KINDERARBEIT FÜR DEN FUSSBALL

Der Spielball gerät ins Zwielicht

Sialkot ist eine alte Industriestadt im östlichen Pakistan, nicht weit entfernt von der Grenze zu Indien. Doch für die 500.000 Einwohner der Region sind die relativ "guten" Zeiten vorbei hier im Punjab. Und so ist der Nährboden für niedrigste Löhne und "moderne" Sklavenarbeit bereitet, denn die Menschen suchen Arbeit, egal zu welchen Konditionen, um die Familien zu ernähren. Konzerne aus der reichen "1.Welt" sind die Auftraggeber für die günstigst herzustellenden Produkte.

Nicht von ungefähr ist gerade diese Region zum zentralen pakistanischen Sportartikel-Produktionsort geworden. Nachdem die britische Kolonialmacht, die natürlich genug Muße hatte, sich in der einen oder anderen Sportart zu verdingen, in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts feststellen mußte, daß der direkte Nachschub an Sportgeräten aus Großbritannien immer spärlicher wurde, besann diese sich auf die handwerklichen Fähigkeiten der Menschen aus dem Punjab, den diese im Umgang mit natürlichen Materialen hatten. Und nachdem zunächst nur Reparutur-Arbeiten durch die Pakistani erfolgten, begann schließlich die Produktion vor Ort.

Und so wurde Sialkot in den letzten zwei Jahrzehnten zur unumstrittenen "Welthauptstadt" der Fußball-Produktion. Schätzungsweise achtzig bis neunzig Prozent der Weltproduktion stammt von hier. Jahr für Jahr verlassen rund 40 Millionen Fußbälle die Region, und rund 25.000 Menschen leben von dieser Arbeit. Von den ca. 5.000 Kindern Sialkots sind schätzungsweise zweidrittel an der Herstellung der Kunststoff-Blasen beteiligt. Und die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Zwar ist auch in Pakistan Kinderarbeit offiziell verboten, doch scheren sich die Behörden einen Dreck um die Einhaltung dieser gesetzlichen Vorgaben. Überprüft werden lediglich jene Fabriken, welche die Endkontrollen und -produktionen vornehmen, und hier herrschen vergleichsweise humane Arbeitsbedingungen. Und Kinderarbeit ist in diesen Betrieben wohl tatsächlich nur vereinzelt festzustellen. Doch in den Zuliefer-Klitschen für diese "Produktionsstätten" herrscht die pure Willkür, und der Kapitalismus zeigt hier seine übelste Fratze.

Die ganze Region rund um Sialkot "lebt" davon, die Plastik-Kugeln zusammenzunähen. Fünf- bis dreizehnjährige Kinder stellen hier die qualitativ besten Fußbälle der Welt her, mit denen in allen Ligen der Welt, bei WMs, EMs und anderen internationalen Wettbewerben gekickt wird. Täglich nähen hier hunderte von Minderjährigen, von morgens um 7.00 Uhr bis spät in den Abend, und müssen sich mit einem Hungerlohn abspeisen lassen. Zwei bis drei Stück pro Tag schaffen die quasi Leibeigenen in Handarbeit und erhalten pro gefertigten Ball, der dann schließlich in Europa für bis zu 160,- verkauft wird, nur wenige Groschen.

Auf Holzfußböden sitzend stechen zarte Kinderhände überdimensionale Nadeln in die weißen Plastik-Teile. Und sie tun dies sehr schnell, denn Stundenlöhne gibt es hier nicht, die Bezahlung erfolgt nach Stückzahl. Und während einer sogenannten Einarbeitungszeit, die zwischen 6 und gar 12 Monaten dauern kann, arbeiten die armen Geschöpfe sogar ohne jedwede Entlohnung. Die bekanntesten Markenhersteller lassen hier produzieren: Reebok, Dunlop, Lotto, Mitre u.a. Doch hauptsächlich würde für adidas produziert, hört man in Sialkot allenthalben.

