Die Unannehmlichkeiten des Halsgerichts

Störtebeker lebt!

Im ersten Part unserer zweiteiligen Störtebeker-Serie, den ihr im letzten ÜS habt lesen können, ging’s um die Herkunft von Klaus Störtebeker, die machtpolitischen Hintergründe der Piraterie in jener Zeit, die Kämpfe um Stockholm und Gotland sowie um die Aktivitäten der Vitalienbrüder in Friesland. Störtebeker griff damals verstärkt in das Geschehen auf See ein.

In Ostfriesland begründet Herr Störtebeker seinen heute legendären und doch recht einseitig heroischen Ruf. Dieser Mann, erzählte man sich, konnte nicht nur Hufeisen geradebiegen, sondern ebenso 4 Liter Alkohol (wahlweise Bier oder Wein) in einem Zug den Schlund hinunterstürzen. Klaus Stürz-den-Becher, "Stör-te-Beker" halt, wurde er ob dieser Tat gerufen. Und dieser Mann, sagte man, hatte ein Herz so groß wie Mühlsteine. Jenem Ostfriesen, der seine Hypotheken aufs Haus nicht mehr bezahlen konnte, und der unseren edlen Klaus um eine kleine Gabe bat, dem schenkte er Gold und Edelsteine. Nein, Entschuldigung; natürlich nicht. Es war nur ein Säckchen voll mit Geld. Aber immerhin.

Und selbstverständlich gehörte unser Klaus auch nicht zu jenen Piraten, die gefangengenommene Seefahrer einfach über Bord warfen, nur weil diese so arm waren, daß für sie kein Lösegeld zu erwarten war. Nein, nein, so einer war unser Klaus natürlich nicht. Das waren immer die anderen. Unser Klaus hat sich immer nur die hansischen Pfeffersäcke vorgenommen, die es ohnehin nicht besser verdient hatten, als den Helgoland-Krabben zum Fraß vorgeworfen zu werden. Oder halt die Lösegeld-Regelung.

Kann also solch eine Legende tatsächlich anders aussehen als bärtig und zwei Meter groß? Mitnichten. Und beeindruckt betrachten wir das berühmteste Bildnis des Ober-Freibeuters, welches zwar nur Porträt-Charakter hat (na gut, der imposante Brustkorb ist auch noch zu erahnen), aber nichts von dieser stattlichen Größe auch nur annähernd vermitteln kann, die selbst einen Raimund Harmstorf zum Weichei werden lassen würde. Aber wie auch. Dieser Mann auf der Radierung ist nämlich nicht Klaus Störtebeker! Es ist der Hofnarr von Kaiser Maximilian des I., Cunz van der Rosen. Erstellt wurde das Werk mit hoher Wahrscheinlichkeit von Daniel Hopfer, einem Zeitgenossen von Kaiser und Hofnarr, von dessen Techniken sogar der berühmte Albrecht Dürer später profitierte. Aber keineswegs hat Herr Hopfer Herrn Störtebeker porträtiert, sie waren keine Zeitgenossen. Die dargestellte Person kann schon deshalb nicht Klaus Störtebeker sein, weil die abgebildete Tracht erst rund 100 Jahre nach dem Tod unseres Lieblings-Piraten aufkam. Seit Jahrzehnten also wird der Öffentlichkeit ein Bildnis als Störtebeker-Porträt verkauft, von dem schon sehr lange bekannt ist, daß dies keinesfalls der Realität entspricht.

Doch zurück zum Piraten(un)wesen in Ostfriesland. Bereits im Jahre 1396 war die Seeräuberei in der Westsee (wir erinnern uns: so hieß damals die Nordsee!) in vollem Gange, und die friesischen Häfen waren optimale Rückzugsgebiete nach jeder Tour. Und zu dieser Zeit schien es einen regen Piraten-Schiffsverkehr zwischen der Ost- und Westsee zu geben, denn 1397 taucht der Name Störtebeker im "Verfestungsbuch" der Stadt Wismar auf, und es ist anzunehmen, daß Klaus und Godeke sich hierher zurückgezogen hatten, da es in jenem Jahr keine Piraterie-Meldungen von ihnen gegeben hatte.

