Ich wünsche mir keine Million von St.Pauli

Es ist jedes Jahr das Gleiche. Im Endeffekt bleibt Leo doch. Dieses eigentlich als Fazit seiner Zeit bei St.Pauli gedachte Gespräch bekam somit wieder einen anderen Stellenwert. So blieb aber die Möglichkeit, sich auch mit anderen Dingen als nur St.Pauli oder nur Fußball im Interview mit Leonardo Manzi zu beschäftigen.

ÜS: Du spielst nun endgültig für die Amateure?
Leo: Ja. Okay, das ist eine Klasse tiefer, aber für mich ist es wichtig, daß ich bei St.Pauli bleibe.
Wie steht es mit den finanziellen Einbußen?
Ich spiele seit 6 Jahren bei St.Pauli und habe immer das Gleiche verdient. Brot usw. Ich wünsche mir keine Million von dem Verein. Ich spiele hier, weil ich den Verein liebe.
Und was war mit dem VFB Lübeck. Waren wirklich die Zuschauer der Grund, daß Du nicht gewechselt bist?
Ich habe nichts gegen den VFB oder Lorko. Er hat mir gesagt, daß er mit den Leuten redet und es keine Probleme gäbe. Ich hatte aber auch Sorge, wenn ich in die Stadt gehe, vor allem nachts. Und St.Pauli ist mir ohnehin lieber.

Damit war ja eigentlich alles klar. Und auch der Eindruck, daß er als Maskottchen beim Verein bleibt, stört ihn genauso wenig wie die Bezahlung in Naturalien (wirklich nur Brot?). "Maskottchen? Das freut mich sehr. Das ist Spaß und das mußt Du auch manchmal mitmachen."
Aber er hätte auch durchaus wieder nach Hause gehen können. "Ich hatte Möglichkeiten beim FC Santos und bei Porto Allegre. Wenn es in Europa nicht geklappt hätte, wäre ich wieder zurückgegangen." Sechs Jahre Europa sind für einen Brasilianer auch sehr lange. Leo: "Mein einziger Plan war, daß ich vier Jahre in Deutschland bleiben wollte. Ich wußte nicht, daß Du in Deutschland so viel laufen und kämpfen mußt. Z.B. Spiel am Sonnabend und Training am Sonntag, das gibt es in Brasilien nicht."

Ich bin Brasilianer, ich kann nicht so viel laufen

Ohnehin, zur unterschiedlichen Fußballmentalität hat Leo viel zu erzählen: "Bei uns, dieser Spaß, das ist ein Traum. Als ich mich im Trainingslager mit St. Pauli in Portugal mit einem brasilianischen Kollegen beim Dehnen unterhalten habe, kam sofort der Trainer und fragte, ob ich meine Zunge aufwärme. Auch die Spieler sagen ständig: ,Wir müssen uns konzentrieren.' Wir sind in Brasilien auch konzentriert, aber der Spaß dabei ist sehr wichtig und macht lockerer. Hier sagen sie sich ständig: "Ich muß gut spielen", aber wenn Du so verkrampft bist, kannst Du die Leistung fast vergessen."

Auch zur Spielweise hat er seine Meinung: "Manchmal sagen Trainer in Brasilien, daß Du als Mittelstürmer nicht weiter als bis zur Mittellinie zurückgehen darfst, sonst wirst Du ausgewechselt. Wenn ich dann vorne den Ball nicht bekomme, ist es meine Schuld. Hier muß ich ständig meinem Gegenspieler hinterherlaufen, und dann kommt der Ball und ich bin nicht da."

Nun werden einige Leute sagen, daß Leo doch der untypischte Brasilianer sei und ihn auch sowas nicht stören sollte. Ersteres gibt er auch zu, aber: "Ja, das war auch in Brasilien so. Aber da hieß es, daß ich keine Technik habe, aber Mittelstürmer bin und Tore schieße und das deswegen egal sei."

