"Das ist hier kein Sanatorium"

Und so verlassen wir also das Heiligengeistfeld, überqueren die Budapester Str., biegen ein in die Clemens-Schultz-Str. und schwupp, 100m weiter können wir schon die erste Frage stellen, die natürlich lautet:

Gibt es denn auch für Euch was zu feiern?
K: Für uns ist das natürlich ein voller Erfolg, daß wir das ein Jahr durchziehen konnten.
M: Es war halt nicht abzusehen, daß es so gut läuft. Da sind wir schon ganz zufrieden, klar.

Aber wie hat denn eigentlich alles angefangen?
K: Wir waren halt beide arbeitslos und hatten auch keine großartige Perspektive...und dann war da die Fortuna Köln Auswärtsfahrt, da sind wir zusammen hingefahren und auf der Rückfahrt hat Marc erzählt, daß an dem Laden ein Schild "zu vermieten" hängt und zwei Tage später habe ich angerufen und innerhalb von 10 Tagen haben wir die Kneipe aufgemacht.
M: Wir waren selber überrascht, daß das alles so gut geklappt hat. Aber das sind ja meist die guten Entscheidungen, wo man sich schnell entscheiden muß. Spontan halt! Und bis jetzt bereue ich es auch nicht. (Anm. Wäre ja auch noch schöner)

Hat denn der Pfennig nun endgültig die Szene um den FC St.Pauli gesplittet? So, als Gegenpol zu "Hermann"?
K: Das find ich nicht. Ich denk mal, daß sich das auch überschneidet. Ich meine, der Riss war schon vorher da. Wir haben eben keine Kneipe gehabt, wo wir hingehen konnten und deswegen haben wir sie ja auch aufgemacht.

Kaum mehr als drei qm, da stellt sich die Frage, ob dies überhaupt finanzierbar ist.
M: Ohne Heimspiele wäre die Kneipe hier nicht zu finanzieren. Die machen 70% des Umsatzes aus.

Spießerloch

Wer weiß schon im voraus wie ein Laden so läuft?
K: Das läuft schon so, wie wir uns das vorstellen. Wir würden uns schon freuen, wenn wir noch mehr Gäste gewinnen würden..., aber ich habe immer so das Gefühl, daß das Äußere der Kneipe viele Leute abschreckt, weil sie das hier so als ein Spießerloch empfinden.
M: Es gibt wohl so eine Schwellenangst bei vielen Leuten...Der Pfennig hat auch so ein Fußball-Image, was wir ja auch wollen. Das schreckt auch halt viele Leute ab, die mit Fußball überhaupt nichts zu tun haben.

Was verändert sich eigentlich, wenn man auf der anderen Seite des Tresens steht?
M: Im Verhältnis zu den Leuten verändert sich da gar nichts. Es ist eine interessante Perspektive, wenn man hier steht und sich das anguckt. (Anm. Vor allem in den Stunden nach dem Interview, was Aller)

Gab es denn irgendwelche Enttäuschungen?
K: Was mich in letzter Zeit ganz schön abnervt, ist, daß manche Leute denken, die könnten hier ihre Privatkriege austragen, d.h. sich auf die Fresse hauen. Das werde ich ganz konkret zu verhindern wissen, also auch, daß die Leute rausfliegen.

Habt Ihr denn das Gefühl, daß Freundschaften am Tresen ausgenutzt werden?
M: Bei einigen Leuten denkt man schon, ja, so nach dem Motto: Man kennt sich ja schon so lange.

Von Nachbarn, Hools und den grün Bekleideten

Probleme gibt es ja leider immer wieder und einige müssen hier einfach angesprochen werden:
1. Die Nachbarn
K: Die Nachbarn haben hier halt ständig die Pächter wechseln sehen. Die waren hier keinen massiven Publikumsverkehr gewohnt. Und am Anfang haben sich die Leute, die keinen Bezug zu der Kneipe oder der Szene hatten, benommen wie...na ja klar, früher war ich auch so drauf.
M: Die Nachbarn hingen an den Fenstern und die Leute gehen rüber und pinkeln in die Vorgärten. Sodom und Gomorrha halt.
K: Bei dem APPD-Parteitag haben die natürlich große Augen gemacht, die ganzen Spießer, die da abhängen.

Zwar hat sich die Szenerie auch wegen der Jahreszeit ein wenig beruhigt, aber auf den nächsten Sommer sind die beiden sehr gespannt, auch wenn jetzt eine Konzession für Außenbedienung existiert, so daß Polizei oder Ordnungsamt nicht so schnell auftauchen. Und dann aber schildert Klaus den Fall, als ein Nachbar sich in der leeren Kneipe über die Lautstärke beschwert und Zettel an den Bäumen mit dem Hinweis auf mehr Ruhe verlangt hat. Klaus’ Kommentar: Wir sind hier auf St.Pauli und nicht in Pöseldorf. Das ist hier kein Sanatorium, sondern eine Kneipe. Aber wir wollen auch kein schlechtes Verhältnis zu den Nachbarn haben und haben deswegen auch von uns aus einen Dialog gestartet.

