Übersteiger Nr. 104

Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Anwalts Schowbar

Dreieck oder Welle? / Zwei Entwürfe für die neue Heimat Gegengerade

Warum bist du bei St.Pauli?

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Neues von den Alten

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Welle oder Dreieck

Zwei Entwürfe für die neue Heimat Gegengerade

Dass 13.000 Fans des FC St. Pauli auf einer Wellenlänge sind, ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Deutsche Meisterschaft in zwei Jahren. 13.000 Fans, die auf einer Welle gemeinsam abgehen können, sind dagegen wahrscheinlicher. Das hängt davon ab, für welche Variante sich der Verein beim Neubau der Gegengerade entscheiden wird. Nachdem Südkurve und Haupttribüne standen, waren diese teilweise großer Kritik ausgesetzt. Die Pläne für die Gegengerade stehen daher nun besonders im Fokus der Fans. Vor einem Jahr entstanden zwei Entwürfe für die neue Gegengerade, die außerhalb der Öffentlichkeit in den Vereinsgremien diskutiert wurden und werden. Der Übersteiger präsentiert und vergleicht beide Entwürfe.

Noch nichts entschieden

Das Wichtigste am Anfang: Es sind Entwürfe! Noch ist keine Entscheidung gefallen, auch sind beide Planungen nicht final abgeschlossen. So sind Detailbetrachtungen noch gar nicht möglich und wir möchten Euch daher die zwei unterschiedlichen Philosophien und Konzepte näher vorstellen. Wir hoffen, dass wir damit einen Diskurs anregen, der am Ende zu einem Neubau führt, von dem alle Besucherinnen und Besucher der Gegengerade begeistert sind.

„Die Planungen sind im Fluss und noch nicht abgeschlossen. Der Zeitplan sieht vor, dass wir Mitte September die jeweiligen Kostenplanungen vorliegen haben und Ende September sich der Verein für einen der beiden Entwürfe entscheidet. Der Zeitpunkt der Baurealisierung ist dann natürlich auch abhängig von der Finanzierung“, berichtet Vereins- und Stadionbetriebs GmbH-Geschäftsführer Michael Meeske dem Übersteiger.

Einbindung von Fangremien

Als die Südkurve in die Höhe wuchs, haben Fans versucht, durch eine sogenannte Lenkungsgruppe Stadionbau in die Bauentscheidungen eingebunden zu werden. Doch damit flogen sie auf die Nase und stellten sich konsequenterweise selbst vom Platz. Fananliegen nahm der Verein nicht wirklich ernst und Entscheidungsvorlagen hielt er der Lenkungsgruppe vor, sämtliche wichtige Weichenstellungen fanden ohne Fans statt. Die versuchte Einbindung scheiterte kläglich.

Die Gegengerade ist der Ort, an dem das geboren wurde, was diese Fanszene heute ausmacht. Der Kern und der Ursprung. Hier müssen wir aufpassen, sagten sich einige Fans und gründeten über den Ständigen Fanausschuss wieder eine neue AG Stadionbau, die offen für alle Interessierten war und vom Präsidium akzeptiert und angenommen wurde. Was Vizepräsident Gernot Stenger bestätigt: „Wir treffen uns regelmäßig und tauschen Informationen aus. Das Präsidium berichtet über den Stand der Planungen und die AG Stadionbau legt uns die Wünsche und Anliegen der Fans vor. Die beiden vorliegenden Entwürfe wurden auch der AG vorgestellt und erläutert. Bisher ist der Dialog äußerst konstruktiv und gewinnbringend verlaufen.“

Auch die Fanseite bewertet die bisherigen Gespräche überwiegend positiv. „Unsere Anliegen werden zum großen Teil ernst genommen. Wir werden nicht als Bittsteller behandelt. Aber dass wir auch in einigen Punkten grundlegend anderer Meinung sind, liegt in der Natur der Sache“, so Sönke Goldbeck von der AG Stadionbau.

