Leo geht!

"Em nome da torcida e de todos os fans do St. Pauli esperamos que setas "bem-vindo". Desejamos a voce e ao nosso time muitos gols e muitas victorias. Faca com que a arte do futbol brasileiro brilke no time marrom e branco."

So stand es in der Nr. 1 des MR! zu lesen. Leonardo Manzi, ein Brasilianer am Millerntor. Nach drei Jahren der Ankündigung scheint es nun so weit zu sein: Leo geht!

Wenn ab Februar oder März der vergangenen Jahre die Frage anstand, welche Spieler über die jeweilige Saison hinaus auch weiter für den FC spielen würden, so hieß es immer, Leonardo Manzi würde nicht dazugehören. Doch o Wunder, beim Trainingsbeginn im July war er dann doch immer dabei. Ob hier inständiges Beten der Fangemeinde, höhere Gewalt, Melancholie der Vereinsoberen oder sein Tor gegen Hannover eine Rolle gespielt haben, wer vermag das schon zu sagen? Und auch wenn es so scheint, als bliebe er in Hamburg, dieses Jahr scheint kein Wunder zu geschehen. Leo geht!

Was bleiben wird, sind die Erinnerungen an den wohl legendärsten Publikumsliebling, den dieser Verein jemals auf den Rasen geschickt hat. Dies mag sich jetzt alles sehr tragisch anhören, so finster wie eine Grabesrede, doch irgendwie kommt dieses Gefühl der Situation sehr nahe. Der FC St. Pauli gibt mit Leonardo Manzi einen weiteren seiner raren charismatischen Identifikationspunkte ab. Leo geht!

Fast schon sagenumwoben war sein Erscheinen im Jahre '89 bei unseren Club. "Ein Brasilianer kommt zum FC", hörte mensch die Menge raunen. "Vom FC Santos soll er kommen", wurde aus der anderen Ecke getuschelt. Erstaunte Blicke, kurzes Nachdenken, ein tiefes Stöhnen und ein sehr leises Flüstern: "Da spielte doch der Pelé." Die Gerüchteküche brodelte, Geschichten wurden gesponnen und wieder verworfen und was blieb, war die Hoffnung auf den kometenhaften Aufstieg eines brasilianischen Jungstars am Millerntor. Das zunächst die CBF die Freigabe verweigerte, auch das schien ein gutes Omen zu sein und die ersten Auftritte des neuen Spielers lösten höchstens ein leises "Geduld, das wird schon" aus. Und dann der Tag des Spieles gegen Köln. In der 83.min schießt Leo, unser Leo, sein erstes Tor, reißt sein Trikot fast vom Leib, schöner noch als einst Aguilera bei der 1:0-Führung der Urus gegen die BRD bei der WM `86, und springt Helmut direkt in die Arme. Diese Szene werde ich mein Lebtag nicht ve rgessen, denn wo erlebst Du heute schon noch ehrliche fast kindliche Freude über ein geschossenes Tor. Und deshalb um so trauriger: Leo geht!

Die meisten von Euch kennen den Rest der Geschichte. Trotz dieses Traumstarts und trotz aller Hoffnung, Leo wurde nie der Star, den alle in ihm zu sehen hofften, zumindest nicht auf dem grünen Rasen. Doch das Millerntor wäre nicht das Millerntor, wenn fußballerische Qualitäten jemals Einfluß auf den Beliebtheitsgrad eines Spielers gehabt hätten. Leo ward von Beginn an, wurde ständig und wird bis heute geliebt, gefeiert und fast vergöttert. Warum? Was für eine Frage! Weil es Leo ist. Und weil nur Leo so spielt wie Leo. Kaum einer verstand es wie dieser Herr, so schnell eine gelbe Karte zu bekommen. Kaum eingewechselt, rannte er wie eine Rakete hinter dem ballführenden Spieler her, setzte nach wo keiner mehr nachsetzte und kam leider oft den Bruchteil einer Sekunde, den entscheidenen, zu spät. Gequältes Aufstöhnen im Stadion. Dann wieder versiebte er einige Chancen und die Menge fluchte. Doch o Wunder. Nächstes Spiel, nächstes Glück. Kaum läuft das Spiel nicht so wie gewünscht, hallt es durch das nicht ganz so weite Rund: Leo, Leo. Und sollte der Trainer (welcher auch immer) tatsächlich auf die flehende Forderung eingehen, so war schon beim Warmlaufen heitere Freude zu verzeichnen und das Spielchen ging von vorne los. Doch damit ist es jetzt vorbei. Leo geht!