Und hier sollen sich die Spitzbuben auch getrennt haben: Störtebeker nistete sich vor allem auf Helgoland ein, dessen Bewohner ihm wohlgesonnen gewesen sein sollen. Godeke Michels konzentrierte sich auf die Region der Wesermündung.

Gottes Freund und aller Welt Feind

Aber bereits im Frühjahr des folgenden Jahres ist die Seeräuberei wieder auf einem Höhepunkt angelangt. Die von tom Brook aufgenommenen Liekedeler kapern zunächst vor der norwegischen Küste eine Kogge aus Danzig, die mit Bier aus Wismar beladen ist. Kurz darauf wird ein aus England kommendes Schiff, das mit Gold und Stoffen beladen ist, überfallen und kurzerhand nach Marienhafe verschleppt. Dort wurde dem Schiffer Eggherd Schoeff sein zuvor geraubtes Schiff wieder zum Verkauf angeboten, der für seine Liquidität sogar Bürgen und Geiseln stellen mußte, um diese später bei tom Brook auszulösen. Und darüber hinaus wird dem Herrn Schoeff auferlegt, der Hanse folgenden Satz zu übermitteln: die Vitalienbrüder "weren Godes vrende unde al der werlt vyande....". Hier also entstand jener weltberühmte Ausspruch, der nicht nur mit Störtebeker, sondern auch mit der Piraterie an sich immer wieder assoziiert wird: Gottes Freund und aller Welt Feind!

Am 23. April 1398 stirbt Widzel tom Brook, und dessen Halbbruder Keno übernimmt das Ruder. Nachdem sich Widzel im Laufe der Zeit ein Stück von den Piraten distanziert hatte, war Keno II. derjenige, der wieder verstärkt auf die Vitalienbrüder zurückgriff. Und auch Groningen und Westfriesland bedienten sich der Räuber.

Den Hansestädten wurde es nun zu bunt, und auf ihrer Tagung am 2. Februar 1400 in Lübeck beschlossen diese, gemeinsam mit holländischen Städten, nun auch auf der Nordsee aktiv zu werden. Elf Schiffe mit 950 Mann Besatzung sollten vor die friesisch-oldenburgische Küste entsandt werden, um der Piraterie Einhalt zu gebieten. Am 16. April starten die Lübecker das Unternehmen, am 5. Mai trafen die Lübecker und Hamburger -die Bremer waren zu blöd, um dieser Flotte auf halbem Weg entgegenzukommen- in der Westerems ein, wo sie umgehend in einen See-Kampf mit einem Teil der Vitalianer verwickelt wurden. Die Rechtlosen sind der Übermacht der Hansestädter nicht annähernd gewachsen. Knapp eine Stunde dauert der Kampf. Zwei Piratenschiffe fallen in Hanse-Hände, ein drittes treibt wie eine brennende Fackel in Richtung Horizont. Von rund 200 Piraten werden 80 in der Seeschlacht getötet. Dem Rest gelingt es, außer einer Schar von 25 Leuten, die gefangengenommen werden, an die Küste zu fliehen. Jene 25 werden am 11. Mai allesamt in Emden hingerichtet. Und die Hanse wollte nun Fakten schaffen. Ihre Flottille landete in Emden, und endgültig sollte der Widerstand der Häuptlinge gebrochen werden. Aber auch die verbliebenen Vitalier sollten schließlich an Land ergriffen werden. Doch gelang es den Herren Michels und Magister Wigbold mit ca. 200 Leuten nach Norwegen zu entkommen. Klaus Störtebker selber gelingt es, mit sieben anderen Hauptleuten und 114 Mann nach Holland zu flüchten. Per Vertrag vom 15. August 1400 nimmt Albrecht von Holland diese Verfolgten auf. Sie sollten ihm später gut zu Diensten sein.