Tore? Hier wird die aufmerksame LeserInnen- und Fanschaft fragen: "Wann schießt Leo denn Tore?" Dazu kann er selber antworten: "Ich war in Brasilien immer Torjäger. In der Jugend war ich fast immer Torschützenkönig, und als ich mit 17 Profi wurde, habe ich 10 oder 11 Tore in der Saison geschossen."

Auch in der Abwehr wurde er in der Heimat oft eingesetzt, wenn Not am Mann war. Seppos Idee war also gar nicht so schlecht. Allerdings fühlt er sich hier mehr im brasilianischen 4-4-2-System wohl, Maslos Viererkette war noch ein anderes Konzept, und da paßte er nicht hinein (so U.Maslo laut Leo).

An der Spielweise kann also sein langer Aufenthalt hier nicht gelegen haben. Er sagt dann auch: "Natürlich habe ich viele Freunde hier. Aber das kann Dir überall passieren. Wenn ich mich nicht so an Hamburg gewöhnt hätte und nicht so beliebt bei den Fans wäre, dann wäre ich schon nach einem halben oder einem Jahr wieder weg gewesen."

1000 Tore

Seien wir also froh, daß er noch bleibt und vielleicht bei den Amateuren wieder ein wenig von der Spielfreude zurückerhält. Oder vor allem auch Spielpraxis, denn die fehlt ihm: "Das ist die Hauptsache. Ich fühle mich fit und nach drei oder vier Spielen über 90 Minuten bin ich wieder 100% da und besser als früher." Und seine Erwartungen bezüglich der Amateure: "Ich erwarte das Beste. Ich will auch dort meine Leistung bringen, aber ich will kein Star sein. Wenn ich dort spiele, dann so wie jeder andere auch." Die Torfabrik St.Pauli-Amator kann also weiter produzieren. Denn wenn auch Leo seinen Job als Fußballer wie folgt definierte: "Leistung bringen und Geld verdienen", so sagt er jetzt aber auch: "Das ist nicht mehr wichtig. Ich will jetzt noch 1000 Tore für diese St.Pauli-Fans schießen."

Wie oben erfahren, hätte er seine Tore also auch in Brasilien schießen können. Wie aber sieht es im Land des Weltmeisters aus. Zum Beispiel die Korruption im Fußball. Leo dazu: "Unglaublich. Da sagt jemand, daß man verlieren soll und dafür die Spieler 2000,- DM Prämie bekommen. Dann verliert die Mannschaft und der Gegner ist Meister." (Ähnlichkeiten zu Spielen hierzulande darf sich jeder selber suchen. Wie war das noch vor zwei Jahren an der Weser. Aber sowas wollen wir dann doch nicht behaupten, oder?). Wie steht es aber mit den Finanzen in Brasilien. Können Spieler wie Romario tatsächlich bezahlt werden? Leo: "Die Leute in den Präsidien haben sehr viel Geld. Die können auch einen Romario bezahlen. Du kannst bei den großen Vereinen mehr Geld verdienen als in der Bundesliga. Emerson z.B. (Ex-HSV), der spielt jetzt bei Vasco da Gama und verdient dort 15.000,- DM netto im Monat. Spitzenleute müssen in den letzten Jahren nicht mehr nach Europa. Die können dort besser verdienen."

"PT"