Die gelben Karten hat er sich größtenteils abgewöhnt, den Einsatz dagegen nie heruntergeschraubt. Wohl einer der Gründe, warum niemand Leo etwas nachtragen konnte, neben seiner scheinbar immer positiven Ausstrahlung, die so schön in dieses Stadion paßte und die wir sehr vermissen werden. Leo geht!

Im Nachhinein hört sich das alles an, als hätten wir hier einen unbedarften Fußballspieler jahrelang durchgefüttert, doch erstens war dem nicht so und zweitens: Na und, Leo war es wert. Doch da waren natürlich Momente, die diesen Spieler vielleicht auf Jahrzehnte unbezahlbar machen für diesen Verein. JedeR denkt jetzt an das Tor gegen Hannover am 6.6.'93. Ja, ich weiß, den hätte auch meine Oma reingemacht (so der ständige Nörgler), aber hätte Großmama Nörgler in dieser Minute an diesem Tag auch genau an der Stelle gestanden, und was ist mit den anderen neun Toren, die Leo in dieser besagten Saison geschossen hat? Unbezahlbar ist Leo aber auch, weil er einem gewissen Zeichner so viel Inspiration geschenkt hat und weil über seine Person (so bitter und scheiße und für uns nicht nachvollziehbar das für seine Person auch war) ein gewisser Dieter S. als ........(Pfeifton) geoutet wurde und Leos zunächst gezeigte Offenheit in diesem Fall zumindest einigen (wenn auch viel zu wenigen) Personen im Stadion die Augen geöffnet hat. Noch viel unbezahlbarer ist er aber, weil er aus Brasilien kommt, womit wir bei ein, zwei persönlichen Worten wären. Daß ich im Bezug auf Fußball bei dem Wort Brasilien leicht jegliches rationales Denken ausschalte und unter gewissen Adrenalinüberschüssen leide, dürfte einigen bekannt sein. Daß ich aber schuld bin an Leos Weggang, weil ich nach 5 Jahren meine Brasilienfahne dieses Jahr zu Hause gelassen habe, ist hoffentlich nur ein Gerücht. Vielmehr ist es so, daß ich in den letzten Jahren verzweifelte Diskussionen um Leos fußballerische Qualitäten habe führen müssen. So schwachsinnigen Argumenten wie "allgemeine Unfähigkeit", "schlechtester Brasilianer aller Zeiten" und "der kann doch nichts" habe ich mich vehement entgegengestellt. Irgendwie war es immer so, daß bei Leo höhere Maßstäbe angesetzt wurden als bei anderen Spielern. Ein Stockfehler bei ihm entsprach ca. sieben bei den anderen, ein Fehlpaß zehn bei den braun-weißen Kollegen. Dagegen wurden gute Spiele (z.B. gegen Hannover letztes Jahr und viele andere mehr) gleich wieder vergessen, glänzende Pässe bei Kontern einfach ignoriert.

IHR WARD ALLE TOTAL UNFAIR.
Aber wahrscheinlich hat gerade dies den Spaß ausgemacht. Leiden ist eine Gefühlsregung, die am Millerntor schon fast zum Kult geworden ist und nie ließ es sich wohl so schön leiden wie bei Leos Auftritten. Nie stiegen die Emotionen so hoch wie in dem Moment, in dem er in die Nähe des Leders kam und fielen so abrupt in ein dunkles Loch, wenn die Aktion scheiterte.

Falsche Maßstäbe hin, falsche Maßstäbe her, es hat einfach Spaß gemacht und deswegen jetzt schon fast tragisch: Leo geht!

So wie es zur zeit durch die Postillen geistert, scheint er nun doch zum VfL 93 zu wechseln, um dort dann den ewigen Traumsturm Manzi/Ottens wieder aufleben zu lassen. Der FC sollte aufpassen, daß nicht bald auch die Fangemeinde den Standort wechselt, um dem im Vergleich zu anderen Stadien völlig abgedrehten, weil fast nie an der Leistung festgemachten, Starkult auch weiter fröhnen zu können. Aber mit ein bißchen Glück spielt dieses Borgweg-Dreamteam im nächsten Jahr gegen unsere Amateure und auf die Stimmung dürfen wir wohl richtig gespannt sein.

So, schluß jetzt mit dieser Eloge an einen einzelnen Spielern, auch wenn kaum einer dies so verdient hat.

Danke Leo!

(lüh)

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