Zwischenzeitlich soll Störtebeker die Tochter des Friesen-Häuptlings tom Broke geheiratet haben; allerdings eine sehr vage Vermutung, zumal es hierüber fast keine belegbaren Anhaltspunkte gibt. Und außerdem ist vom Liebesleben des Klaus Störtebeker ohnehin in fast keiner Quelle auch nur ansatzweise die Rede. Es steht also eher zu vermuten, daß "Liebling Wismar" sich ohne weibliche Begleitung durch das bittere Piraten-Leben schlagen mußte. Und so ist wohl auch die Fabel von der trauernden Witwe in das Reich der Legende zu transportieren, die, nach ihres Mannes Enthauptung, im sogenannten Störtebeker-Turm in Marienhafe dort gut versorgt weiterleben konnte. Doch möchte ich an dieser Stelle nicht mit einer Überlieferung zurückhalten, die den "braven" Klaus doch in ein ganz anderes Licht rücken läßt: "Zu Marienhafe in der Störtebekerkammer geht um die Mitternachtsstunden ein Geist um, der seinen blutigen Kopf unter dem Arm trägt. Das ist Störtebeker, der im Grabe nicht ruhen kann, da er geköpft und in ungeweihter Erde eingescharrt wurde. Ein Fluch, der so lange währt, bis er davon losgesprochen ist, treibt ihn durch die Nacht. Der liebeslüsterne Seeräuber hatte nämlich ein schönes Fräulein aus vornehmem Stande ausersehen, ihm zu dienen. Als es aber seine Anträge entrüstet abwies, weil es bereits mit einem jungen Ritter verlobt war, brauchte der Räuberhauptmann Gewalt und entführte die Schöne. Im Marienhafer Turmgewölbe glaubte er, sie zwingen zu können, ihm Willen zu sein. Hier war keine Hilfe, kein Entrinnen möglich. Dennoch weigerte sich die Bedrängte, ihm anzugehören und zog den Tod der Schande vor, indem sie aus dem Fenster des Gemachs in die sie verschlingende Flut stürzte."

Die Kriegsherren der Hanse hatten die Häuptlinge der Küste nun in der Hand und konnten ihnen ihre Bedingungen diktieren. Ende Mai 1400 wurden Friedensurkunden aufgesetzt und unterzeichnet, und fast alle Häuptlinge unterzeichneten. Nicht länger, so versprachen die ostfriesischen Stammes-Oberhäupter, wollten sie den Freibeutern Unterschlupf gewähren. Aber was blieb ihnen in solch einer Situation auch an Möglichkeiten übrig?

Das Ende der Piraterie?

In Ostfriesland hatte die Hanse nun also "einen Tisch"gemacht, aber maßgebende Anführer und deren Kumpanen waren entkommen. Und so verwunderte es auch nicht, daß die Seefahrt bereits im gleichen Jahr wieder von neuem gefährdet war. Klaus Störtebeker hatte, so hieß es damals, einen Kaperbrief des Grafen Albrecht von Holland in der Hand, und er nahm sein "Handwerk" in der Nordsee wieder auf. Hiervon ermutigt kehrten auch die nach Norwegen geflüchteten wieder zurück an die Stätte ihres letzten Wirkens. Erneut versammelte sich daraufhin die Hanse in Lübeck (13.März 1401), mit dem Ziel, abermals eine schlagkräftige Flotte gegen die Seeräuber-Banden auszusenden um diese dann endgültig zu zerschlagen. Schließlich hatte der Hanse-Bund erfahren, daß auch Michels und Störtebeker sich wieder auf See befanden.

In dieser Situation stiftete der gebürtige Holländer Simon von Utrecht der Hansestadt Hamburg die zwei damals modernsten Kriegsschiffe, die es damals gab. Die "Bunte Kuh" war eines von ihnen, und unter dem Oberbefehl der Ratsherren Hermann Lange und Nikolaus Schocke sowie dem Kapitän Hermann Nyenkerken startete die Armada in Richtung Helgoland, dorthin wo die Seeräuber vermutet wurden. Eine Legende ist es mit Sicherheit, daß Herr von Utrecht die Schiffe selbst befehligte, denn dieser hatte nicht einmal nautische Grundkenntnisse. Hanseatische Aufzeichnungen belegen, daß den Herren Lange und Schocke im Jahre 1401 für ihre Fahrt nach Helgoland 57 Pfund gezahlt wurden. Ein Vermögen für damalige Verhältnisse.

