Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Der "Flankengott von Fehmarn"

HSV, Werder, FC St. Pauli – die große Einheit?

25 Jahre Fanladen St.Pauli

MEDI – Teams für Rojava

Neues von den Alten



Medi

Ob sie gezählt wurden, die St. Pauli-Aufkleber, die im Laufe der neuntägigen Beobachtungsreise der Reisegruppe in Rojava einen neuen Aufenthaltsort gefunden haben?

Aber von vorn:
Im Dezember 2014 besuchte eine von der Hilfsorganisation phnx.berlin organisierte medizinische Recherche-Delegation von drei Personen das Kanton Çizîrê in der unter autonomer Verwaltung stehenden Region Rojava im Norden Syriens, an der türkischen Grenze gelegen. Der Mediziner Michael Wilk, der Fotojournalist Christian Ditsch und die Dolmetscherin Beriwan Al-Zin begutachteten vor Ort die Lage der medizinischen Versorgung und ließen sich von Mitarbeiter*innen des Kurdischen Roten Halbmondes (Heyva Sor a Kurd) und engagierten Ärzten, Krankenhäuser, Medikamenten-Verteilstellen (Apotheken) und ein Flüchtlingslager nahe der Stadt Derik zeigen.

Am Hamburger Wahlsonntag zur Mittagszeit haben die drei für 25 Gäste in den Fanräumen einen sehr beeindruckenden und teilweise tief berührenden Bericht mit ausführlicher Fotodokumentation über den Kampf der Menschen in der basisdemokratisch organisierten Region Rojava, abgegeben.

Menschen verschiedener Religionen und ethnischer Gruppen haben sich zusammengeschlossen, um den Verteidigungskrieg gegen den IS zu führen, aber auch den Alltag und das Überleben im Alltag zu organisieren.

Eines der dringendsten Probleme ist der akute Mangel an medizinischen Fachkräften und Ausrüstung, die zur medizinischen Versorgung notwendig sind. Die Ärzt*innen müssen vor Ort zum Teil unter katastrophalen Umständen arbeiten und in einigen Krankenhäusern fehlt es von OP-Besteck, Geräten bis zu Medikamenten an allem, was hier zu den Mindeststandards gehört.

In der Stadt Serê Kaniyê zum Beispiel arbeitet seit der Befreiung der Stadt 2013 durch die Kurd*innen von Assad-Truppen und dem IS-Vorgänger "Al Nusra-Front", der einzig verbliebene Chirurg, sieben Tage die Woche, 24 Stunden. Immer wieder muss er nach Feierabend direkt zurück in das Krankenhaus weil Verletzte eingetroffen sind. Dabei ist das Krankenhaus in einem erbärmlichen Zustand. 2013 hatte sich die Al Nusra-Front im Krankenhaus verschanzt und die Assad-Luftwaffe flog mehrere Bombenangriffe. Dabei wurden ca. 70 Prozent des gesamten Komplexes zerstört. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde danach von den flüchtenden Islamisten geplündert. So sind aktuell nur fünf Zimmer für die Unterbringung von Verletzten und Kranken und ein kleiner Behandlungsraum nutzbar. Technische Geräte wie Röntgen oder gar Computertomographie sind nicht mehr vorhanden. Der Arzt kann nur notdürftig die einfachsten Operationen durchführen.

In anderen Krankenhäusern sieht es teilweise zwar etwas besser aus, aber auch dort fehlt es vor allem an technischem Gerät. Zum Beispiel müssen in der Klinik in Derik undichte Inkubatoren für Frühgeburten notdürftig mit Klebeband abgedichtet werden, da Ersatzteile fehlen.

Aber nicht nur Deprimierendes konnten die Drei von ihrer Reise berichten. Ganz hervorragend funktioniert zum Beispiel das Verteilungssytem von Medikamenten in den Städten. Beriwan erklärte, wie Dorf- und Stadtteil-Komitees die Bewohner*innen die Bedürftigkeit der Menschen feststellen und wie diese dann zum Beispiel in den von Heyva Sor a Kurd aufgebauten Apotheken kostenfreie Medikamente bekommen können. Wenn, ja wenn diese Medikamente denn vorhanden sind. Viele chronisch Kranke können nur sehr eingeschränkt Medizin gegen Asthma, Diabetes oder Krebs erhalten, da diese oftmals fehlen.
Die Drei hatten zwar jede Menge Medikamente mitgebracht, jedoch war diese Spende nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Womit einer der wichtigsten Punkte der Veranstaltung in den Fanräumen angesprochen wurde.

Der hauptsächliche Hintergrund an diesem Sonntagmittag war natürlich unsere Solidarität zu erreichen. Michael erzählte, dass während der Reise zusammen mit dem Kurdischen Roten Halbmond über Geldspenden geredet wurde. Für diese Spenden wurde von Heyva Sor a Kurd über Menschen in der Türkei ein Konto eingerichtet auf das Spenden überwiesen werden können. Für diese Spenden kamen mal an diesem Tag 387,- Euro zusammen, so dass mit den 770,- Euro die am Vorabend bei einer Veranstaltung mit ca.120 Leuten in Bremen gesammelt wurden, über 1000€ an Heyva Sor a Kurd überwiesen werden.

Michael hat uns garantiert, dass nicht ein Cent in irgendeinem Verwaltungsapparat hängen bleibt sondern zu 100% eingesetzt wird. Ein Hauptteil wird Heyva Sor a Kurd für Medikamente ausgegeben, die wegen der Preispolitik der Pharmakonzerne für ein Drittel des hiesigen Preises in der Türkei gekauft werden können. Dieses ist günstiger, als wenn von unserer Seite Medikamente nach Rojava geschickt werden. Und es ist gezielter, denn so kann genau das eingekauft werden, was vor Ort fehlt.

