Auch am Millerntor hat es schon immer Diffamierungen gegen Andersdenkende, Andersfühlende, Anderslebende und
Andersaussehende gegeben; hier sollten wir uns wirklich nichts vormachen. Daß dies in unserem Stadion möglicherweise sehr
viel seltener vorkommt als in den meisten anderen Arenen, dies ist wohl nicht zuletzt ein Verdienst jenes Teils der St.Pauli-Fans, der immer
wieder insistierte, wenn es zu meist verbalen Entgleisungen durch einige wenige FC-Anhänger kam. Die Sensibilität dafür,
so mein Dafürhalten, welche im Stadion getätigten Äußerungen tatsächlich diskriminierenden Charakter haben
bzw. als solche empfunden werden, ist im Laufe der letzten Jahre bei einem großen Teil der Millerntor-Besucher gewachsen. Und nicht
zuletzt die Debatten der letzten BAFF-Treffen, auf denen über Stadionordnungen diskutiert wurde und insbesondere jene Frage,
welches Fan-Verhalten denn sanktioniert werden sollte (siehe auch Berichte in zurückliegenden ÜS-Ausgaben), haben gezeigt,
daß korrektes Verhalten im Stadion sich nicht darin erschöpfen kann und darf, dem türkischen Stehplatz-Nachbarn ein Bier
auszugeben oder den dunkelhäutigen Spieler der Gast-Mannschaft nicht mehr mit Urwald-Geräuschen (so, wie sich's der
gemeine Fan halt im Busch vorstellt) zu erniedrigen. Gerade auch sexuelle Belästigung, sexistisches Verhalten sowie geschlechter-
spezifische Diffamierung gehörten und gehören leider noch immer zum Standard-Repertoire vieler Stadionbesucher und mithin
auch einiger Besucher des Wilhelm-Koch-Stadions.
ALLE SCHIRIS SIND SCHWULImmer wieder gerne werden beispielsweise der Schieds- und die Linienrichter sowie die Spieler der gegnerischen Elf als Schwule, schwule Säue oder ersatzweise als Schwuchteln tituliert, Linienrichterinnen aufs unflätigste verbal attackiert. Und leider geschieht dies oft ohne nennenswerten Widerspruch der übrigen Stadionbesucher, die derartige Äußerungen wohl offensichtlich als nicht ganz so schlimm ansehen, derartiges Geschreie einfach gar nicht als Beschimpfung begreifen oder den Maulhelden nicht lokalisieren können.Tatsache jedoch ist, daß es vielleicht gerade im FC-Stadion eine nicht geringe Zahl von Menschen gibt, die es vorziehen, den gleichgeschlechtlichen Beziehungen den Vorzug zu geben und sich deswegen durch eben diese diffamierenden Sprüche angepißt fühlen. Und da derartige Beschimpfungen (zumindest die Beschimpfer begreifen ihr armes Gekreische als erniedrigend; denn welcher "Homo" kann denn schon richtig Fußball spielen oder zumindest von der "Sache Fußball" überhaupt etwas verstehen?) noch immer an der Tagesordnung sind, kann ich es sehr gut nachvollziehen, wenn sich fußballbegeisterte Homosexuelle ihre eigenen Zusammenhänge schaffen, um "ungestört" dem Fuß-Kick zu frönen. Seit einigen Jahren nun bildeten sich nicht nur in Deutschland homosexuelle Fußballteams. Vor rund 8 Jahren waren die Berliner die Vorreiter und gründeten eine schwule Fußballmannschaft, die heute ca. 25 Aktive zählt. Ihr Heimatverein war der 1986 gegründete damals erste gleichgeschlechtliche Sportverein "Vorspiel", der heute über 500 Mitglieder zählt und somit auch der drittgrößte Sportverein in Berlin überhaupt sein soll. Erst 1990/91 folgte Hamburg mit einer solchen Mannschaft, die, unterm Dach des schwulen Sportvereins "Startschuß", begann Fußball zu spielen. Im Berliner Frauen-Lesben-Sportverein "Seitenwechsel", der seit 1988 existiert und in dem rund 250 Frauen aktiv sind, fanden dann die fußballbegeisterten Hauptstadt-Lesben