Beim Kampf vor Helgoland sollen 40 Vitalienbrüder gefallen sein, 73 mitsamt ihrem Anführer wurden in Gewahrsam genommen. Fast einen ganzen Tag soll die Seeschlacht gedauert haben, und Klaus Störtebeker -dessen Schiff "Roter Teufel" hieß- soll nur deshalb lebendig gefangen worden sein, weil ihm ein Fischernetz übergeworfen wurde und er sich deshalb nicht mehr, so wie wir es ja erwartet hätten, bis zum Letzten hatte wehren und verteidigen können. Und auch Sabotage soll dort natürlich im Spiel gewesen sein: Ein Freund von Schocke, Peter Krützfeld, soll, verkleidet als Blankeneser Fischer, einen Tag vor dem hansischen Großangriff, flüssiges Blei in das Ruder von Störtebekers Schiff gegossen haben, so daß dieses quasi manövrierunfähig war. Eine weitere Verschwörungs-Theorie attestiert den Hanse-Koggen Hinterlist, indem diese sich angeblich als Handelsschiffe getarnt hatten.

Nach der Ergreifung Störtebekers gibt sich Hamburg den Beinamen "Domitrix piratarum", Bändigerin der Piraten.

Hamburg machte den Piraten den Prozeß: Knapp sechs Monate dauerten die Untersuchungen, während derer die Delinquenten in den Kellern des Hamburger Rathauses arrestiert waren. Durch die Kämmerei-Rechnungen des Rates ist diese Haftzeit relativ verbindlich dokumentiert. Und das Ergebnis der Ermittlungen überraschte nun wirklich niemanden mehr. Schuldig in allen Anklagepunkten, und das Urteil konnte deshalb nur lauten: Halsgericht, also Tod durch Enthauptung.

Störtebekers Ende

Scharfrichter Rosenfeld und Abdecker Knoker sollten alle Hände voll zu tun haben an diesem 20. Oktober 1401. Mehr als 70 Enthauptungen, mehr als 70 Leichen verscharren. Aber schließlich gab es eine angemessene Entlohnung: 12 Mark/Pfund für den Henker und 3 Mark/Pfund für den Abdecker. Für 1 Mark konnten damals 4 Kühe oder 3 Tonnen Bier gekauft werden.

Einen Tag zuvor wurde ein großes Viereck eingezäunt, das als Richtstätte dienen sollte und von niemandem betreten werden durfte. Heute nun bewegt sich ein langer Zug auf das Rechteck zu: An der Spitze Rosenfeld mit seinem Schwert, gefolgt von einem Franziskaner-Pater aus dem Maria- Magdalenen-Kloster und einem Gerichtsangestellten, dahinter die mit Stricken aneinandergebundenen 73 Seeräuber. Ein paar wenige letzte Wünsche soll Klaus Störtebeker den Hamburgern abgerungen haben, nachdem jeder Versuch seinerseits scheiterte, sich mit diversen Versprechen freizukaufen. Unter anderem bot er ihnen an, all jene Schiffe auszuliefern, deren Masten mit Gold und Edelsteinen gefüllt seien; angeblich ein beliebtes Versteck damals für die Piratenbeute. Außerdem wollte er für seine Freilassung die gesamte Hansestadt mit einer Goldkette umlegen. Doch ließen sich die Hansestädter auf dieses Spiel nicht ein, sollen dem Chef-Piraten aber zwei Wünsche gewährt haben: Einerseits wurde Klaus und seinen Mannen gestattet, in schönsten Gewändern vor das Schafott treten zu dürfen. Andererseits soll er der Stadt die Zusage abgerungen haben, all jene seiner Mit-Piraten zu begnadigen, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeischreiten kann.

