungen, die sich aufgrund einer Mopo-Meldung auftaten. Von Sicherheitsstufe 1 war da die Rede, vergleichbar mit Spielen gegen den HSV oder Rostock. Wer von außen Aggressionen schüren will, der geht so den richtigen Weg, es waren jedenfalls nicht wenige etwas verunsichert. Doch erstens haben wir seit 17 Jahren nicht mehr gegen die Knappen gespielt (zumindest nicht in einem Wettbewerb), woher also stammt diese Einschätzung, und zweitens: es war rein gar nichts, sogar unser Stadioneingang war gemischt. Der Dank geht an die Presse. Tja und wer das Spiel auf dem grünen Rasen nun überhaupt nicht mehr begreift, dem sei gesagt: Dies ist ein reines Kommunikationsproblem. "Es ward Licht", sprach schon die Heilige Schrift, doch sie vergaß zu erwähnen, daß damit auch der Ton erfunden wurde. Und so konnten wir auf der Rückfahrt inmitten eines völlig unverständlichen Kauderwelsches (Lippensprache??) die Spielanalyse mit Hilfe der modernen Technik zu Ende bringen. Ohne Flutlicht, Sonne oder Blitzen kann man vom Spiel einfach nichts verstehen. Euer Dr. der Zigigkeit (in Trauer um die Euch umgebende Stille)P.S. Euer zahlreiches Erscheinen im Sonderzug war für die Zukunft und die Finanzierung derartiger Fahrten wahrlich ein Segen. Danke! |
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