ihre Heimat. Über organisierten homosexuellen Frauen-Fußball in Hamburg ist mir leider nichts bekannt. ERFOLG DURCH ORGANISATION?1992 wurde, mit großer Unterstützung amerikanischer Teams, die "International Gay & Lesbian Football Association" (IGLFA) gegründet. Und 1993 fand in London die erste schwul-lesbische Fußball-EM statt, nachdem bei den 2. Gay Games 1990 in Vancouver erstmals auch Fußballteams teilgenommen hatten. Und bei dieser "Olympiade für Homosexuelle" konnte sich die Berliner Elf prompt die Bronzemedaille erkämpfen/erspielen. Vier Jahre später waren die Männer bei den 3. Gay Games in New York zwar nicht ganz so erfolgreich - der 3.Platz wurde diesmal nur knapp verfehlt -, doch konnten zwei andere Tatsachen Genugtuung bringen: zum einen gewann das Berliner Lesbenteam auf Anhieb die Goldmedaille, und außerdem wurde die vermeintliche Favoriten-Mannschaft für dieses Turnier, die Hamburger "Startschuß"-Equipe, auf die Plätze verwiesen. Nicht zuletzt die Erfolge bei den TAZ-Freizeitkicker-Turnieren (es wurde ein beachtlicher zweiter Platz belegt, und nicht wenige Beobachter bescheinigten der Mannschaft, den besten Fußball geboten zu haben) drängten dieses Team in eben jene Favoriten-Rolle.Und die "Startschuß"-Kicker wissen von lustigen bis gar tragischen Ereignissen zu berichten: hochmotivierte bis überhebliche streng heterosexuelle Mannschaften, die "die Schwulen glatt putzen" wollten, fielen vom Glauben ab, als sie von eben diesen auf dem Ground vorgeführt wurden. Ein völlig verzweifelter Hetero hockte, Krokodilstränen vergießend, nach einer Niederlage gar heulend im Gras. DIE KOMMT, DIE WM"Um wirklich frei von Ablehnung, Diskriminierung und Unterdrückung Fußball spielen zu können" (Veranstalter) wurde, nachdem sich auch in München, Göttingen, Amsterdam, Mailand und vielen anderen Städten gleichgeschlechtliche Teams gegründet hatten (Einige Heteros spielen übrigens auch mit. "Es ist nett hier" meinte ein solcher.) und neben den Gay-Games- Turnieren ebenso andere internationale Soccer-Turniere stattgefunden hatten, die Idee geboren, eine "Weltmeisterschaft" zu veranstalten. Und eben diese wird nun vom 3. bis zum 7. Juli in Berlin durchgeführt. Das Veranstaltungskomitee, das im Auftrag und in Zusammenarbeit mit "Vorspiel" und "Seitenwechsel" dieses Turnier oganisiert, erwartet ca. 20 Männer- sowie 10-15 Frauenteams mit insgesamt 500 Aktiven, die über 4 Tage in Gruppenspielen gegeneinander antreten werden. Zwei Tage nach dem Homosexuellen- "Gedenktag" "Christopher Street Day", der nicht nur in Berlin mit einem schrillen Umzug gebührend gefeiert werden wird, messen sich die Mann- und Frauschaften aus Kanada, den USA, Holland, Spanien, England, Italien und Deutschland dann im Kampf Mensch gegen Mensch. Ein "... Einbruch in die Fußballarena, die noch als Domäne männlich-heterosexueller Normalität gilt" will der erste "Gay & Lesbian Soccer Worldcup" sein und "... ein Beitrag zum homosexuellen Emanzipationsprozeß, um der Diskriminie- rung...entgegenzuwirken".Das Turnier wird auf der Charlottenburger Sportanlage Kühler Weg am Maikäferpfad (hinter dem Mommsenstadion) auf mehreren Plätzen ausgetragen. Und die Hetero/a-Redaktion des ÜBERSTEIGERS wünscht den Veranstalterinnen und den Teams viel Erfolg.
Wer weitere Informationen haben möchte, wende sich bitte an die Berliner Organisator/Innen Raimund Geene (Tel. 030/7858969)
oder Sonja Beckmann (Tel. 030/6934306). |
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