Scharfrichter Rosenfeld machte kurzen Prozeß und trennte mit seinem Schwert Störtebekers Rumpf vom Kopf. Tränen flossen bei den Zuschauern, schließlich gehörte der Klaus zu ihnen: "Umbringers sünd dat nich wäst. Arm Lüd hätt he wat geven, riek Lüd wat namen", urteilte das gemeine Volk damals. Doch dann passierte das Unvorstellbare: Der kopflose Klaus stand auf und schritt die Reihen seiner Kumpanen ab, gelangte bis zum elften Mann, bevor der hinterhältige Rosenfeld, der um seine Entlohnung bangte, zumal dieser pro Kopf (sic!) bezahlt werden sollte, dem Enthaupteten den Richtblock vor die Beine warf (alternativ: ein Bein stellte) und Klaus deshalb strauchelte und stürzte. Dennoch wurden alle Piraten an diesem Tag hingerichtet, das Versprechen nicht eingehalten (Am Rande sei an dieser Stelle erwähnt, daß bereits 1337 über den Münchener Adligen Dietz von Schauenburg eine ähnliche Geschichte erzählt wurde).

Scharfrichter Rosenfeld selbst soll es, nach einer weiteren kaum belegbaren Überlieferung, allerdings nicht besser ergangen sein. Nachdem dieser seine Arbeit verrichtet hatte, soll er von einem Ratsherrn gefragt worden sein, ob er denn nun müde sei. Nein, soll Rosenfeld geantwortet haben, er hätte sogar noch die Kraft, den kompletten hochweisen Rat zu enthaupten. Diese Äußerung soll dann allerdings auch eine seiner letzten gewesen sein, sie soll ihm den Kopf gekostet haben. Doch die Köpfe der Vitalienbrüder wurden auf Holzpflöcke aufgespießt und an der Elbe aufgestellt, zur Abschreckung und zum Zeichen, "dat se de zee gerovet hatten", daß sie also auf See geräubert hatten.

Bereits kurze Zeit darauf wurden auch noch die bis dahin freien Godeke Michels und der kaum minder gesuchte Magister Wigbold auf See gestellt. Hamburg hatte seine beschädigten Schiffe wieder repariert, der Mast und andere brauchbare Dinge vom Schiff Störtebekers wurden auf anderen Schiffen auf-/eingebaut und los ging’s Richtung Jade und Außen-Weser, wo die Schurken zuletzt gesichtet wurden. Schocke erhielt das Oberkommando, und er und seine Mannschaft konnten tatsächlich die Seeräuber dort stellen, wo man sie vermutete. Rund 80 Gefangene wurden gemacht und ebenfalls nach Hamburg gebracht, wo sie das Schicksal von Störtbeker und Anhang teilen mußten. Bis zum Frühjahr 1402 wurden auch sie hingerichtet.

Der Kampf geht weiter

Mit dem Tod der Chef-Räuber zur See findet das Piraten-Unwesen allerdings noch lange kein Ende in der Nordsee. Immer wieder nehmen die Friesen-Häuptlinge die Seeräuber bei sich auf, um hiermit ihre eigene Macht in ihrem kleinen Herrschaftsbereich zu sichern und zu stärken. Doch den endgültigen Dolchstoß verpassen die Hamburger, die sich mittlerweile ganz allein der Piraten-Jagd verschrieben hatten, den Ostfriesen in den Jahren 1432 und 1433. Schon 1408 hatten die Hansestädter das Schloß von Emden, wo sich die Gegner damals verschanzten, belagert und gestürmt. Doch diesmal sollten endgültige Fakten geschaffen werden. 1432 wurde der erste Schlag gegen die Freibeuter auf der Außen-Ems geführt. 1433 werden 21 Schiffe ausgesandt, um das "Nest" der Seeräuber, die Stadt Emden, auszuräuchern. Imel, Nachfahre des legendären Keno tom Brook, verteidigte die Stadt, mußte aber sehr bald einsehen, daß er der Übermacht nicht gewachsen war. Am 20.Juli mußte er die Stadt an die Belagerer übergeben. Ihn selbst schickte man in Gefangenschaft nach Hamburg, wo er im gleichen Jahr auch starb.

