Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ultrà Sankt Pauli vs. "die normale Gegengeradenbesucherin"

„Sie sind Teil einer großen Fanszene. Manchmal ist sie solidarisch“

Denn es ist mehr als Fußball...

Das Märchen von denen, die auszogen, den Bunker zu begrünen

Neues von den Alten



Denn es ist mehr als Fußball...

Serdal Celebi von unseren Blindenfußballern hat das Tor des Monats August erzielt. Seitdem gibt er Interviews für Zeitungen, Radio-und TV-Sender. „Um den Blindenfußball bekannter zu machen“, wie er sagt. Wir haben Serdal nach seinem Training am Borgweg getroffen und wollten etwas mehr über den Menschen erfahren. Herausgekommen ist ein Interview über Kurdistan, Inklusion und auch noch ein bisschen Fußball.

Übersteiger (ÜS): Serdal, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Man konnte in letzter Zeit viel über Dich lesen. Du bist in den kurdischen Gebieten in Ostanatolien aufgewachsen. Wie war es dort als Kind?
Serdal Celebi (SC): Das Dorf, in dem ich aufwuchs, heißt auf Kurdisch Cakan, der türkische Name ist Akar basi köyü. Nach 1984 haben alle kurdischen Dörfer und Städte türkische Namen bekommen. Unser Dorf lag inmitten von Bergen und Wäldern. Wir sind als Kinder oft in die Berge und auf die Bäume geklettert. Fußball haben wir auch viel gespielt auf der Straße. Richtige Straßen gab es allerdings nicht, nur Sandpisten. Wenn es viel geregnet hat, waren die Wege unbefahrbar, die Autos sind stecken geblieben. Wir mussten dann einige Kilometer zu Fuß bis zur nächsten Asphaltstraße gehen. Im Dorf selbsthatten wir zwei kleine Läden, da konnte man sowas wie Reis, Nudeln, Süßigkeiten und Mehl kaufen. Unser Brot haben wir selbst gebacken und vor dem Winter haben wir immer einige Vorräte angelegt. Im Winter lagen dann zwei Meter Schnee.

ÜS: Hat man in Eurem Dorf etwas von den Kämpfen mitbekommen, die es in den kurdischen Gebieten gab?
SC: Als ich 1991/92 sieben Jahre alt war, konnte ich den Krieg richtig wahrnehmen, da ging es explosiv los. Wenn es dunkel wurde, mussten wir immer reingehen. Dann wurde in den Bergen, in den Wäldern, in der Umgebung geschossen. Bomben, Granaten, automatische Gewehre, alles, was man so zu hören bekommt. Das ging stundenlang und in den ersten Tagen war es schlimm. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Es wird Alltag. Du änderst dein Verhalten und hast keine Angst mehr. Unsere freie Kindheit ging immer von Sonnenauf-bis Sonnenuntergang, danach mussten wir reingehen, erwachsen werden und stillhalten, bis die Knallerei vorbei war. Nachts hat dann von den Einschlägen die Erde unter dirvibriert, so nah war das.

ÜS: Ging das denn viele Jahre lang,bis Ihr das Dorf verlassen habt?
SC: Ja, das ging immer vom Frühling bis in den Herbst. Und nach und nach zogen immer mehr Familien in die Stadt. Bis nur noch vier oder fünf Familien im Dorf wohnten. Unsere Familie ist dann als eine der letzten auch weggezogen. Es ging dann in den nächstgrößeren Ort nach Karakocan. Aber auch dort wurde nachts geknallt. In der Moschee konnte man in der Kuppel die Einschusslöcher sehen. Die Kinder, die dort aufwachsen, werden schnell erwachsen. Du bist sieben oder acht Jahre alt und denkst wie ein Fünfzehn-/Sechszehnjähriger. Du lernst, was Krieg ist, du weißt, was Sterben ist und du lernst, mit deiner Angst umzugehen und sie nicht zu zeigen. Du musst außerdem immer aufpassen, was du sagst. Ein Mensch hat aber das Recht auf Demokratie, Freiheit, Kultur, Sprache. Und ein Mensch hat das Recht darauf, zu sagen, was er ist, er muss sich selbst nicht verleugnen.

ÜS: Hattet Ihr regelmäßig Schulunterricht?
SC: Wir hatten im Dorf eine Schule,in der alle von der ersten bis zur fünften Klasse zusammen in einem Raum waren. Da hatte der Lehrer nicht viel Zeit, einzelne Leute zu fördern. Irgendwann im Krieg ging dann der Lehrer weg und die Schule wurde geschlossen. Wir Kinder hatten dann den ganzen Tag frei, das fanden wir cool. Ich bin dann so zwei bis drei Jahre nicht mehr zur Schule gegangen, erst wieder in Karakocan als ich 11 oder 12 Jahre alt war.

ÜS: In dem Alter kam auch Deine Netzhautablösung?
SC: Richtig. Ich konnte erst nachts nichts mehr sehen und dann auch tags immer weniger. Ich konnte die Tafel nicht mehr erkennen. Einmal bin ich morgens früher in die Schule gegangen und habe alle Tische nach vorn geschoben, um näher an der Tafel zu sitzen. Dann kam der Lehrer rein,hat gefragt, welcher Idiot das war und hat alles wieder nach hinten geschoben. Es war keine schöne Zeit in Karakocan, langsam zu Erblinden war schrecklich.