Die Firmen-Logos werden aus Europa angeliefert, um von den pakistanischen Sub-Unternehmern in die billig und sorgfältig hergestellten Fußbälle eingearbeitet zu werden. Auf eine Herkunftsbezeichnung der Fußbälle wird -sicherlich wohlüberlegt- denn auch verzichtet. Und jeder einzelne dort produzierte Ball wird mit dem offiziellen Segen des Fußball-Weltverbandes, der FIFA, zugelassen und geprüft. Die meisten der Familien der hiesigen Region leben in einer Art Schuld-Knechtschaft. Dies heißt, daß Familien sich auf Lebenszeit vertraglich an einen Arbeitgeber binden müssen, da sie Schulden zu Wucherzinsen abtragen müssen. Da selbst dies nicht ausreicht, um schuldenfrei zu werden, "verkaufen" viele Eltern ihre Kinder an ihren Arbeitgeber. Da es fast unmöglich ist, die Schulden zu tilgen, vererbt sich diese "Leibeigenschaft" über Generationen hinweg. Ein Teufelskreis, dem die meisten Familien hilflos ausgeliefert sind. Und natürlich ist es den Kindern unmöglich, irgendeine schulische Ausbildung zu genießen, da sie den ganzen Tag für ihre "Herren" schuften müssen.

Deshalb fordert das Deutsche Kinderhilfswerk die Sportartikelhersteller auch auf, die Geschäftsbeziehungen mit Zulieferfirmen in Pakistan aufzukündigen. Doch diese reagieren nur halbherzig. Angeblich sei es fast unmöglich, die vielen hundert dörflichen Arbeitsstätten regelmäßig zu kontrollieren. Und, wohl um sich zu entschuldigen und ihren guten Willen zu bekunden, verweist die Firma Reebok zynischerweise auf eine 15.000-Dollar-Zuwendung (Dotierung des Menschenrechts-Preises des Sportartiklers) an Iqbal Masih, einen zwölfjährigen Anti-Kinderarbeit-Aktivisten, der im April, wegen seines Eintretens für die Rechte der pakistanischen Kinder-Arbeiter, ermordet wurde. Und er galt als Symbolfigur für die weltweit geschätzten 200 Millionen Kinder unter 15 Jahren, die ihr Leben mit harter Arbeit fristen.

Im Frühjahr besuchte der pakistanische Aktivist und Ziehvater von Iqbal Masih, Ehsan Ullah Khan, Gründer der "Bonded Labour Liberation Front", Europa, um auf die Mißstände in seinem Heimatland hinzuweisen. Und der verweist zurecht auf die Widersprüche, die von den europäischen Auftraggebern als Rechtfertigung ins Feld geführt werden: "Es ist eine Doppel-Moral. Wenn sie Dinge aus Pakistan kaufen, dann überprüfen sie die Qualität dieser Produkte sehr sorgfältig. Aber diese Sorgfalt fehlt, wenn es darum geht, dafür Sorge zu tragen, daß es nicht Kinder sind, die ihre Produkte herstellen". Und Khan verweist darauf, daß die Firma adidas diejenige ist, die die meisten Bälle aus Sialkot bezieht. "Everytime a player kicks one of these balls, he is kicking a child" (Khan). Und Khan schließt mit der Aufforderung an alle international tätigen Sportfirmen, den Erwerb von Fußbällen aus all jenen Regionen zu boykotieren, in denen noch immer Kinderarbeit an der Tagesordnung ist. Der britische Labour-Abgeordneten Neil Gerrard appeliert an die Verbraucher, beim Kauf auf die Händler einzuwirken: "Eine sehr effektive Kontrolle für Konsumenten wäre, in den Läden zu fragen, ob sie denn wüßten, wie ihre Bälle produziert werden". Ein hehres Anliegen. Doch bleibt die Frage, ob dies tatsächlich ausreicht, um die hiesigen Hersteller dazu zu bringen, auf Zulieferungen zu verzichten, bei denen nicht eindeutig erwiesen ist, daß die Produkte ohne Kinderarbeit hergestellt wurden.

Die konsequenteste, wirkungsvollste und adäquateste Reaktion kann aber nur ein Boykott-Aufruf gegen die Firmen sein, welche die Kinderarbeit bei der Produktion ihrer Fußbälle zulassen. Also, Leute, verzichtet auf den Kauf von Produkten der genannten Firmen. Und zwar so lange, bis diese Firmen eindeutig nachgewiesen haben, daß deren Produkte nicht mehr unter Zuhilfenahme von Kinderhänden entstanden sind. Dies seid ihr den Kindern von Sialkot und allen anderen Kinderarbeits-Leidenden einfach schuldig.

Und Fußball-Ikone Bobby Charlton findet die richtigen Worte, wenn er postuliert: "You can't condone children being employed in this way".

ro.

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