Die Hanse hatte gelernt, und deshalb bekommen die Emdener diesmal auch einen Hamburger Ratsherrn als Statthalter vorgesetzt, der von Emden aus Ostfriesland zu verwalten sucht. Das Ziel war also erreicht, und jener Mann, der für diesen endgültigen Sieg gesorgt hatte, war Simon von Utrecht. Er wurde als erste Person überhaupt zum Ehrenbürgermeister von Hamburg ernannt. Jener von Utrecht aus Haarlem, der, wohl erst 34jährig, erstmals 1399 in Hamburg auftaucht. Nachdem er durch Fürsprache seines Freundes Hein Swartekopp das Hamburger Bürgerrecht erworben hatte, setzte dieser sein Vermögen ein, um sich an der Anti-Seeräuberflotte zu beteiligen. Durch die Heirat mit Swartekopps Schwester Tietburgis Holste betrieb von Utrecht zielstrebig den gesellschaftlichen Aufstieg. Doch trotz seiner vielen Bemühungen und auch erfolgreicher Interventionen gegen die Piraten, gelang es ihm erst im Jahre 1426 erstmals in den Hamburger Rat gewählt zu werden. Nun begannen die bald 20 Jahre andauernden Fehden zwischen Hamburg und den Holsteinern auf der einen, sowie Dänemark auf der anderen Seite. Simon von Utrecht fungierte nun als Oberbefehlshaber der Hamburger Flotte. Am 15.März 1432 endlich wird er zum Bürgermeister der Stadt gewählt, doch sollen ihm nur gut 5 Jahre bleiben, ehe er am 14.Oktober 1437 überraschend stirbt.

1661 fertigt die Stadt seinem Ehrenbürger einen Gedenkstein, der heute im Museum für Hamburgische Geschichte zu finden ist.

Vor fast genau 10 Jahren gerät das 1897 aufgestellte Simon-von-Utrecht-Denkmal an der Kersten-Miles-Brücke (kreuzt die Helgoländer Allee an den Landungsbrücken) abrupt in die Schlagzeilen der Lokalpresse. Ein "Kommando Klaus Störtebeker" halbiert im Juni 1985 die Sandstein-Statue und wirft den oberen Teil respektlos vor dessen Sockel. "Die Täter sind vermutlich Anhänger der Chaoten aus der St.Pauli Hafenstraße" (Hamburger Abendblatt vom 7.Juni 1985). Tja, so einfach waren damals noch die Feindbilder auszumachen.

Der legendäre Störtebeker-Schatz

"Es ist nicht möglich, einen einfacheren und erhabeneren Anblick zu finden. Eine bloße Öffnung ins Meer, aber die unendliche Ebene so frei und groß daliegend und der Schauplatz, von dem man sieht, so kühn und fest gegründet, so wunderbar gestaltet durch die Ecken und Winkel der Felsen...". Soweit Wilhelm von Humboldt am 12.8.1796 nach einer Wanderung durch die Stubbenkammer auf Rügen. Einhundertsiebzehn Meter hoch, somit höchster Kreidefelsen am Steilufer der Stubnitz. Und hier soll Klaus Störtebeker seine Schätze vergraben haben. Einmal im Jahr soll dort um Mitternacht ein Segelschiff am Strand landen, das von den ruhelosen Schatten der Piraten gesteuert wird, die nach ihrem Geschmeide schauen wollen. Bewacht wird dieser Schatz von einer Fee, die nicht nur den "Goldenen Becher" bewachen soll, den Albert von Chamisso in seiner Ballade der "Jungfrau von Stubbenkammer" beschreibt.

Erwiesen ist wohl nur, daß Störtebeker die "Piraten-Schlucht" als Schlupfwinkel benutzte, um sich vor seinen hansischen Häschern zu verstecken. Gefunden wurde der Schatz bislang jedoch nicht. Selbst der umtriebige Störtebeker-Forscher Georg Haberstrumpf blieb bei seiner Suche erfolglos. Mehrmals durchforstete dieser die Kreidefelsen, und im Jahre 1935 ließ er gar an jener Stelle einen 6 Meter tiefen Schacht graben, wo sein Metall-Pendel einen Ausschlag verzeichnete. Zwar wurde in den 70ern in Ralswiek ein Schatz gefunden, der aus Silber- und Goldmünzen bestand (der sogenannte Dirham-Schatz), doch stellte sich bald heraus, daß diese bereits um das Jahr 850 vergraben worden waren.

