Einige Gedanken zum Thema Aufstieg

Es war ein warmer Sommertag im Juni des Jahres 1991. Genauer gesagt war es der 29. Tag des Monats. Einige Tausend St. Paulianer verbrachten ihn im Gelsenkirchener Parkstadion und konnten nicht so recht fassen, was gerade auf dem Spielfeld passiert war. Das entscheidende dritte BL-Relegationsspiel gegen die Stuttgarter Kickers ging mit 1:3 verloren. Nach drei tollen Jahren im Oberhaus wurde die Zweite Liga wieder bittere Realität.
Unvergessen ist die Szene aus dem St. Pauli-Video "...und ich weiß, warum ich hier stehe", wo die Kamera nach Schlußpfiff so langsam an verschiedenen Gesichtern im Publikum vorbeischlenderte, die so treffend verdeutlicheten, was ein Abstieg für Fans bedeutet (nicht zu vergessen der schon fast ergreifende Beitrag aus Sport 3 vom Tag danach. d.T.). Ich vergleiche diese Szene immer sehr gern mit der Schlußsequenz aus dem von mir so heißgeliebten Kinder- und Jugenddrama "Die Vorstadtkrokodile". Genauso wie wir "begossene Pudel" anna domina auf Schalke nach dem Abpfiff in die Röhre guckten, glotzten die "Vorstadtkrokodile" (in der Filmversion), als sie live miterleben durften, wie das Quartier ihrer Bande der Abrißbirne zum Opfer fiel...

Vier lange Jahre 2. Liga liegen jetzt hinter uns und der Mannschaft. Inzwischen kennen die tapferen Auswärtsfahrer unter uns wirklich jede Autobahnraststätte und jeden popeligen Provinzbahnhof zw. Hamburg und Unterhaching. Die Suche nach der günstigsten Schlafposition auf der Rückfahrt von solch Auswärtshighlights wie Saarbrücken und Zwickau gestaltet sich aber trotz intensiven Trainings immer noch sehr schwierig.

Wenn das heutige Spiel gegen den FC Homburg nach 90 Minuten vom Schiedsrichter beendet wird, sich 20.000 und mehr Fans der Braun-Weißen zusammen mit ihren Lieblingen aus der 2. Bundesliga verabschieden. dann ist allerdings all das in den letzten 1460 Tagen erlebte endlich "Schnee von gestern". Etwa das grausame Ende der "Piranha-Saison", die fast in der Drittklassigkeit geendete "Mammut-Saison", mit ihren 24 Mannschaften, 46 Spielen und sieben Absteigern und das Drama der "5- Punkte-Vorsprung-Saison", die in Wolfsburg ihren Höhepunkt fand. Jetzt denken wir nur noch an die tolle, gerade durcherlebte Saison mit viel Licht und (relativ) wenig Schatten und (natürlich) an das uns bevorstehende "Abenteuer Bundesliga".

Alles begann in dieser Spielzeit mit einem überraschenden Trainerwechsel. Der glücklose Seppo Eichkorn mußte nach verpaßtem Aufstieg und Kompetenzstreitigkeiten mit Manager Jürgen Wähling seine Schirmmütze nehmen und wurde von Uli Maslo (vgl. Hitchcock: "Der Mann, der aus der Wüste kam") ersetzt. Als erstes Gastgeschenk brachte der neue Trainer die "Viererabwehrkette" aus Bahrain mit nach St. Pauli. Wahrscheinlich war Uli zu sehr durch die fast perfekte Viererkettenpraktik der Schweden bei der WM '94 geblendet, glaubte wohl tatsächlich,"was Patrik Andersson kann, kann Dieter Schlindwein schon lange!" Welch fataler Irrglaube! Nach der 1:6 Pleite in der Vorbereitung gegen Kaiserslautern war das Thema glücklicherweise vom Tisch.

Ein Saisonstart nach Maß(lo) gab es trotzdem nicht. Bis zum sechsten Spieltag mußten wir warten, ehe der erste doppelte Punktgewinn eingefahren wurde. Daß der Sieg in D'dorf durch Schweißings Tor allerdings der Auslöser einer 15 Spieltage andauernden Serie ohne Niederlage werden würde, die uns zur Halbzeit der Saison auf den 2. Tabellenplatz überwintern ließ, ahnten wir da noch nicht. Sogar im DFB-Pokal kamen "wir" unter die letzten 8 Mannschaften. Nach zwei Siegen in Berlin (Union und TeBe) und dem grandiosen 4:1 in Saarbrücken mußten "wir" uns erst im Viertelfinale auf dem Betzenberg den Roten Teufeln mit 2:4 geschlagen geben. JedeR von Euch hat wohl noch seine ganz persönlichen Erinnerungen an das "Spiel des Jahres".

Die durchwachsene Rückrunde mit peinlichen Punktverlusten in Leipzig und Chemnitz (...ja ja, der Ostkomplex) und daheim gegen Hannover, Hertha etc. blieb - Elvis sei Dank - ohne Konsequenzen für das (unausgesprochene) Ziel Aufstieg, da sich in diesem Jahr keine Mannschaft in der zweitstärksten Spielklasse präsentierte, die ähnlich dem VfL Bochum im letzten Jahr, einen glatten Durchmarsch in die BL machte. Genauso redlich wie der FC gaben auch die Mitkonkurrenten Punkt um Punkt ab. Soviele Punkte, daß ich im Moment (Redaktionsschluß vor'm Spiel in Frankfurt) gar nicht weiß, ob wir die Punkte aus dem Spiel gegen Homburg überhaupt noch brauchen, um ab August in der Eliteliga zu kicken.

