Von Frieden, Haß und einem Dummkopf!

Mediale Aufbereitung gehört zu einem Fußballspiel dazu. Das ist schön, und das wollen wir auch gar nicht missen.

Daß hierbei auch über die Randgeschehnisse berichtet werden soll, dieser Wunsch bleibt zumeist unerfüllt. Den Herren Kickern gehört das Spotlight, unserereins findet trotz aller Mühen, wenn überhaupt nur am Rande ein Plätzchen. Daß dies nach den Ereignissen von Rostock anders sein würde, damit war wohl zu rechnen, doch was ich dann tatsächlich zu lesen bekam, spottet jeder Beschreibung und war ein direkter Aufruf, dies in einer Art Presseschau zu rekapitulieren. Ich möchte mich jetzt nicht über die Parteilichkeit einzelner Zeitungen mokieren, das gehört zum Geschäft und steht gerade regionalen Blättern selbstverständlich zu. Aber dies hat auch Grenzen und diese wurden von einigen Blättern bei weitem überschritten. Es sollte eine möglichst sachliche Darstellung werden, doch einen leicht sarkastischen Unterton konnte ich mir nicht verkneifen.

1. Die Begrüßung

Stadionzeitungen strahlen nie eine besondere Intelligenz aus, aber der FCH-Kurier ist da noch ein besonderer Fall. Ausgabe 46 zum Spiel gegen den FC St.Pauli begrüßte uns u.a. so: "Über den Erfolg entdeckt sich die norddeutsche Region in neuer Gemeinsamkeit, geprägt durch den Stolz auf ihre Fußballhelden. Nur folgerichtig, daß auch die traditionelle Freundschaft zwischen den Vereinen auf anderen Gebieten auflebt ... Folgerichtig, daß die wahren Fangruppen beider Vereine da nicht nachstehen ... Falls es auf dem Rasen keinen Sieger gibt - Gemeinsamkeiten der Fans von St.Pauli und Rostock stellen Pluspunkte dar." Das Hamburger Abendblatt vom 25.9. zitierte in diesem Sinne dann auch einen Rostocker Fan beim Erblicken von einigen Hamburgern: "Ich hasse Euch, ich hasse Euch, es gibt nichts, was ich so hasse".

2. Wer gegen wen?

Nachdem wir uns alle so prima verstehen, bleibt die Frage, wer sich da eigentlich mit wem und warum ...? Laut Ostseezeitung (26.9.) kam es zu "Prügeleien rivalisierender Fangruppen" oder etwas differenzierter: "...kam es noch auf dem Stadiongelände zu Prügeleien von Hooligans aus Rostock und Hamburg." Ein anderes Bild zeichneten die Hamburger Boulevardblätter. Die Mopo schreibt am 25.9 von "rechten Schlägerbanden" neben dem St.Pauli-Block und die Bild analysierte schon das Vorfeld: "Wenn Paulis 'linke' Fans in den Osten reisen, fahren 'rechte' Hooligans hunderte von Kilometern - 'Zecken klatschen'". Die Anführungsstriche gefallen hier natürlich gar nicht und so verbleibt das Zitat aus der TAZ vom selben Tag: "Deutsche" gegen "Zigeunerclub". Daß also tatsächlich politische Hintergründe eine Rolle gespielt haben könnten, welch frevelhafter Gedanke. Das denkt sich zumindest der Rostocker Polizeisprecher Kirst, als er auf die Frage nach den eventuellen politischen Hintergründen antwortet: "Uns ist nichts bekannt." Na sowas, dabei wußte doch sogar die konservative Welt folgendes zu berichten: "Um das Stadion herum flogen und splitterten Flaschen, glatzköpfige Hooligans in schwarzen Uniformen brüllten rechtsradikale Parolen." (Anm.d.V. Das waren wohl die Rostocker Ordner, andere Schwarzuniformierte gab es nicht.) An dieser Stelle ist anzumerken, daß auch der Manager des FC St.Pauli, Jürgen Wähling, eine ähnliche Aussage wie der Polizeisprecher getätigt hat (Neues Deutschland vom 26.9.). Dies wollten wir nicht auf sich beruhen lassen und fragten nach. Er sagte, daß er selbstverständlich von dieser Auseinandersetzungsebene wisse, sie aber nicht auf die Vereinsebene heben wollte. Sozusagen eine deeskalierende Aussage. Vielleicht verständlich, wenn auch nicht unbedingt nachvollziehbar. In der Folge ließ er dann noch Verständnis für unsere Reaktionen bei derartigen Auseinandersetzungen durchscheinen: "Ich sehe nicht ein, daß unsere Jungs immer den Kopf hinhalten...und unterstütze die Aktionen gegen Gewalt, Rassismus und Rechts." Letzteres glaube ich ihm zwar, aber das wirkte ein wenig nach Selbstschutz nach erkanntem Patzer. Egal.