10.000 stehen, 3.000 sitzen

Die beiden Entwürfe kommen zum einen von der Hellmich Unternehmensgruppe, die als Generalunternehmer für den Umbau des gesamten Stadions beauftragt wurde. Der zweite Entwurf ist ein Gemeinschaftsprojekt der werkstatt zwei, dem Architekten Lutz Herzog, osd Ingenieure und von Interpol+-, einem Non-Profit-Kreativlabor der Werbeagentur Nordpol aus Hamburg, die Anfang des Jahrtausends die Starclub-Kampagne für den Verein konzipierte. Es war der Neubau der Haupttribüne mit dem einzigartigen Doppellogenrang und der Vielzahl an Business-Seats, der einige Interpol-Mitarbeiter dazu antrieb, eine neue Gegengerade zu entwickeln. Sie sollte der Haupttribüne nicht nur räumlich sondern auch architektonisch gegenüberstehen und auch die alten Eigenschaften des Millerntors erhalten: Viele Stehplätze, die nah am Spielfeld sind.

Der Verein gab beiden Planern die gleichen Vorgaben. Insgesamt 13.000 Fans müssen auf der neuen Gegengerade Platz finden, davon 10.000 Stehplätze und 3.000 Sitzplätze. Sehr unterschiedlich sind die Lösungen. Um so viele Personen unterzubringen, geht das Basismodell der Hellmich Unternehmensgruppe vor allem weit nach hinten aber auch in die Höhe. Interpol konzipierte dagegen eine Art Welle, auf der die Zuschauerinnen und Zuschauer auf Hängerängen möglichst nah an das Spielfeld heranrücken. Auch wenn der oberste Rang schon hoch ist, bietet die Welle noch Luft nach oben bei der Zuschauerkapazität. Eine Steigerung der Plätze um 10 Prozent ist durchaus möglich. Das Basismodell ist dagegen mit den 13.000 Plätzen am Limit. Für den Neubau der Nordkurve ist die Gegengerade-Entscheidung übrigens nicht ausschlaggebend. Die neue Nordkurve plant der Verein unabhängig von der Umsetzung der Gegengerade weiterhin mit Steh- und Sitzplätzen sowohl für Heim- als auch für Gästefans.

Hintereinander oder übereinander

Gemeinsam haben beide Varianten die freitragende Dachkonstruktion, die ohne sichteinschränkende Stützen auskommt. Waren im Basismodell von Hellmich anfangs noch vier Stützen eingeplant, konnten auch diese mittlerweile entfernt werden. Auch die Statik ist bei beiden Entwürfen realisierbar und durch Machbarkeitsstudien bestätigt. Vom Spielfeld aus betrachtet fallen sofort die größten Unterschiede von Basismodell und Welle ins Auge.

Das Basismodell orientiert sich an einer klassischen Tribünenkonstruktion. Im unteren Bereich finden 9.934 stehende Fans Platz, dahinter über 3.000 sitzende. Dafür geht der Bau weit nach hinten. Der Stehplatzrang geht einige Meter weiter nach oben als auf der vergleichbaren Südtribüne. Das gleiche gilt für die Sitzplätze und auch hier ist ein Vergleich zu der Südtribüne angebracht. Die letzte Reihe der Gegengerade Sitzplätze ist im Basismodell so weit von der Außenlinie des Spielfelds entfernt wie der hintere Bereich der Logen in der Südtribüne. Das sind über 46 Meter Entfernung zum Ball, wenn dieser an der Außenlinie der Gegengerade entlang rollt. Da diese Variante höher ist als die bestehenden Tribünen, ist das Dach der Gegengerade nach vorne geneigt, um eine einheitliche Dachkante des gesamten Stadions in 22 Metern Höhe zu erreichen.