Ich gehe mal davon aus, daß wir dort in der nächsten Saison spielen. Wagen wir also einen vorsichtigen Ausblick auf die nächste Spielzeit. Das Spielerkarussel dreht sich ja schon wieder gewaltig in ganz Deutschland. Die Herren Hoeneß, Meier und Calmund jonglieren schon wieder gewaltig ohne Rücksicht auf Pleiten und Verluste mit den Millionenbeträgen. Jürgen Wähling dürfte garantiert neidisch werden auf seine Kollegen aus München, Dortmund und Leverkusen, kann er doch nur beim heimischen Monopoly-Spiel mit seiner Familie mal so richtig Geld um sich schmeißen. Die Konturen des Gesichts der Mannschaft für's nächste Jahr sind noch ein wenig unscharf. Als einzig definitiver Neuzugang wurde uns bislang Thomas Sobotzik (Mittelfeld und Angriff) aus dem zweiten Glied der Frankfurter Eintracht präsentiert. Andere Namen schwirren noch in der Luft herum und werden in der Lokalpresse hoch gehandelt, sind aber noch nicht hundertprozentig vom Verein betätigt. Der heißeste Kandidat ist im Augenblick wohl Ralf Becker von Bayer Leverkusen. Aber auch der Frankfurter Thomas Reis ist genauso ein Thema wie der Herthaner Noco Kovac und der FSVer Demir Duric. Alles junge (zumindest viel jünger als der Verfasser dieser Zeilen, ha ha), talentierte Nachwuchsspieler, die vielleicht mal die Stars von morgen sein könnten. Leider ist für St. Pauli auf dem Transfermarkt nur ein "Leben auf Pump" möglich. "Leihen statt kaufen" heißt die Devise, um die Lizenz nicht durch zu große finanzielle Transaktionen in Gefahr zu bringen. Viel Spielraum bleibt da nicht. Lassen wir uns einmal überraschen, was sich in der Beziehung in den nächsten Tagen und Wochen noch so ereignet. Verlassen wird die Mannschaft, und das steht ja schon lange Zeit fest, Bernd Hollerbach - Pause, schlucken, tief Luft holen - ihn, der in den letzten fünf Jahren wirklich alles gegeben hat, gerannt ist, gekämpft hat, Gelbe Karten gesammelt hat wie kein Zweiter und so nebenbei auch noch das eine oder andere wichtige Tor geschossen hat, kann keiner (außer vielleicht Jörg Heinrich aus Freiburg) ersetzen. Wenn "Holler" erstmal in K'lautern an Brehme und Wagner auf der linken Seite beim FCK vorbeikommt, dann wird der "Betze" noch viel Freude an ihm haben (Gruß an Jürgen, Beppo und den Rest der Ex-Walter Elf). Machen wir's "Holler" heute also den Abschied besonders schwer.(...)

Um so langsam zum Abschluß der erstmal letzten Zweitligakolumne im ÜS zu kommen, gilt es noch die Frage zu klären, ob wir überhaupt nur den Hauch einer Chance auf den Klassenerhalt in der Bundesliga haben. Schwierig! Es wird auf jeden Fall eine Saison des Hoffens und des Bangens werden. Der FC St. Pauli wird sicherlich nicht die Möglichkeit besitzen, mit Hilfe eines finanziellen Kraftakts in der Winterpause nochmal auf dem Spielermarkt zuzuschlagen. Genau durch diese Möglichkeit konnte sich 1860 München den Verbleib in der Liga sichern. Nach völlig verkorkster Hinrunde konnten eben Spieler wie Nowak and die Grünwalder Straße (bye,bye) geholt werden, die die Mannschaft derart verstärkten,daß es am Schluß locker für den Klassenerhalt reichte. Mut macht mir das Beispiel der Krefelder in der gerade abgelaufenen Saison. Auch ohne spektakuläre Neuverpflichtungen (Ausnahmen: Jan Heintze und Rainer Krieg) konnten sich die Youngster von Trainer Friedhelm Funkel in der Liga halten. Funkel hat auf den Nachwuchs gesetzt und gewonnen. Alleine Markus Feldhoff dürfte seinen "Marktwert" in diesem Jahr verzehnfacht haben. Hoffen wir also, daß es Jens Scharping seinen U21-Kontrahenten nachmacht. Dann hätten wir vielleicht eine realistische Chance auf den Klassenerhalt.

Eigentlich wollte ich diese Stelle noch über solch' immens wichtigen Dinge wie Stadionausbau, eventueller Umzug in Volksparkstadion bei Spitzenspielen (Bayern, Dortmund, Bremen) und andere essentielle Nebensächlichkeiten referieren, laß es aber aus Zeitgründen bleiben (die ÜS Layouter knüpfen gerade den Strick, an dem sie mich aufhängen wollen) (mal locker bleiben, Käpt'n, d. T.). Ich hole es später nach (hoffentlich nicht zu spät!) Heute könnte der FC Homburg übrigens mit Romario, Bebeto und Stoitchkov im Sturm antreten und wir würden trotzdem 3:0 gewinnen. Danach dann die größte Sause seit der Aufstiegsfeier von 1988 und noch drei Tage später mit dickem Kopf aufwachen...

Habt einen schönen Sommer und laßt Euch die Sonne auf Eure nackten Körper scheinen.

Euer Käpt'n Braunbär
PS: Ich freue mich jetzt schon diebisch auf den Moment, an dem ich die erste Tüte Panini-Sammelbilder Fußball 1995/96 aufreiße (ich sammle die Teile schon seit der WM '74) und mich unverhofft ein Klaus-Thomforde-Bildchen blöde angrinst!

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