3. Die Polizeieieieieieieiei

Die Herrschaften in Grün hatten alles unter Kontrolle. In diesem Punkt waren sich fast alle Blätter einig. Unsere Meinung ist da natürlich irrelevant. Die Mopo schrieb: "Die Polizei, die am Ende des 'Kampftages' 19 Festnahmen vermeldete, hatte die Situation allerdings schnell im Griff." Da will die Ostseezeitung nicht nachstehen: "Den Einsatzkräften war es dann jedoch gelungen, die Randalierer auseinanderzudrängen." (Anm.d.V. Das bezog sich wohl nicht auf die Wurfentfernung) Das hört sich alles halb so wild an, doch es gab auch noch realistischere Stimmen. Die Sportbild resümiert am 27.9.: "Bei dem Spiel gegen St.Pauli wurden auch Pannen der Polizei sichtbar: Während die als friedlich geltenden Hamburger wie Radaubrüder abgeschirmt wurden, wurde den als nicht gerade friedlich bekannten Rostockern praktisch freie Hand gelassen." Und die TAZ fragte: "Doch was nützt ein verstärktes Polizeiaufgebot, wenn die 300 Rostocker Hooligans direkt neben dem Gästeblock plaziert sind und während des Spiels ungestört Bierbecher, Steine und gar ganze Sitzbänke in den St.Pauli-Block werfen können?" Eindeutig zu viel Schutz gab es aus Sicht der NNN (keine Ahnung, was das für eine Abkürzung ist) am Bahnhof: "Für Kritik aus den eigenen Reihen sorgte das übergroße Polizeiaufgebot am Bahnhof. Obwohl es keine Anzeichen für Konfrontationen gab, wurden trotzdem immer mehr Beamte dorthin geschickt." Aber es war ja auch alles in Butter, denn dieselbe Zeitung schrieb: "Daß die Ordnungsmacht die Situation in der Hand hatte, beweist auch, daß der Verkehr 30 Minuten nach Spielende wieder flüssig lief -Kompliment." Kompliment auch von mir für die prima Verkehrspolitik, aber um die Sache aufzuklären kommt auch noch ein Hamburger Polizist in der Bild zu Wort: "Rostock führte den Einsatz. Kein Kommentar. Ein Akt der Höflichkeit."

4. Wer war schuld?

Die Schuldfrage zu klären, dies ist eine Aufgabe, bei der sich die Zeitungen aus Ost und West nun ganz und gar nicht einig waren. Während die Welt die Situation wie folgt beschrieb: "Wie vor zwei Jahren wurden Pauli-Anhänger vom tobenden Mob Rostocker Fans nach dem Spiel regelrecht `gejagt’, gingen Scheiben eines Hamburger Fanbusses zu Bruch, wurden übelste Beleidigungen und Wurfgeschosse gegen die Gäste geschleudert", glaubt die NNN zu wissen: "...dabei zerbarsten Scheiben der Busse, die die Gästefans zum Zug brachten. Da die meisten Scherben auf der Straße lagen, ist davon auszugehen, daß die Hamburger für die Zerstörung verantwortlich sind." Dies wollen wir dann auch nicht weiter kommentieren und lauschen dem ostdeutschen Sportkurier, der die Rostocker Polizei zitiert: "Die Randale sei von den einheimischen Hooligans ausgegangen, die Hamburger wären mehrfach provoziert worden..."