Wie können wir noch helfen außer mit Bargeld?

Michael berichtete von den "Häusern der Verletzten", einer Art "Reha" für die verletzten Kämpfer*innen. Dort können sie sich nach einer ersten Operation ein wenig erholen. Jedoch, es fehlen Menschen, die mit ihnen in ausreichendem Maße Krankengymnastik oder Physiotherapie machen können. Hier werden ganz konkret Menschen gesucht, die für einige Wochen nach Rojava gehen und dort mit den Verletzten Krankengymnastik machen und die Helfer*innen fortbilden.

Weiter stellt phnx.berlin Medi-Teams zusammen. Dies sind kleine Gruppen von Freiwilligen, die über die Expertise und Erfahrung verfügen, auch unter schwierigsten Bedingungen zum Beispiel als Rettungssanitäter*in oder im OP in Krankenhäusern zu arbeiten. Unter anderem auch, um den Arzt Dr. Xalêt im Krankenhaus in Serê Kaniyê abzulösen. Die Teams werden mit dem nötigen medizinischen Material ausgestattet und führen medizinische Versorgung und Operationen durch. Jedes Team kann mit der Summe von 5.000,- Euro bis zu 35 Patient*innen operativ versorgen. phnx.berlin kümmert sich um die Flüge und das Verbrauchsmaterial.

Christian hat zusätzlich zum medizinischen Bereich der Reise über die Situation der Feuerwehr in der Stadt Al Qamishli berichtet. Die Stadt ist die Hauptstadt des Kantons und ca. 700.000 Menschen leben hier. Die Hälfte sind sogenannte Binnenflüchtlinge, Menschen die aus anderen Teilen Syriens irgendwie die Flucht nach Rojava geschafft haben. Im Gegensatz zu Städten wie Aleppo oder Homs ist es hier sicher.

Von sieben Löschfahrzeugen ist nur meist eines einsatzbereit. Mit diesem Fahrzeug wird ein Großteil der Menschen mit Trinkwasser versorgt, da sie keinen Zugang zum öffentlichen Wassernetz haben. Im Sommer gab es immer wieder die Situation, dass die Feuerwehrmänner beim Wasser liefern den Anruf bekamen, dass es brenne und sie hatten kein Wasser mehr im Fahrzeug. Das nächste Problem ist, dass sie mit dem funktionierenden Fahrzeug nicht überall hin fahren können. Mancher Orts sind die Gassen zu eng oder die Stromleitungen hängen zu tief. Auch Ausrüstung der Feuerwehrmänner ist in einem erbärmlichen Zustand. Undichte Gasmasken mit längst abgelaufenen Filtern, uralte Schutzkleidung, kein Funk. Es wird einfach alles benötigt um eine Stadt mit 700.000 Menschen zu versorgen. Falls es Menschen gibt, die entsprechende Kontakte haben, sie können sich gerne an phnx.berlin wenden.

Und was hat das alles jetzt mit St. Pauli zu tun?

Christian war immer deutlich als einer der Braun-Weissen zu erkennen, was sich von der gängigen Trikotmode Barça, Real oder Milan abhob. Immer wieder wurde er auf St. Pauli angesprochen. "Das kenne ich!" hörte er mehrfach als Jugendliche den Jolly Roger und die Vereinsfarben erkannten. Die zum Beispiel vor dem Kaiserslautern-Heimspiel im Dezember von FC St. Pauli-Fans, dem Fanladen und dem Verein gespendeten Klamotten, Mützen und Schals für die Flüchtlinge aus Kobanê waren bereits in der Region angekommen und haben unzähligen Menschen geholfen. Angesprochen warum Christian denn nicht Barça, Real oder Milan-Fan sei fragte er - halb scherzhaft - zurück, was denn Barça, Real oder Milan für Rojava, bzw. die Flüchtlinge getan hätten. Die Antwort war lachendes Schulterzucken und etliche Aufkleber aus dem Fanladen wechselten die Besitzer.

Die Referent*innen Beriwan Al-Zin, Dolmetscherin aus Bonn; Michael Wilk, Arzt aus Wiesbaden und Christian Ditsch, Fotojournalist, Hamburg trinkt braunweiss e.V. und FC St. Pauli-Fanclub "Wi köönt ok anners" möchten sich noch mal ganz speziell bei den auf der Veranstaltung anwesenden Fanräume Aktivist*innen und bei den Fanräumen für die super Unterstützung bedanken.

Informationen zu der Hilfsorganisation phnx.berlin und dem Projekt Medi-Teams können unter www.phnx.berlin nachgelesen werden. Fragen und Hilfsangebote sind am besten bei rojava (at) phnx (punkt) berlin aufgehoben.

Eindrücke, Artikel und Interviews zu der Reise sind zu lesen unter: www.christianditsch.wordpress.com

Buchvorschlag: Revolution in Rojava – Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo, ISBN 978-3-89965-658-9

Alles weitere gerne an:
hamburg-trinkt-braunweiss (at) gmx (punkt) de

Das Spendenkonto von phnx lautet:
Phoenix - Redefine Global Solidarity e.V.
Verwendungszweck Projekt PHNX
Volksbank Berlin
IBAN DE55 1009 0000 2533 5240 04
BIC BEVODEBBXXX

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