St. Pauli in der ersten Liga. Gefeiert, bejubelt, bestaunt oder nur nüchtern registriert. Sat1 geht in seine vielleicht vorletzte Ran-Saison und darf weiter an seinen selbstinszenierten Klischees arbeiten, und da kommt St.Pauli gerade recht.Während Düsseldorf nur über den Altersdurchschnitt und Darko Pancev zu popularisieren ist und Hansa Rostock sich immerhin als Symbol "ostdeutscher Überlebenskraft" vermarkten läßt, bietet der zweite Hamburger Profiklub doch noch einiges mehr. Da die Anmoderation der Spielszenen inzwischen fast ebensolange dauert wie das Rollen des Balles an sich und die geistreiche Eloquenz der ReporterInnen sich von der Paetz’schen Märchenstunde eines Hajo Rauschenbachs zur Inhaltsschwere einer Bild-Schlagzeile entwickelt haben, werden wir aller Voraussicht nach noch viel zu lachen oder zu weinen haben in den nächsten 10 Monaten (sollte es tatsächlich länger dauern?). Und wer noch nicht ganz vom Glanz der Elitezugehörigkeit erblindet ist, der oder die wird wissen, daß die BesucherInnen am Millerntor nicht unwesentlich dazu beitragen, Klischees aufrechtzuerhalten.
Die Zeiten, in denen Mann/Frau sich bei St.Pauli auch deshalb so wohl fühlte, weil hier eine beträchtliche Anzahl (leider noch nie alle) Menschen einer Leidenschaft fröhnte, ohne gleichzeitig das Denkvermögen zu vernachlässigen, sie scheinen ihrem Ende entgegenzustreben, und der Aufstieg wird vielleicht der Totengräber sein. In den letzten zwei Jahren zeigte sich deutlich, daß der Mobilisierungsgrad in der Szenerie am Millerntor wesentlich geringer ist als angenommen, es seien nur die möglichen Protestaktionen gegen das DSF (Sprechchöre) und die Akzeptanz der Schlindwein-Affäre genannt. In der ersten Liga, trotz der breiteren Öffentlichkeit oder gerade deswegen, wird es noch schwerer werden, sich mit kritischen Gedanken überhaupt bemerkbar zu machen. Der Vereinnahmungsprozeß der totalen Kommerzialisierung wird auch uns erfassen. Andersartigkeit wird hier nicht mehr geduldet, Gleichschaltung ist das Stichwort, und wer hier noch anders sein sollte, ist längst gekauft, zumindest, wenn ihm/ihr ein paar kostbare Sendesekündchen gewidmet werden. Die Medien wollen keine Kritik, und sie wollen erst recht keine politischen Ein 60er sagte nach der Saisoneröffnung am Millerntor: "Hoffentlich steigen wir ab." Dem ist im Grunde nichts mehr hinzuzufügen, denn wenn die Schleife aus Kommerz und Erfolgshunger, in diesem Fall Stadion, Tradition und zum Lokalrivalen abgrenzende Identität vereinnahmend, nur durch den Verbleib in der 2.Liga zu unterbrechen ist, dann haben wir ein zweites Mal verloren. Sollte der TSV trotz des Umzuges in der Liga verweilen, dann kann man wohl nur noch von einem zwar nur symbolischen, aber durchaus tragischen Erfolg des Kapitals über den Fußball sprechen. Der FC St. Pauli versucht sich über Leasing, geringen Etat und das Hoffen auf ein Wunder (die immer wieder passieren, also vorwärts) in der Liga zu halten, doch wird nicht auch gerade durch die Medienpräsenz und das gezüchtete Fanverhalten eine Erwartungshaltung erzeugt, der im Endeffekt der Verein nicht mehr widerstehen kann? Und ist nicht aus den oben genannten Gründen gerade dann eine Fanbewegung, die dem entgegensteuern könnte, so geschwächt, daß mit Widerstand kaum noch zu rechnen ist? Identität ist der Preis des Erfolges, und mit sachlichen Argumenten ist dem nicht beizukommen. Wo ein chronischer Lügner wie Andreas Möller (dieses Recht sei ihm in diesem Geschäft gestattet) in Dortmund bejubelt wird, und wo ein Geldgeier wie Heiko Herrlich (auch dieses Recht hat er im Profifußball) von den gleichen DortmunderInnen gefeiert wird, da ist jener Starkult Realität geworden, vor dem man als denkender Mensch ein wenig oder ein wenig mehr Angst hat, und Starkult ist das beste Beispiel für erfolgsorientiertes Denken. Vielleicht bin ich ein wenig zu negativ, vielleicht kann sich der FC St. Pauli trotz allem in der ersten Liga etablieren, ohne daß wir das Gefühl haben müssen, daß es ein anderer Verein geworden ist oder daß die Fanstruktur sich der Dortmunds angepaßt hat. Dies ist wahrlich ein frommer Wunsch, und wenn man ehrlich ist, ist dies in diesem Jahr die vielleicht letzte Chance, derartiges zu erreichen. Bei dem Auseinanderdriften der Vereinsetats ist in Zukunft nicht zu erwarten, daß sich ein Verein aus der zweiten Liga jemals wieder in der deutschen Eliteliga halten kann. Der Karlruher SC scheint das erste Opfer dieser finanziellen Entwicklung zu werden. Nach einem fetten Jahr soll nun die zweite Saison hintereinander versucht werden, das finanzielle Niveau nur über die Liga zu halten. Ein Scheitern auch dieses Jahr und der Absturz scheint vorprogrammiert zu sein. Auch der einst so große HSV arbeitet mit einem Etat, der geringer ist als der beiden Absteiger Duisburg und Bochum im vergangenen Jahr. Eine Plazierung außerhalb des unteren Drittels scheint unmöglich zu sein. Die Drei-Klassen-Gesellschaft hat schleichend Einzug gehalten, und die Lücken zwischen den Abstufungen werden immer größer. Der Aufstieg und vor allem die Etablierung in höheren Gefilden ist nur noch über immense finanzielle Anstrengungen zu erreichen, und ein Scheitern auf diesem Wege führt fast unvermeidlich zum Zusammenbruch und finanziellen Kollaps. So widerlich die Europaliga auch sein mag, sie scheint auf Dauer unvermeidlich, so daß die übrigen Vereine sich wieder in einem Wettbewerb befinden, der das Wort Konkurrenz auch verdient. Vielleicht aber wird es diese Liga schon bald gar nicht mehr geben, sondern es wird ein Szenario nach amerikanischem Vorbild kreiert, und ob ich diesem "Sportvergnügen" beiwohnen möchte, wage ich stark zu bezweifeln. Ein düsteres Bild wurde hier gezeichnet, vor allem was Fan- und Vereinsperspektiven angeht. Vielleicht ist es noch zu früh, um derartiges überhaupt zu verfassen, und vielleicht sollten wir den Aufstieg erstmal genießen und abwarten, was auf uns zukommt. Vielleicht aber ist Abwarten und Erdulden auch die einzige noch mögliche Reaktion. Oder aber wir hauen sie alle weg, sportlich, politisch und sportpolitisch, das wäre der beste Weg. |
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