Und diese Summen werden in einem Land bezahlt, dessen wirtschaftliche, soziale und politische Lage katastrophal ist, woran auch gerade die Politik des Landes nicht schuldlos ist. Manzi hatte sich einmal für den Präsidentschaftskandidaten der PT, Lula, ausgesprochen. (PT bedeutet Partido dos Trabalhadores - Arbeiterpartei. Sie ist eine Sammelbewegung von der Sozialdemokratie über die Gewerkschaften bis zu den Marxisten und radikalen linken Kräften). Meinte er nur die Person oder die gesamte Bewegung? "Nein, nur die Person. Wenn er (Lula, Anm. d.V.) ein Interview gibt, dann hast Du das Gefühl, daß er für Brasilien kämpft. Mir gefällt seine Meinung und sein Plan für Brasilien." (Anm. d. V.: Lula hat die letzte Wahl nicht gewonnen, aber die Stimmengewinne der PT sind enorm) Politik in Brasilien interessiert Leonardo sonst eigentlich nicht: "Das ist ganz weit weg von mir. Da ist eine so große Korruption in der Poltik. Zum Beispiel Collor (Ex-Präsident) wurde Präsident und versprach den Leuten Arbeit. Zwei bis drei Monate später war alles wieder wie vorher. Er hatte 20 Mio in der Tasche, und die Leute hatten nichts." Manzi betont aber auch die Mentalität der BrasilianerInnen: "Die Brasilianer kämpfen nicht. Die sagen immer, daß sie wieder enttäuscht sind von dem Präsidenten. Dann kommt der nächste und sie sagen: Oh, der ist gut, mit dem versuchen wir es. Kurze Zeit später sind sie wieder enttäuscht."

Essen und Trinken

Seine Lebensfreude läßt sich Leo aber nicht nehmen. "Ich bin nie unzufrieden." Dazu gehören natürlich auch die kulinarischen Genüsse. Und einen Restaurant-Tip hat er natürlich auch auf Lager. Rodizio, die brasilianische Spezialität, gibt es besonders lecker bei dem Brasilianer in Harburg: "In Harburg ist es großartig. Gerade für mich als Brasilianer", betont er dann auch. Aber Essen ist für ihn auch etwas Besonderes. "Ich habe keine Probleme mit dem Essen. Ich komme aus ärmeren Verhältnissen. Wir haben immer nur Reis gegessen. So ist alles, was auf den Tisch kommt, gut. Es kommt von Gott. Ich muß immer sagen: 'Vielen Dank Gott'. Denn viele andere Leute haben überhaupt nichts zu essen."

ÜS: Und wie ist es mit dem Alkohol? (Welch schelmische Frage)
Leo: Für mich ist das kein Problem. Du kannst die ganze Nacht trinken, Hauptsache, die Leistung stimmt. Ich persönlich trinke auch gerne mal was, aber nicht drei oder vier Tage vor dem Spiel. Es gibt Leute, die trinken nur Wasser und Tee und spielen wie eine Wurst. In Brasilien ist es so: Wenn Du als neuer Spieler mit der Mannschaft zusammen bist und nichts trinkst, dann spielst Du nicht. Keine riesigen Mengen, aber Dabeisein und auch mal Mittrinken gehören dazu."

Finale

Nach so viel Information konnte die Frage nach der Zukunft nicht ausbleiben. Zunächst, was Leo über seine persönliche denkt: "Manchmal denke ich, ich will zurück nach Brasilien. Ich habe mir aber noch keine konkreten Gedanken gemacht. Eigentlich will ich noch 6-7 Jahre spielen, am liebsten bei St.Pauli. Aber wenn ich noch 2-3 Jahre hierbleibe und Geld verdiene, dann kann ich auch andere Jobs machen. Es wäre mir überhaupt nicht peinlich, hier in einem Restaurant zu arbeiten. Oder ich werde Trainer bei St.Pauli (lacht), natürlich im Jugend-oder Amateurbereich.

Und die Zukunft der Profis? "Die Stimmung in der Mannschaft ist ganz gut. Locker und positiv. Wir brauchen jetzt die richtige Konzentration und Lockerheit. Ich denke, wir schaffen es."

ÜS: Hat aber diese Mannschaft auch Chancen in der 1.Liga?
Leo: Wir haben eine gute Mannschaft. Allerdings hat sie zu wenig Erfahrung. Und vergleiche mal Zwickau mit Borussia Dortmund als Gegner. Mal sehen. Abwarten und arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch. Und um mit Deinen Worten zu sprechen: Wir wünschen Dir alles das, was Du Dir von der nächsten Saison persönlich erhoffst, Bruder.

(lüh)

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