18. Juni 1995, die letzten Minuten, keiner weiß mehr so richtig, was eigentlich passiert ist. Wir möchten versuchen, diese Augenblicke nochmal Revue passiern zu lassen, als uns nach mehreren Gesprächen klar wurde ... es war für jeden anders.![]() Von ganz draußen:Was wirklich geschah: Der Sturm auf die Bastille.Wir mußten draußen bleiben. Wir, das sind arme Schlucker, die kein Geld für Karten hatten, verwirrte Geister, die nicht wußten, daß man eine Karte braucht, Spätaufsteher, die keine Karte mehr bekommen hatten und Unschlüssige, wie ich, der eigentlich was anderes hätte tun sollen, aber beim lieblichen Klang der Lautsprecheranlage (die übrigens in der Neustadt besser zu verstehen ist, als im Stadion) einfach nicht mehr an sich halten konnte. Eins hatte uns alle trotzdem vors Stadion getrieben: Die Ankündigung, das Spiel würde als Radioübertragung am Heiligengeistfeld wenigstens akustisch zu genießen sein. Am Stadion angekommen waren außer den üblichen bierseligen Fan-Hymnen keine der erhofften Ätherklänge zu vernehmen. Tja, dumm gelaufen... Mit einer Dose Holsten in der Hand, umgeben vom zweifelhaften Flair abgestandenen Urins, fand ich mich schließlich am Zaun ein, um die neuesten Entwicklungen zumindest an den Körpern der mir abgewandten Zuschauer im Stadion zu entschlüsseln. TOR!- Tja, für wen? Kurz darauf nochmal, TOR!! Wir waren draußen aber noch damit beschäftigt, das erste TOR zuzuordnen. Wir waren überfordert. Spätestens beim dritten TOR wurden dann Wetten über den Spielstand abgeschlossen ... Die Halbzeit brachte Klärung. Die zwei Tore der zweiten Halbzeit nahmen wir gelassen hin. Und dann geschah es: Das Tor wurde geöffnet. Wild flüchteten wir aus unserem urin- und hundekotgeschwängerten Beobachtungsposten und drängten ins Stadion. Obwohl meine Füße den Boden nicht mehr berührten, bewegte ich mich zielstrebig auf das Spiefeld zu. Eine Frau schrie mir im vorübergleiten zu: "Da muß noch ein Elfmeter ausgeführt werden!" Ich lachte, ich liebe diesen trockenen Hamburger Humor. Auf dem Platz angelangt, verriet mir Fiete’s Blick (und der kann blicken), daß ich hier irgendwie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt eingetroffen war. "Alle zurück zum Spielfeldrand", es wurde eng. Der nietenbewehrte Rücken eines Punks in Lederjacke bohrte sich empfindlich in meine Wangenpartie. Vor mir gestreßte Ordner und die drohenden Nieten der Lederjacke, hinter mir stinksaure Fans. Ich war das Arschloch des Abends. Die Unklarheit blieb: "Aufstehen", "Hinsetzen" und von hinten "Ihr seid doohoof!" Ich war bedient. Meine Stimmung auf dem Tiefpunkt. Alles nur wegen der blöden fehlenden Übertragung nach draußen, dann hätten wir vielleicht den Abpfiff gehört.