5. Wie sind eigentlich die Rostocker so drauf?

Ich möchte mir kein Urteil zu der Frage erlauben, andere dagegen haben damit kein Problem. So schreibt ein Leser an die NNN am 26.9.: "Mal abgesehen von den Chaoten im Block K, die lernen es ohnehin nie, hat die Bundesliga wohl kaum so faire Fans wie in diesem Spiel gesehen, da hat es schon zu DDR-Zeiten mehr `Böller’ im Stadion gegeben", und die Junge Welt vom Tag zuvor sagt dazu: "Aus dem Nebel von Rostock entstehen falsche Bilder. Daraus lassen sich mediale Vorurteile ohne Probleme vervielfältigen, -Rostock-, da war doch schon mal was. Brennende Ausländerwohnheime... Wie schön passen die Szenen vom Samstag in diese Reihe. Am Ende bleibt nur, daß die Nazis aus dem Osten kommen. Doch Rostock und seine Fußballanhänger entsprechen diesem Bild nicht. Sie sind nicht gewaltbereiter und gewalttätiger als die Fans anderer Bundesligavereine."

6. Haß

Dieses Wort ist wohl am häufigsten in der Nachberichterstattung gefallen und eigentlich kaum noch erwähnenswert. Doch dieses Gefühl wurde auch Herrn Maslo bezüglich seiner Reaktionen auf die Spielunterbrechung nachgesagt. "Haß, Aggressivität und Betrug waren die Vokabeln, mit denen er wohl von der Niederlage ablenken wollte." (NNN) Doch er tat dies zurecht. Abgesehen von einigen Derbys trifft wohl kein Verein auf eine derartig feindselige Stimmung in einem gegnerischen Stadion und darauf bezogen sich wohl die Aussagen, nicht auf die eine Qualmwolke. Denn es waren eben nicht nur die "paar" Idioten, sondern "Selbst aus dem VIP-Bereich kamen rüde Beleidigungen" schreibt die Welt und Jürgen Wähling bestätigte, daß auch auf der Haupttribüne der "Scheiß St.Pauli"-Schal ein beliebtes Kleidungsstück war. Der Tenor der NNN-Leser ist jedoch: "Die Situation ist durch das unangepaßt provozierende Verhalten der Hamburger hochgekocht worden."

7. Wer kann über 100 Meter werfen oder traut sich in den Rostock-Block?

Qualm hin, Qualm her, ob Spielwiederholung oder nicht, das ist doch schon fast nebensächlich. Nicht so nebensächlich dagegen die Aussagen der NNN vom 25.9. : "Ein Feuerwerkskörper macht Dampf. Es bleibt jedoch die Frage, wer ihn absandte. Warum sollte ein Hansa-Anhänger das tun?" und etwas weiter: "Und Hansa-Fans für den Rauch verantwortlich zu machen, weil er in der Nähe ihres Blocks aufstieg, ist eine Beleidigung und Vorverurteilung". Genau, so ist das nämlich und am Millerntor ist das alles wohl nämlich viel schlimmer. Frank Pagelsdorf zum letzten Gastspiel von Hansa in der NNN vom 26.9.: "Mir sind Bierflaschen und Würste um die Ohren geflogen." Komisch, obwohl ich immer ziemlich genau hinter den gegnerischen Trainern stehe, habe ich keine fliegenden Biere gesehen. Nicht erwähnt wird außerdem in dem Artikel, daß die beschriebene Rauchbombe aus dem Hansa-Block kam. Nun denn, das also sagte die Presse zum 23.9.1995. Vielleicht hätte ich noch mehr finden können, aber ich denke mir, das dies genügen sollte. Aber in schönster Kalauermanier verabschiede ich mich natürlich nicht ohne zu sagen: "Einen habe ich noch." Hansa-Präsident Diestel in der NNN am 26.9.: "Gegen Hansa läuft eine Medienkampagne, ein Frontalangriff auf das Erscheinungsbild des Vereins. Es scheint, hier wird ein zweites Lichtenhagen konstruiert."

P.S. Und nochmal Herr Diestel in der NNN: "Hier wird versucht, den Eindruck zu vermitteln, daß Hansa-Fans zu Übergriffen neigen."
P.P.S. Äh, einen echten Diestel gibt es doch noch, aus der Bravo-Sport: "Bei uns gibt es keine Ausschreitungen."

(lüh)
Der Auswärtsbericht


Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter