Übersteiger Nr. 106

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ein Neubau und ein ungeliebter Untermieter

Die Kassenrolle – Der Verein wehrt sich

Der Schweinske Cup und seine Folgen

Mit der Seilbahn ins Millerntor-Stadion?

Übersteiger Blogschau: Fritten, Fußball und Bier



Die temporäre Außenstelle
des Polizei-Kommissariats 16
im Millerntor-Stadion

Ein Neubau und ein ungeliebter Untermieter

    Mit Ende dieser Saison folgt einer weiterer, wenn nicht sogar der bedeutenste, Bauabschnitt im Zuge des Stadionneubaus. Die altehrwürdige Gegengerade wird abgerissen und eine neue Tribüne wird entstehen. Diesem Vorhaben stehen wohl viele von Euch, wie auch ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Zum Einen blickt man zurück auf das Erlebte und all die tollen, wie auch unschönen Erfahrungen auf der Gegengeraden. Zum anderen ist man natürlich gespannt auf die Neuerungen, insbesondere der Fanräume, die dieser Neubau mit sich bringen wird. Doch bei Betrachtung der vorliegenden und durch die AG Stadionbau präsentierten Unterlagen und Pläne zu diesem Neubau kriegt man dann aber doch erst einmal das Kotzen, da man es in der neuen Gegengerade nach aktuellem Stand der Dinge im wahrsten Sinne des Wortes mit der Polizei zu tun bekommt.

Auf der unteren Ebene (der Hauptebene) der neuen Gegengerade, sollen laut aktueller Planungen zwischen den Mittig der Tribüne entstehenden Fanräumen und der Ecke zur Nordkurve 580 qm Räumlichkeiten entstehen, welche der Polizei der Stadt Hamburg als Dienstwache zu Verfügung gestellt werden sollen. Und dies nicht nur während des Spielbetriebes, sondern auch außerhalb der Spielzeiten, z.B. zu Domzeiten und besonderen Anlässen. Dieses Vorhaben ist meines Erachtens aus diversen Gründen keinesfalls tragbar.

Alleine die Geschehnisse aus jüngster bzw. jüngerer Vergangenheit (Schweinske Cup, Angriff auf das Jolly Roger, Dursuchung Fanladen etc.) sowie die immer weiter zunehmende Repression und unbegründete Kriminalisierung von Fussballfans seitens der Polizei machen eine gemeinsame Unterkunft innerhalb unserer (Verein, Fans, Mitglieder...) Gegengerade unzumutbar.

Vereinsvertretern ist diese Kritik Sinngemäß bekannt und liegt in Form eines Kataloges der für die Fanszene wichtigen Punkte auch schriftlich vor.

«Sowohl aus der Historie der Entstehung und Prägung der heutigen Fanszene seit Mitte der 80er Jahre» (Stichwort z. B. «schwarzer Block auf der GG»), als auch aufgrund der nie geahndeten schweren Übergriffe von Polizeibeamten auf Fans «besonders in den letzten Jahren ist die Polizei weit davon entfernt, als vertrauenswürdiger Partner gesehen zu werden» hat es die Stadionbau AG in diesem Katalog u.a. treffender Weise formuliert. Doch diese, für mich im Grunde bereits ausreichenden Punkte, sind nur ein kleiner Randaspekt und der ein oder andere würde darüber sicher noch hinwegsehen können und eine so geplante Wache unter den bisher genannten Kritikpunkten auch noch hinnehmen können bzw. wollen.

An dieser Stelle sei erwähnt das ein kompletter Ausschluss der Polizei aus dem Bauvorhaben ohnehin nur schwer umsetzbar ist und somit zwangsweise Kompromisse eingegangen werden müssen. Laut Stadionhandbuch des DFB und der DFL ist jeder Verein bzw. Stadionbetreiber verpflichtet den zur Spielbetriebsdurchführung nötigen Einsatzkräften, also auch der Polizei, Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Dies ist im Grunde mit der alten Domwache erfüllt. Nur hätte die Polizei gerne bedarfsgerechtere, modernere und größere Räumlichkeiten zur Verfügung. Und an dieser Stelle wird es nun etwas komplex: Aufgrund des daraus resultierenden Wegfalls der Domwache nun ohnehin bestehenden Bedarfs einer «Stadionwache» gemäß Stadionhandbuch soll diese neue Wache eben in den Stadionneubau integriert werden. Zwickmühle: Der Verein muss um den Anforderungen von DFL/DFB gerecht zu werden nun also Räumlichkeiten schaffen. Und die Polizei will «zufällig» eh grade was eine neue Wache beziehen. Also, passt doch. Mag man jetzt sicher denken.

Verschwendung wertvoller Stadionfläche

Doch: Nicht nur die derzeit geplante Nutzung außerhalb des Spielbetriebes der neu entstehenden Räume sondern auch die geplante Größe der Wache von ca. 580qm übersteigt die Forderungen gemäß Stadionhandbuch des DFB und der DFL bei weitem. Profitieren würde von den derzeitigen Planungen also ausschließlich die Polizei und wertvoller Platz des Stadiongeländes wäre futsch.

