Die selbstbewußte Nation des Hans Apel

"Einseitig wird der 8.Mai von Medien und Politikern als Befreiung charakterisiert. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, daß dieser Tag nicht nur das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft bedeutete, sondern zugleich auch den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes.Ein Geschichtsbild, das diese Wahrheiten verschweigt, verdrängt oder relativiert, kann nicht Grundlage für das Selbstverständnis einer selbsbewußten Nation sein".

Soweit, im Wortlaut, der Tenor eines Appells "Gegen das Vergessen", der am 7.April in der FAZ erschien (TAZ: "Warum eigentlich eine Anzeige, mehr Bekennermut hätte sich das Blatt doch zumuten können") und von rund 300 mehr oder minder Prominenten unterzeichnet wurde. Die Palette der Unterzeichner reicht von den CDU-Rechtsaußen Alfred Dregger und Heinrich Lummer über den Entwicklungshilfe-Minister Spranger (CSU) und FDP-Rechtsausleger Alexander von Stahl, CSU-Zombie Gauweiler sowie diversen Republikanern bis hin zum Chefredakteur der Rechtsradikalen-Postille "Junge Freiheit", Dieter Stein. Erstaunlich, daß sich in diesen illustren Kreis auch der ehemalige SPD-Finanzminister Hans Apel einreiht, der ja bekanntlich noch vor einigen Jahren zum Präsidium des FC St.Pauli gehörte und heute einfaches Vereins-Mitglied ist. Nicht die SPD-, sondern die FC-Mitgliedschaft läßt uns hier verwundert zurück.

"Diese Herrschaften scheinen zu vergessen, daß die deutsche Teilung nicht am 8.Mai 1945 begonnen hat, sondern am 30.Januar 1933", begründet Ignatz Bubis vom Zentralrat der Juden seine Empörung, und übt heftige Kritik an den Unterzeichnern. Und in der Tat begann die Vertreibung Deutscher jüdischen Glaubens und die Zerstörung Deutschlands mit diesem Datum, und am 8.Mai ist dem zum Glück ein Ende gesetzt worden. Zurecht spricht Bubis auch von den "Ewiggestrigen, die am liebsten das alles, was zwischen '33 und '45 passiert ist, fortsetzen würden - vielleicht in einer gemäßigteren Form, ohne gleich Völkermord zu betreiben".

"Die Teilung Deutschlands und das damit verbundene Unrecht zu bedauern ist eine Sache" (TAZ), diese jedoch in einem Atemzug mit der Befreiung vom Nazi-Faschismus zu nennen, verharmlost und relativiert die Verbrechen der Deutschen nicht nur am jüdischen Volk. Selbst Helmut Kohl, der noch vor zehn Jahren (zum Gedenken an den 8.Mai!) -gemeinsam mit Ronald Reagan- in Bitburg den gefallenen deutschen SS-Soldaten Tribut zollte (Schande!), scheint gelernt zu haben und würdigte kürzlich das Kriegsende als "Ende der Nazi-Barbarei".

Hans Apel hat zwar mittlerweile seine Unterschrift zurückgezogen. Doch offensichtlich nicht etwa aus gewonnener Einsicht, sondern "weil ich diese Gesellschaft nicht mehr mag" (Apel). Inhaltlich hat Sports"freund" Apel sich mitnichten vom Appell distanziert, sondern sich nur vordergründig parteipolitisch - u.a. auf Druck etlicher Parteifreunde- von Rechtsradikalen und CDU/CSU/FDP-Rechtsauslegern absetzen wollen.

Nee, Herr Apel, so leicht wollen wir Sie nicht aus Ihrer moralischen und sozialdemokratischen Verantwortung entlassen. Deshalb erwarten wir vom ÜBERSTEIGER auch schon eine öffentliche Erklärung von Ihnen, zumal es von Ihrer Seite bis heute keine öffentliche inhaltliche Distanzierung vom Aufruf gegeben hat. Und gerade als Mitglied des FC St.Pauli sollten Sie tunlichst dafür Sorge tragen, sich vom Makel irgendeiner Nähe zu rechtsradikalem Gedankengut zu befreien. Oder sollten mittlerweile tatsächlich auch bei Sozialdemokraten jene politischen Positionen zum gesellschaftlichen Mainstream gehören, die die Verbrechen des Nazi-Deutschlands relativierenn, indem diese (im Sinne von Ernst Nolte) gegen Unmenschlichkeiten anderer gegengerechnet werden? Mit Spannung warten und hoffen wir auf Antwort.

ro.

Copyright by Übersteiger

zurück Titelseite dieser Ausgabe weiter