Wir zittern uns in die erste Liga...
... aber können wir ohne Herz-Lungen-Maschine überleben?

Montag, 27.03.95, 22.12 h, Wilhelm-Koch-Stadion
Puls: 150, Atmung: fast keine.

Eine Spielertraube aus "gelb-grün" und "braun-weiß" kämpft am Mittelkreis wie besessen um das runde Leder. Im Kopf habe ich nur eins: "Pfeif ab!". Laut schreie ich diesen Gedanken raus. Jetzt endlich führt der Schiedsrichter (inzwischen in die Rolle des Exorzisten gedrängt) die Pfeife zum Mund. Er holt tief Luft undbläst diese kr&aul;ftig in das kleine schwarze Folterinstrument.
Vorbei! Zentnerschwere Steine, die zum Wiederaufbau des Iduna-Hochhauses gereicht hätten, fallen dem Verfasser dieser Zeilen von der Pumpe. Endlich lösen sich die verkrampften Gesichtszüge in Wohlgefallen auf. Ein zufriedenes Lächeln ist jetzt im Gesicht zu beobachten. Ein irres Lächeln, das auch bei der Umarmung des Nebenmannes anhält. 2:1 gewonnen und wieder einen Aufstiegsplatz erreicht. Das war diesen Nervenzusammenbruch wert. Der Ärger über die ausgelassenen Chancen und die "verunglückte" Luftballon-Aktion ist vergessen.

Dienstag, 28.03.95, 6.50 h
Noch leicht benebelt vom gestrigen "Zittersieg" gegen die Fortuna aus D'dorf betrete ich den Pausenraum der "Seifenfabrik", die durch die monatlichen Überweisungen dafür sorgt, daß ich meine Miete bezahlen kann. Kurz noch einen Kaffee, 'ne Zigarette und einen Blick in die Boulevard-Presse, bevor ich zu meinem Arbeitsplatz schleichenwerde.
Dann aber der Schock (nee nee, nicht Gerd-Volker, sondern ein richtiger Schock): "KÖLN HOLT PRÖPPER" steht es schwarz auf weiß zu lesen (ja ja, einer der Momente, wo ich wünschte, nie lesen gelernt zu haben, war mal wieder da ...). Ohne Herz und Lunge ist kein Mensch lebensfähig. Genausowenig wie unsere Mannschaft ohne Herz (Pröpper) und Lunge (Hollerbach) in der Bundesliga überlebensfähig wäre, denke ich enttäuscht. "Junge, glaub' doch nicht alles, was in der Zeitung steht", schreit eine Stimme endlich in mein drittes Ohr. Ein wenig beruhigt reiß' ich die Seite aus der Gazette raus, zerknülle sie und befördere sie mit einem gezielten Tritt in die Mülltonne.

Sicher hat der 1.FC Köln nicht erst gestern das erste Mal Interesse an unserem Mittelfeld-Motor bekundet. Konkrete Angebote gab es allerdings noch nicht. Bleibt zu hoffen, daß Wähling, Maslo und Weisener mit vereinten Kräften versuchen, Carsten davon zu überzeugen, daß er auch in der nächsten Saison öfter als einmal am Millerntor kickt.

Heute beim Spiel gegen den 1.FC Saarbrücken wird er aber auf jeden Fall im richtigen Kader stehen.
Der 1.FC Saarbrücken setzte vor Beginn der laufenden Spielzeit ganz auf Neubeginn. Nicht weniger als 15(!) neue Spieler und mit Reiner Hollmann (kam von Galatasaray Istanbul) ein neuer Trainer machten sich auf den Weg in den Ludwigspark. "Soweit wie möglich oben mitspielen" war das Ziel des Trainers und gleichzeitig die Hoffnung in seine neuformierte Mannschaft. "Damit kann er kaum die Abstiegszone gemeint haben" dachte sich das Präsidium des Vereins und entließ den ehemaligen Feldkamp-Assistenten (bei K'lautern) nach katastrophaler Hinrunde. Der bisherige Co-Trainer Klaus Scheer übernahm das Kommando und als Teilerfolg verließen die "Blau-Schwarzen" inzwischen erstmals seit langem einen Abstiegsplatz, konnten sich allerdings eher ein "kleines Kissen" als ein Polster zum 15. Tabellenplatz schaffen.

Daß es die Saarländer aber jetzt auch auswärts verstehen, clever zu kontern, geschickt zu spielen, um so beide Punkte mit in die Heimat zu nehmen, mußten die Nürnberger am vorletzten Wochenende im Frankenstadion schmerzlich erfahren. Sicherlich rechnen sich die Saarbrücker mit dem neu gewonnenen Selbstbewußtsein auch einiges am Millerntor aus. Sie werden heute sicherlich defensiv eingestellt das Feld betreten und auf Konterspiel hoffen.
Hier muß St. Pauli dagegenhalten, ohne mit der Brechstange durch die Mitte zu wollen. Wenn die Spieler dabei aber an die erste Hälfte des Spiels gegen D'dorf anknüpfen, wo das Team über weite Strecken wirklich traumhaften Kombinationsfußball bot, sowohl über die rechte (Driller, Hanke), als auch über die linke Seite (Hollerbach, Szubert) immer wieder herrliche Bälle auf die (fast) immer brandgefährlichen Spitzen Sawitschew und Scharping (dem die U21-Berufung auf Abruf scheinbar nicht gerade verunsichert hat ...) kamen, dann sehe ich kaum Probleme, beide Punkte an der Elbe zu behalten. Nur die Chancenauswertung muß effizienter werden, die Einschuß-Möglichkeiten müssen konsequenter genutzt werden, will man die nächste Serie in der höchsten Spielklasse erleben.

Im Team der Gäste sollten unsere Jungs besonders auf die Routiniers Falko Götz, Thomas Stickroth und Mattias Lust Obacht geben. Wie sie den Ball am langen "Heimkehrer" Jörn Schwinkendorf vorbeidribbeln, sollten die meisten noch wissen. André Trulsen kümmert sich hoffentlich intensiv um den brandgefährlichen US-Boy Joe-Max Moore. Sollte er ihn kaltstellen, dann verringert sich die Chance auf ein Tor der Saarbrücker um mindestens 50 Prozent ...

TIP:

Aller guten Dinge sind nicht erst seit Adam Riese natürlich drei! Nach den beiden Erfolgen in der Hinrunde (Meisterschaft + Pokal) steht einem dritten Erfolg nichts mehr im Wege. So ein duseliges 1:1 wie in der letzten Saison wird es nicht mehr geben. Heimspiele gewinnen ist sowieso Pflichtprogramm für Aufstiegsaspiranten.Deshalb: 2:0!
Euer Käpt'n Braunbär
(the unstoppable Klugscheißer)

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