Vielschichtiger zeigt sich dagegen die Aufteilung in der Welle von Interpol/osd. Eine einheitliche Dachkantenhöhe für das gesamte Stadion ist nicht vorgesehen, denn die neue Gegengerade präsentiert sich in der Welle als Solitär, der nur in den unteren Bereichen an Nord- und Südkurve anschließt. Mit 27,5 Metern liegt die vordere Dachkante auch mehr als fünf Meter über der Südkurve. Damit möchten die Planer die besondere Bedeutung dieses Stadionbereichs hervorheben. Der höchste Punkt liegt bei etwa 30 Metern. Auch in der Welle beginnt die Tribüne zunächst mit der klassischen Aufteilung. Im untersten Bereich befinden sich 7.316 Stehplätze, darüber sind 1.890 Sitzplätze. Die letzte Sitzplatzreihe hat bei der Welle als Bereich mit der größten Entfernung einen Abstand von 32 Metern zum Spielfeld, laut Stefan Nixdorf, dem Autor des „Stadionatlas“, die perfekte Distanz. Auch sind das ca. 14 Meter weniger im Vergleich zum Basismodell. Die weiteren Plätze sind auf Hängerängen unter dem Dach untergebracht. Insgesamt vier dieser Ränge sind für die Welle eingeplant, davon sind drei reine Stehplatzbereiche. Die Hängeränge staffeln sich in die Höhe und rücken gleichzeitig wieder näher an das Spielfeld heran. Auf diese Weise entsteht die Analogie zu einer aufgetürmten Welle. Im tiefsten Hängerang, der nicht steiler ist als die oberen Ränge beim hsv oder bei den Bayern, sind derzeit noch 1.400 Sitzplätze geplant. Hier ließe sich durch einen Tausch der Steh- und Sitzplätze mit dem darüber liegenden Rang jedoch auch eine höhere Anzahl Stehplätze einrichten. Der dadurch entstehende Wechsel von Steh- und Sitzplätzen könnte durchaus ein Gewinn für die Stimmung im Stadion sein. In den beiden höchsten Hängerängen, für die es keinen baulichen Vergleich gibt, stehen 960 und 650 Fans. Gerade für die 650, die ganz oben unter dem Dach ihren Platz haben, wird der Stadionbesuch nicht nur ein besonderes Erlebnis sondern auch eine Herausforderung. Für Menschen mit Höhenangst sind diese Plätze eher nicht geeignet. Immerhin liegt im obersten Rang die letzte Reihe in 26 Metern Höhe. Diese Ränge können dafür die Gegengeradebereiche ergänzen, die momentan besonders nachgefragt sind. In der ehemaligen Singing Area und den heutigen Blöcken 1 und 2 ist der Platz besonders knapp. Die durchgehenden Stehplatzreihen in den oberen Hängerängen bieten den Komfort, den es derzeit im Block 1 gibt. Sie sind aber nicht nur an einer Ecke, sondern gehen einmal quer durch die Gegengerade und bieten damit eine Ergänzung zum Block 1 im unteren Sitzplatzbereich. Die Höhe verlangt aber auch besondere Sicherheitsmaßnahmen. So verfügen die Hängeränge an der Unterseite über Auffangvorrichtungen, die verhindern sollen, dass Gegenstände herunterfallen können. Ein positiver Effekt dieser Vorrichtungen ist, dass Werbebanden an den Rängen keinen Platz finden.

Welcome to the hell

Die neue Gegengerade soll wieder ein Zentrum der Stimmung im Stadion sein und optisch als Wand Richtung Rasen wirken. Eine hohe und einheitliche Wand wie die Dortmunder Südtribüne werden wir am Millerntor nicht hinbekommen. Es sei denn es gelingt, den Hamburger Dom nach Pinneberg auszulagern. Wir stoßen hier an Grenzen und das sind ganz konkret die Grundstücksgrenzen zum Heiligengeistfeld.