2. Die Polizei
M: Ich war ganz überrascht. Die Polizei hat eigentlich viel Verständnis gezeigt für die Feierei und war mehr auf unserer Seite.
K: Wir haben eigentlich eine gute Zusammenarbeit mit denen von der Lerchenstr. Ich kann drüber erstaunlicherweise nur Gutes berichten.

Wohl im Gegensatz zu der Davidswache, denn Marc schildert den fast repräsentativen Fall, als einer von dieser Wache vor der Kneipe aus dem Auto stieg und sagte:"Was ist denn das für ein Saustall?"

3. Hooligans
K: Wir sind ja nicht direkt auf dem Kiez. Einmal war hier was mit Rostock und das andere Mal, als die Bayern hier waren, da haben die grün Angezogenen die Hools hier direkt vorbeigeführt. Das war halt total Banane von denen.
M: Aber sonst haben wir keine Probleme, auch nicht mit den HSVern.

4. Sanierung des Viertels
K: Ich habe gelesen, daß hier sowas wie in den Zeisehallen entstehen soll, und noch ein Wohntrakt dazu. Das Problem ist, daß der Hauptverpächter an uns zu wenig verdient und uns schnell raushaben will. Aber wir haben ein Fünfjahresvertrag.

So, zum Ende hin dürfen die Beiden natürlich noch ihre Wünsche für die Zukunft äußern.
M: Ich wünsch mir, daß das hier so gut weiterläuft, weil ich Interesse habe, daß der Laden noch ein paar Jahre existiert...
K: ...und ein Treffpunkt für Leute ist, die nach dem Fußball gerne ihr Bierchen trinken wollen bzw. nicht nur nach dem Fußball und nicht nur Fußballinteressierte, sondern überhaupt. Aber Du mußt immer animieren, die Kneipe läuft nur, wenn Du Action machst. Wir wollen einen Punk- und Skaschuppen für Skins und nette Leute, die man so kennt...
Ach so, Ützi
K: Ja, Ützis und Dützis.

Eigentlich sind die Beiden also recht zufrieden, nur ein wenig Kohle könnte es halt sein, denn große Anschaffungen oder Reperaturen sind nicht drin, ganz abgesehen davon, daß sie leider im Inneren nichts verändern dürfen. Man verdient sich hier halt keine goldene, sondern, so Marc, nur eine rote Nase. Wir danken Euch für das nette Gespräch, wünschen Euch, daß alles in Zukunft noch viel besser als erwartet läuft und weisen im Namen von Marc & Klaus daraufhin, daß es demnächst, wie angekündigt, auch richtig abgeht im Pfennig:

Ab 6/7.12 jeweils um 22.00 Uhr heißt es: Pack die Plattensammlung ein. Mi: Ska, Reggae, Soul. Do: Punk, Indie. Meldet Euch am Tresen.

6.12. Ska/Soul mit Pagger
7.12. Punk mit Mühle & Klo
13.12. Rocksteady mit Ratz
14.12. Mod Power Pop mit Didi
24.12. 23.00 Uhr Holy-Soul-Nighter
31.12. 21.00 Uhr No-Taste-Party. Manche haben einen schlechten Geschmack, wir sind geschmackloser! Kostümprämierung, billiger Eierlikör.
Ab 7.1.96 Jeden Sonntag ab 15.00 Uhr Britischer Fußball. Fußballkaffeekränzchen mit Tee, Fußball, Kaffee, Kuchen etc.

(lüh)
P.S. Vielleicht ist der Pfennig noch kein Sanatorium, aber wenn er noch lange existiert, kann es sein, daß sich ein Umbau durchaus lohnen könnte. Saufen, Aller.
Am 4.12.1994 öffnete eine Schänke ihre Pforten, deren Existenz wir in den vergangenen 12 Monaten so viele fantastische Abende und so herbe private finanzielle Verluste zu verdanken haben, daß heute, zwei Tage vor dem ersten Geburtstag, diesem Ort eine entsprechende Würdigung zuteil kommt. Und so geben wir Klaus und Marc die Chance, einmal selbst das zu sagen, was schon immer gesagt werden mußte, immer in der Hoffnung, daß wir damit ein wenig dazu beitragen, die Kneipe so bekannt zu machen, wie sie es verdient hat.
Der Steckbrief:
    Name: Zum Letzten Pfennig
   Wirte: Klaus & Marc oder Marc & Klaus
     Ort: Clemens-Schultz-Str.9, Hamburg-St.Pauli
   Alter: so wie sie jetzt ist, 363 Tage
   Größe: mehr als 3 qm
 Zustand: pssssssssss

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