ÜS: Bist Du dann aufgrund Deiner Augenerkrankung nach Deutschland gekommen?
SC: Mein Vater war schon vorher nach Deutschland emigriert. Er hat mich dann nachgeholt, weil er hier für mich bessere Zukunftschancen sah als in der Türkei, da war ich 12.

ÜS: Warst Du da schon komplett erblindet oder erst nachdem Du nach Deutschland kamst?
SC: Das war hier in Hamburg. Ich bin dann auf eine Blindenschule gekommen. Da gab es Förderschule, Hauptschule und Realschule. Ich bin auf die Förderschule gekommen, weil die gesagt haben, der kann nichts, der kann ja nicht mal A sagen. In der 7. Klasse haben wir sowas wie 23+25 gerechnet. Dann haben die gesehen, dass ich das gut kann und gesagt, der soll seinen Hauptschulabschluss probieren. Den hab ich dann mit Note 4,4 geschafft.

ÜS: Und dann bist Du erstmal Bürstenmacher geworden?
SC: Das war ein Praktikum. Nach einer Stunde konnte ich die Bürsten machen. Wir saßen in einem Keller, meine Finger waren von den Borsten total zerstochen und mein 60-jähriger Kollege hat immer Oldies gehört. Das hat mich echt angekotzt, immer dieses [singt] „Der blaue Himmel ist so schön lalala“. Dann dachte ich, „Fuck, wo bin ich hier gelandet“, und wusste, ich will nicht Bürstenmacher werden und mein ganzes Leben im Keller verbringen. Ich hab dann geguckt, was ich mit Hauptschulabschluss machen kann. Jemand hatte mir von der Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister erzählt und ich dachte, ich bin fit und das passt eigentlich. Da gab es dann die Chance, mit einem guten Durchschnitt den Realschulabschluss zu bekommen und ich hab 1,3 geschafft. Damit konnte ich dann weitermachen mit einer Ausbildung zum Physiotherapeuten. Die ganze Ausbildungszeit war in Nürnberg, acht Jahre lang. Danach bin ich dann wieder nach Hamburg gezogen und habe etwas später angefangen, in einer Physio-Praxis zu arbeiten. Seitdem habe ich auch meine Wohnung inBillstedt. Aber ich suche nun eine größere Wohnung, weil ich jetzt ja eine kleine Familie habe. Am liebsten in Eimsbüttel. Schreib das mal mit rein, vielleicht weiß ja jemand etwas.

ÜS: Gern. Als Du zurück nach Hamburg kamst, hast Du mit dem Blindenfußball angefangen?
SC: Ja. Ich hatte vorher recherchiert und Hassan, ein Spieler aus Gelsenkirchen, hatte mir St. Pauli empfohlen, weil ich ja wieder nach Hamburg wollte. Da hab ich dann Ende 2008 angefangen.

ÜS: Und bist sogar zum deutschen Nationalspieler aufgestiegen. Wie war das?
SC: 2014 war der Teammanager der Nationalmannschaft bei uns im Training. Wir haben uns lange unterhalten und dann wurde ich zur WM 2014 in Tokio nominiert. 2015 hab ich noch die EM in England gespielt, dann bin ich zurückgetreten. Ich konnte mir das zeitlich nicht mehr leisten. Mein ganzer Jahresurlaub ist für die Nationalmannschaft draufgegangen.

ÜS: Ist die Förderung in anderen Ländern besser?
SC: In manchen Ländern sind die Spieler beim Staat angestellt und bekommen frei für die Nationalmannschaft. In England und Brasilien gibt es sogar Profitum im Blindenfußball. In Deutschland sind wir mit der Förderung noch nicht so weit, auch weil der Blindenfußball nicht im DFB integriert ist.

ÜS: Würdest Du denn sagen, dass die Förderung beimFC St. Pauli gut ist im Vergleich zu anderen deutschen Vereinen?
SC: Wir werden von der AFM und der Amateur-Herrenfußballabteilung ganz gut unterstützt. Sie kennen unsere Konzepte und wissen, wie wir unsere jungen Spieler weiterentwickeln. Dadurch sind wir schon ganz gut aufgestellt, aber natürlich können die auch nur bis zu einem bestimmten Betrag unterstützen. Wir könnten schon noch mehr Unterstützer und Sponsoren gebrauchen, dann können wir noch mehr erreichen. Aber durch die AFM-Förderung können wir Jugendtraining anbieten und junge Spieler ausbilden. Egal, wer der Spieler ist, mit welchen Fähigkeiten er zu uns kommt. Wir sind bis zum Anschlag für jeden offen. Keiner wird weggeschickt, egal welchen Alters, mit welchem Hintergrund oder aus welcher Kultur. Wir leben Fußball und alle, die wollen, sollen auch Fußball leben können. Das zeichnet uns aus.

ÜS: Ein schöner Schlusssatz. Obwohl wir mit Deinen Erzählungen wohl auch ein ganzes Buch füllen könnten. Vielen Dank für das offene Gespräch, Serdal. Du bist echt ein Supertyp und wenn über das Tor des Jahres abgestimmt wird, wählen wir Dich wieder alle.

Mit Serdal sprach MarronBlanco
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