Das Basismodell ist hier eine bekannte und bewährte Konstruktion. Die Plätze steigen nach oben an, es entsteht eine weitaus größere Fläche Richtung Spielfeld, als es momentan der Fall ist. Nur liegen die hinteren Plätze sehr weit weg vom Spielfeld. Die Welle ist dagegen stimmungs- und bautechnisch ein Experiment. Wie auf den Grafiken zu erkennen, wirkt sie optisch als hohe Wand

Richtung Spielfeld, da sich die Hängeränge etwas überlappen. Eine durchaus einschüchternde Kulisse, die sich dort vor Auswärtsspielern aufbaut.

Nun wollen Fans nicht nur gesehen werden sondern hauptsächlich gehört werden. Ob der alte Gegengerade-Roar wieder entsteht, hängt eher von den Besucherinnen und Besuchern des Stadionbereichs ab als von der baulichen Konstruktion. Die Bauform bietet aber eine wesentliche Grundlage für die Stimmung. Bei dem Basismodell kann auf Erfahrungswerte zurückgegriffen werden. Für die Welle gibt es schlicht keine Vergleichsstadien. Da die Hängeränge die Tribüne auch unterteilen, sind einige skeptisch. „Akustischer Support hat auch sehr viel mit „sich sehen“ zu tun. Und ob bei der Welle der Millerntor Roar hinzubekommen ist, wage ich zu bezweifeln“, so Aufsichtsratmitglied Roger Hasenbein. Tatsächlich ist die gegenseitige Sicht bei der Welle etwas schlechter, jedoch ist ein akustischer Vorteil gegenüber dem Basismodell wahrscheinlich. Durch die Dachnähe der Hängeränge, die nach hinten offen gestaltet sind, ist es in der Welle wohl dank der besseren akustischen Wirkung einfacher, Gesänge weiterzutragen und anzustimmen.

Draußen Fußball, drinnen Bier

Bei Spielen am Millerntor gibt es einen wichtigen Aspekt, den wir auch berücksichtigen: Die Getränkeversorgung und die Möglichkeiten, diese wieder wegzubringen. Grundsätzlich können sich die Besucherinnen und Besucher der Gegengerade auf jeden Fall auf eine verbesserte Infrastruktur freuen. Egal, welcher Entwurf am Ende das Rennen macht. Auch in diesem Bereich gibt es Gemeinsamkeiten, da der Verein einheitliche Anforderungen stellte.

So bieten beide Entwürfe eine große Promenade auf der ersten Ebene. Im Basisentwurf dient diese der Versorgung der Stehplätze, bei der Welle werden die unteren Stehplätze und ein Teil der darüber liegenden Sitzplätze über diese Ebene versorgt. Grundsätzlich gibt es ausreichend Kioske und auch die Toilettenanzahl liegt bei beiden Entwürfen über den Vorgaben der Versammlungsstättenverordnung. Besonders im Bereich der Damentoiletten ist eine deutliche Entspannung der Situation zu erwarten. Die Promenade bietet bei beiden Entwürfen ausreichend Fläche, um das Bier auch dort bei einem Gespräch zu trinken. Eine Ebene darüber wird es schon kleiner und das bei beiden Planungen. Auf der zweiten Ebene befinden sich ebenfalls Kioske und Toiletten, jedoch in jeweils geringerer Anzahl als auf der Promenade im ersten Stock. Bei der Basisvariante von Hellmich liegen die Versorgungspunkte der zweiten Ebene unter dem Sitzplatzbereich. Fans müssen also zunächst den gesamten Sitzplatzbereich nach unten durchlaufen und von dort nach innen unter die Tribüne gehen. Der Interpol/osd-Entwurf sieht vor, dass die Kioske und Toiletten der zweiten Ebene am oberen Ende des Sitzplatzbereichs liegen. Hier können die Sitzplatzinhaber wählen, welche Ebene sie aufsuchen. Als kleines Extra bieten sich in der zweiten Ebene der Welle Kioske an, die zum Beispiel vom Fanladen genutzt werden können.