Vom Stehplatz:Die Nacht davor: Aus Erfahrung wußte ich, in solchen Nächten schläft mensch ohnehin nicht. Ich entschied mich also für eine zusätzliche Nachtschicht, denn es ist schließlich egal, auf welches Klo mensch rennt. Das Spiel: Bis zum 3:0 kämpfte ich mit dem Bedürfnis sedierende Essenzen zu mir zu nehmen ... und gewann (auch das 3. Alkoholangebot lehnte ich ab). Um mich rum singen alle "Nie mehr 2. Liga." Ich halte lieber noch die Klappe, aber eben nur bis zum 5:0, dann erschlich sogar mich das Gefühl, jetzt könne nichts mehr passieren. 83. Minute: Obwohl das Spiel noch in vollem Gange ist, überwinden überall Leute die Zäune, die uns noch von den Helden des Tages trennen, und nehmen am Spielfeldrand Aufstellung. Vom Spiel sehe ich nun nichts mehr. 85. Minute: Ein Pfiff! Das Spielfeld wird gestürmt und auch wir auf den Rängen liegen und sekundenlang in den Armen ... bis jemand neben mir sagt: "Das war ein Elfer!" Ordner versuchen die Leute dazu zu bewegen, zum Spielfeldrand zurück zu gehen, was jedoch nicht zu gelingen scheint. Wir, die noch auf den Rängen stehen, sind verwirrt.Die Idee "Spielabbruch" schwebt wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern und droht jeden Augenblick herunter zu fallen. Ich bin ebenso wütend auf "die Idioten", die auf den Rasen gelaufen sind, wie die Umstehenden. Dann winken die Ordner wieder alle auf’s Feld. Die Tore werden geöffnet. Ich frage verzweifelt meinen Stehplatznachbarn: "Was ist denn jetzt?" Ein genervtes "Keine Ahnung!" ist die Antwort. Ich ahne eine Durchsage des Stadionsprechers, dessen Worte jedoch den Weg bis zu meinem Ohr nicht finden. Eine Nachfrage an die Umstehenden bringt die Gewissheit, daß meine Ohren unschuldig sind. Das Stadion hat sich inzwischen von hinten aufgefüllt. Woher kommen all diese Leute? Es wird still am Millerntor, der Jubel ist vorüber, ehe er begann. Noch immer krächzt der Lautsprecher undefinierbare Laute. Nach einem Blick auf die Tabelle beschließe ich, mit dem Schlimmsten zu rechnen und versöhne mich wieder mit der 2.Liga. Ein tröstlicher Gedanke: Die Dauerkarten bleiben erschwinglich. X-te Minute: Ich verlasse deprimiert das Stadion, mich mit dem Nicht-Aufstieg abfindend. Als mich die Nachricht erreicht, daß es nun doch der Schlußpfiff gewesen sei und die Party am Docks steigt, kann ich mich, wie viele, nicht mehr richtig freuen. Der drittklassige Moderator irgendeines Hamburger Gülle-Senders schafft den Rest mit Leichtigkeit. Die Medien hatten "ihre" Party. Meine war es nicht. Von ganz innen:Gedrückte Stimmung. Tausende von Fans verlassen mit hängenden Köpfen das Stadion. Warum? Was ist eientlich passiert? Dabei sollte alles ganz anders sein... Das Stadion tobte. Noch ca. 9 Minuten zu spielen, wir führen 5:0, Tausende umarmen sich, werfen die Arme mit wildem Geschrei in die Höhe. Binnen kürzester Zeit überwinden Hunderte, von wilder Euphorie gepackt, die Zäune, um den Schlußpfiff "hautnah" mitzuerleben. Ich auch! Arm in Arm standen wir etwa 2 m von der Außenlinie entfernt und verfolgten die letzten Minuten. Der Enthusiasmus, der uns in diesem Moment erfaßte, war kaum zu bändigen. Doch dann: Der Schiri pfeift, ich denk’ noch "Klasse, Elfmeter, 6:0, was für ein Endspiel!" Aber ich sollte mich irren ... Hunderte stürmten das Spielfeld, ich schrie verzweifelt: "Das war doch ein Elfer!" Aber niemand hörte mich. Fieberhaft versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen. Was wird jetzt passieren? Ich drehte mich nach einiger Zeit um und sah, daß die Tore zur Gegengerade geöffnet wurden. Weitere begeisterte Menschen drängten sich dem Grün entgegen. Jetzt, ohne weitere Gedanken an das vorzeitige "Spielende" zu verschwenden, erklomm auch ich das Grün. Dann: Wildes Gerede war aus dem Lautsprecher zu hören (leider aber nicht zu verstehen), die Ordner riefen "runter von Platz", alles drängte zu den Seitenlinien, um sich dort hinzusetzen und abzuwarten, die Verwirrung stieg, was ist los? Nach ca. 5 Minuten winkte uns ein Ordner zu und schrie: "Ihr könnt auf den Platz, das Spiel wird nicht wieder angepfiffen" Verwirrt blieben wir sitzen. Neben mir bricht ein Fan heulend zusammen: "Alles aus!" Mittlerweile wurden die Gesten des Ordners immer wilder: "Kommt!" Hin- und hergerissen setzten sich einige in Bewegung. Von den Rängen erschallte es: "Ihr seid doof!" Der Ordner winkte immer noch. Weitere liefen daraufhin dem Grün entgegen und immer wieder "Ihr seid doof". Andere Ordner hetzen die auf dem Platz Stehenden wieder herunter. Verwirrung total, Stimmung auf dem Nullpunkt. Auch als Hinzpeter das Spiel für offiziell beendet erklärte und zur Feier aufrief, war an Party leider nicht mehr zu denken.Das ist nun schon mehrere Wochen her und aus der Distanz betrachtet, gibt es weder die "Doofen" noch das "Arschloch". Objektiv betrachtet ergeben sich folgende Fragen:
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