ranissimo, live

oder Glücksrad mal anders

Tja, anstatt, wie es sich für einen St. Pauli-Fan gehört, nach Wattenscheid zu fahren, sitze ich hier nun am Sonntag um 17.45 h im Sat 1-Ran-Gebäude im Studio Hamburg. Sicherlich fragt Ihr Euch jetzt, warum?

Nun, das war so, als Gast geladen sollte ich über Rassismus in deutschen Stadien berichten, da Sat 1 plante, für die Sendung einen Bericht über Eric Cantona (nachdem er von einem Zuschauer rassistisch beschimpft wurde, er diesen umtrat) zu machen. Anscheinend hatten die Damen und Herren der Schöpfung sich wohl ziemlich verplant, denn der Bericht und somit auch mein Auftritt wurde gestrichen, da Cantona in Marseille, wohin eine Liveschaltung geplant war, nicht aufzufinden war. So wie ich es gehört habe, hatten sie sich auf eine Zusage seiner Eltern verlassen, was für einen eigentlich so renommierten Fernsehsender doch ein bißchen naiv ist. Schön peinlich, das Ganze noch in der Nacht vorher anzukündigen, aber wie heißt es so schön: Hochmut kommt vor dem Fall.

So blieben mir also zwei Alternativen, dort die Sendung reinziehen oder nach Hause fahren. So erfüllte sich mir der Traum einiger dickbäuchiger, chipsfressender Renateholmirnocheinbier- Prolls. Ranissimo live, meine Freude war kaum zu bremsen, wie bedauerte ich jeden Sonderzugfahrer, der nun nicht hier sein konnte.

Um 18.10 h begann die erste Probe, das läuft so ab, erst einmal spielte der Moderator, hier: Johannes Baptist Kerner, mit der Kamera, freute sich wie ein Schuljunge und mußte dann dreimal durch die Eingangstür hineinkommen, proben. Nachdem alle Standpunkte bestimmt waren, "Johannes, nach der 1. Hz. 1860 - Bochum stehst Du dann da und da", diskutierten der Aufnahmeleiter und irgendein anderer Obermotz, ob der Hocker nun 10 cm weiter rechts oder links stehen sollte, kann man sich gar nicht vorstellen, aber es war so.

Mutete das alles noch eher lustig an, wurde es ab 18.30 h ziemlich schlimm. Nun durfte das übrige Publikum rein und wurde über zwei Großbildleinwände mit schönen und lustigen Bildern der Bundesliga unterhalten. Gegen 18.45 h kam dann der Sat 1-Ran-Schiedsrichter, wie er sich selbst nannte, und probierte auf "sehr lustige" Art und Weise die Benimmregeln zu erklären. "Wir sind hier nicht beim Glücksrad oder bei Gottschalk, wo Schilder hochgehalten werden, damit Sie wissen, wann Sie zu klatschen oder zu lachen haben. Nein, hier sind Sie keine Statisten, sondern Mitwirkende. Jubeln und pfeifen Sie, rufen Sie z.B. "Schiri, Telefon", hier sollen Sie Stimmung machen". Das waren seine Worte. Das kann ja noch wolkig bis stürmisch werden und so kam es auch. Ostereier wurden verteilt, Ran-Trillerpfeifen incl. Flaschenöffner und Ran-Frisbeescheiben mit Originalautogrammen von J.B. Kerner. Die Leute gierten danach und alles war am toben: "Hierher, zu mir!", war die Devise und dabei lag der Altersdu rchschnitt bestimmt bei 35 - 37 Jahren.

Kurz vor Sendebeginn bat J.B. Kerner noch darum, daß die Leute am Anfang des Rauball-Interviews doch bitte klatschen, damit er sich gleich gut fühlt. Wie war das noch mit dem Glücksrad-Publikum? Aber noch längst nicht alles, nein, der Aufnahmeleiter spielte Schildchen, denn sowie er klatschte, taten es ihm alle gleich und Reinrufe waren nicht zu vernehmen. In den Werbepausen war wieder Bescherungszeit und anscheinend waren alle artig, denn fast keiner ging leer aus. Noch der lockere Spruch "Die Regie bat mich darum, Ihnen zu sagen, daß Sie ein tolles Publikum sind", olé, hier kommt die Glücksrad-Front.

Am Ende bedankte sich Johannes auch noch beim Publikum und verabredete sich mit ihnen noch auf ein Bier (d.h., er müßte ca. 120 Becher leeren) im VIP-Zelt, und dahin verschlug es mich nun auch. Dort konnte man so Sachen wie Ran-Jacken, Schirme, Notizblöcke und ähnlich wichtiges Zeug kaufen. Nach dem Genuß eines wohl alkfreien Beck's, das immerhin kostenlos war, begab ich mich zur Bahn und fuhr nach Hause.

Fazit: Andere Verpackung und Beschreibung - gleicher Inhalt. Publikum: mache, was wir wollen, aber denke, daß wir Dich brauchen.

Regnar

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