Für den Nachschub sorgt bei beiden Planungen ein Lastenaufzug, der bis in die oberste Ebene führt. Das Basismodell endet auf der zweiten Ebene, die Welle geht noch weiter. Für die Versorgung der oberen Hängeränge gibt es drei weitere Ebenen. Jeder Rang verfügt über seine eigene Versorgungsebene mit Kiosken und Toiletten. Nur der oberste Hängerang mit 650 Stehplätzen teilt sich eine Ebene mit dem direkt darunter liegenden Bereich. Der Weg vom höchsten Rang zur nächsten Toilette und zum Bier ist hier aber nicht weiter als im oberen Bereich der Sitzplätze des Basismodells. Die Angst vor vielen Treppen, die zwischen Bier und Platz liegen, ist daher eher unbegründet.

Fanräume, Polizei, Eingänge

Vom Heiligengeistfeld aus betrachtet zeigen sich ebenfalls Gemeinsamkeiten und selbstverständlich Unterschiede. Auch hier sind es einheitliche Anforderungen des Vereins, die für die Übereinstimmungen sorgen. Die Ecke im Erdgeschoss Richtung Südtribüne füllt Fanräume, in denen die AFM und der Fanladen ihr neues Zuhause finden werden. Hellmich und Interpol haben hier bisher jeweils unterschiedliche Lösungen gefunden. So verfügt der Interpol-Entwurf über zwei Eingänge, einen von der Südseite und einen vom Heiligengeistfeld, während beim Hellmich-Entwurf an der Südseite ein Carport für Medienfahrzeuge einen Eingang unmöglich macht und gleichzeitig die Büros verschattet. Aber auch hier ist zu bedenken, dass die Planungen noch nicht abgeschlossen sind. Dennoch sollte schon jetzt die Einbindung von Fanräume auch in Detailfragen nicht vom Verein vernachlässigt werden.

Nicht weit entfernt von den Fanräumen befindet sich ein alter Bekannter aber dennoch neuer Gast im Millerntorstadion. Die Polizei gibt die alte Domwache auf erhält eine neue Heimat im Erdgeschoss der Gegengerade an der Ecke zur Nordkurve. Damit erfüllt der Verein eine Bedingung von DFB und DFL, die bei Stadionneubauten Räume und einen Arrestbereich für die Polizei fordern. Und hier liegt der größte Konfliktherd zwischen AG Stadionbau und dem Verein. Dabei geht es nicht nur grundlegend um den Ort der Wache, sondern auch um die Frage, wo der Eingang platziert werden soll. „Die Wache darf nicht größer werden als von DFB und DFL gefordert. Auch ein Eingang zum Heiligengeistfeld sollte aufgrund der Nähe zu Fanräume unbedingt vermieden werden. Grundsätzlich sehen wir die Wache lieber dort, wo die Polizei am häufigsten in unserem Stadion tätig wird – beim Gästebereich“, sagt Sönke Goldbeck.

So wie sich beim Inhalt des Erdgeschosses die beiden Entwürfe ähneln, zeigen sie bei der Gestaltung der Außenfassade große Unterschiede. Das Basismodell von Hellmich geht als Baukörper sehr weit Richtung Heiligengeistfeld hinaus. Daher ist das Erdgeschoss etwas zurückgezogen und verläuft sehr nah an der Grundstücksgrenze. Vier offene Treppenhäuser führen als Erschließung des Stadions in die erste Ebene, die wie eine Art Balkon den Erdgeschossbereich auf der gesamten Länge überragt. Über diese vier Treppenhäuser sollen alle 13.000 Besucherinnen und Besucher in dem Basismodell die Gegengerade betreten. Dabei liegen alle Eingänge nur in den Außenbereichen Richtung Süd und Nord und hier kann es richtig eng werden. Sowohl der Eingang an der Südseite als auch der Eingang an der Nordseite beginnen direkt an den jetzigen Eingängen für die Süd- und die Nordkurve und liegen zu diesen im rechten Winkel. Das bedeutet, dass in den jetzigen Bereichen der Warteschlangen an den Eingängen für die Süd- und Nordkurve auch noch die Hälfte der Gegengeradler für den Einlass Platz finden muss. Die Außenfassade des Hellmich-Entwurfs ist geprägt durch einen großen offenen Riegel in der ersten Ebene. Die Promenade ist Richtung Innenstadt geöffnet und gibt den Blick frei auf Heiligengeistfeld, Dom und Michel. Umrandet wird dieser offene Riegel durch Klinkersteine, die einen großen Rahmen bilden und an die Gestaltung der Südkurve und der Haupttribüne anknüpfen. Auch die zweite Ebene ist offen gestaltet und bietet eine schöne Aussicht, jedoch fehlt hier ein Klinkerrahmen.