Als weitere mögliche Orte, an denen Störtebeker seine Reichtümer versteckt haben könnte, werden oftmals Borkum und Marienhafe genannt. "Wenn die Woldedünen könnten sprechen, würde es Borkum nicht an Geld gebrechen" heißt es dort allenthalben. Doch auch amerikanische Experten, die mit modernsten Detektoren angereist waren, konnten die Dünen nicht zum Sprechen bringen. Vermeintliche Schätze blieben der Nachwelt verborgen. In Marienhafe allerdings, wo Klaus S. auch im "Wykhof" Zuflucht gefunden haben soll, wurde beim Abriß des Anwesens tatsächlich Gold im Keller gefunden.

Die Störtebeker-Festspiele

Doch zurück nach Ralswiek. Das 500-Seelen-Dorf trägt seit 1993 die einmal im Jahr stattfindenden Festspiele aus, die unseren Klaus in Wort und Bild huldigen. In jedem Jahr steht das in einem 5-Jahres-Zyklus angelegte Schauspiel unter einem anderen Motto. Begonnen wurde 1993 mit der Inszenierung "Wie einer Pirat wird", gefolgt von den letztjährigen Aufführungen vom "Kampf um Stockholm". In diesem Jahr liefen die gut besuchten Veranstaltungen unter dem Titel "Sturm auf Gotland". Mehr als 180.000 Zuschauer/innen (Rekord-Ergebnis) haben in diesem Jahr dem Festival beigewohnt und in insgesamt 57 Vorstellungen das Besucher/innen-Ergebnis aus dem Vorjahr um über 20% übertroffen. Die letzte Vorstellung dieser Saison sahen rund 9.000 Zuschauer in der ausverkauften Freiluft-Arena, die zu den größten Europas zählt.

Hervorgegangen sind die Störtebeker-Festspiele aus dem Beschluß der DDR-Parteifunktionäre, den "hier an der Küste tief verwurzelten Volkshelden" Klaus Störtebeker zum kommunistischen Urahn hochzustilisieren. Am 9.Oktober 1958 (der Autor dieser Zeilen war gerade mal 11 Tage auf dieser Welt) wurde im Rosencafe in Putbus der Partei-Beschluß gefaßt, Rügen-Festspiele durchzuführen. Der Republik-Literat Kurt Barthel ("Kuba") erhielt den Auftrag, ein Drama über Störtebeker zu schreiben; der Theater-Intendant Anselm Perten sollte die dramaturgische Leitung übernehmen. "Ein Bayreuth der Ostseeküste" sollte es werden. Das Werk wurde 1959 uraufgeführt und bis 1961 gezeigt. Im Jahr 1980 gab es eine Wiederaufführung, doch bereits im folgenden Jahr fiel der letzte Vorhang. Die Ölkrise und die damit einhergehende prekäre wirtschaftliche Situation der DDR bereiteten den Festspielen das vorerst letzte Aus.

Die Störtebeker-Festspiele laufen weiter, der Störtebeker-Schatz wird weiter gesucht werden, die Störtebeker-Mythen werden auch weiterhin hochgehalten werden. Kurzum: Störtebeker lebt!

Literatur-Empfehlungen:

  • Harm Bents: "Störtebeker - Dichtung und Wahrheit"
  • Matthias Puhle: "Die Vitalienbrüder, Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit"
  • Dieter Zimmerling: "Störtebeker & Co - Die Blütezeit der Seeräuber in Nord- und Ostsee"
Ausstellungen:
  • Störtebeker-Museum, Am Marktplatz (im Kirchturm), 26529 Marienhafe, Öffnungszeiten: 10-12 und 14-17 Uhr
  • Störtebeker-Ausstellung, Bahnhofstr. 10 (Garage/Teestube), 26529 Marienhafe, 10-22 Uhr
Störtebeker-Festival:
  • Likkedeler Theater Betrieb, Am Bodden 100, 18528 Ralswiek, Tel. 03838/313189
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Teil I (ÜS 16)


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