Bezüglich der zu errichtenden Räumlichkeiten für die Polizei sind im Grunde zwei Stellen im Artikel 21»Räume und Technische Einrichtungen für Einsatzkräfte und Einsatzleitungen» der Stadionordnung von Bedeutung:

1.(1) Im Stadion sind ausreichend große, mit den erforderlichen Kommunikationseinrichtungen ausgestattete Räume für die Polizei, die Feuerwehr, den Sanitäts- und Rettungsdienst und Ordnungsdienst anzuordnen...

2.(3)Der Polizei sind im Bereich des Stadions an gesicherter und geeigneter Stelle Verwahr- und Festnahmeräume für bis zu 20 Personen einzurichten. Ferner sind Raume für den Betrieb einer Polizeiwache vorzusehen, die für alle leicht erreichbar sein müssen.

580 qm sind demnach völlig überzogen und unangemessen. Besonders wenn man bedenkt, das dem Fanräumeprojekt (Fanladen, AFM Büros, Fansaal etc.) insgesamt gerade einmal 570 qm zu Verfügung stehen werden. Die Einhaltung der o.g. Richtlinien ist auf deutlich kleinerer Fläche zu realisieren und diese sollte meiner Meinung nach vom Verein auch auf das kleinstmögliche Mindestmaß reduziert werden, statt einen Großteil der Wertvollen Stadionfläche der Polizei zu opfern.

Und wenn ich meine Wohnung grad mal so betrachte wage ich zu behaupten das man die Anforderung auch auf gutgemeinten 100 qm realisieren kann. Bleiben also 480qm mehr für den Stadionbesucher.

Neben der unangemessen großen Fläche kommt aber ein ganz anderes, ein viel größeres Problem zum Tragen. Und zwar die geplante Lage der Polizeiwache, sowie deren Nutzung auch außerhalb des Spielbetriebs. Für mich persönlich gab es immer schon einen Punkt am Fanräumeprojekt, von dem ich bis heute nicht so recht weiß was ich von ihm zu halten habe. Es ist die räumliche Zentralisierung verschiedener Gruppierungen bzw. Institutionen. Und nun sehen die Planungen auch noch vor, das unmittelbar neben den Fanräumen, deren Kernelement der Fanladen bildet, eine Polizeiwache entstehen soll. Dies ist unabhängig der bis hier genannten Kritikpunkte absolut nicht hinnehmbar und gefährdet die Ausführung der Arbeit und den Sinn des Fanladens und somit dem Fanräumeprojekt, letztendlich also der gesamten aktiven Fanszene.

Die fehlende örtliche Trennung von Polizei und Fanladen wird definitiv eine abschreckende Wirkung haben und den ein oder anderen davon abhalten sich im Problemfall Hilfesuchend oder -bietend an den Fanladen zu wenden. Ob gewollt oder nicht wird eine erhöhte Beobachtung der Fanszene durch die Polizei erfolgen und den gemachten Erfahrungen nach zu urteilen wird dies auch unweigerlich zu Fehlinterpretationen und falschen Verdächtigungen führen. Und schon landen wir wieder bei den Anfangs genannten Repressionen und Kriminalisierung.

Selbst wenn ich etwas im kleineren bzw. einfacher Denke zeigt sich doch das ein oder andere Horrorszenario.

Wenn ich im Zuge meines Fanräumeaufenthaltes vor der Tür beim netten Smalltalk mal eine Rauchen möchte, dann mach ich das zusammen mit den Cops die auch gerade mal draußen stehen um eine zu rauchen?! Nein danke!

Besonders in den letzten Jahren ist die Polizei weit davon entfernt, als vertrauenswürdiger Partner gesehen zu werden

Aufgrund der Kritik und auf Drängen verschiedener Fangremien und auch Vereinsmitgliedern konnte der Verein bereits dazu bewegt werden sich für evtl. Kompromisse wie z.B. Errichtung einer neuen Wache im Bereich der jetzigen Domwache, zu öffnen und sich an Machbarkeitsprüfungen zu beteiligen. Desweiteren haben bereits erste Gespräche mit der Polizei stattgefunden. Inhalte und Ergebnisse dieser Gespräche liegen uns bisher leider nicht vor.

Es bleibt zu hoffen, dass die bis dato bestehende Planung der 580 qm Wache weiterhin Kritik oder besser noch breiterer massiverer Kritik ausgesetzt sein wird und einer Umplanung und Aussiedlung der Polizeiwache aus der Gegengeraden nichts mehr im Wege steht und der Verein in seinen Bauplanungen nicht über das geforderte Maß des Stadionhandbuchs hinaus geht. Eine Sinnvolle Nutzung der Stadionfläche von Fans und Verein ist absolut wünschenswert. Die Gegengerade hat aufgrund Ihrer Geschichte und Bedeutung keine Polizeidienststelle zu beherbergen.

Keine Polizeiwache im Stadion!!!

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