Die Welle von Interpol verfügt über sechs offen gestaltete Treppenanlagen als Eingänge und hat damit zwei mehr als das Basismodell. Alle Eingänge führen wie bei der jetzigen Gegengerade zum Heiligengeisfeld. Diese Möglichkeit ergibt sich dadurch, dass die Welle mit einer Tiefe von 32 Metern noch Platz lässt bis zur Grundstücksgrenze. Dadurch dürfte die Eingangssituation hier entspannter zu organisieren sein. Die Treppenanlagen liegen in den Haupttürmen, die für die Statik der Tribüne eine wichtige Funktion erfüllen. Hier ist das Dach verankert und die sechs Türme dienen als tragende Säulen der Stahlbetonkonstruktion. An der konkreten Gestaltung der Außenfassade wird zum jetzigen Zeitpunkt noch gearbeitet. Der obere Bereich der Fassade besteht aus Leichtbauweise, im unteren Teil ist derzeit ein Wechselspiel aus gemauerten Klinkern und einer vorgehängten Fassade geplant. Die erste Ebene ist bei der Welle ebenfalls mit einem über die gesamte Länge der Tribüne verlaufenden durchgehenden Öffnung gestaltet, der auch hier den Blick Richtung Innenstadt und Heiligengeistfeld freigibt. Auf der zweiten Ebene ist der Versorgungsbereich geschlossen, hier sorgen transparente Elemente jedoch für freie Sicht nach draußen. Auffällig ist eine Art Taille, die die Wellenform noch unterstützt. Während die Tribüne Richtung Spielfeld eine Länge von 136 Metern hat, verkürzt sie sich auf der Rückseite auf 120 Meter.

Ein neben der Eingangssituation weiterer Vorteil der geringeren Bautiefe des Wellenmodells ist die Möglichkeit, für Fanräume einen Außenbereich Richtung Heiligengeistfeld anzulegen. Da noch ausreichend Platz bis zur Grundstücksgrenze verbleibt und auch die Eingänge Richtung Heiligengeistfeld verlaufen, ließen sich neben dem Eingang zu Fanräumen Tische und Bänke aufstellen und so der ehemalige Biergarten des AFM-Containers wiederherstellen.

Die beste Frage wie immer zum Schluss

Was kostet der Spaß? Wie weiter oben bereits von Geschäftsführer Michael Meeske beschrieben, liegen die endgültigen Kostenplanungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor. Daher lassen sich noch keine konkreten Angaben machen. Auch die Fragen der Finanzierung sind noch nicht abschließend beantwortet, wie Gernot Stenger dem Übersteiger bestätigt: „Wir haben verschiedene Finanzierungsmodelle und -konzepte vorliegen. Davon ist aber noch nichts spruchreif. Das Präsidium wird gemeinsam mit dem Aufsichtsrat in den nächsten Wochen eine Entscheidung fällen und entscheiden, wie und wann die Finanzierung der Tribüne am besten gelöst werden kann.“

Sicher ist, dass beide Modelle nicht für den gleichen Preis zu haben sind. Die Konstruktion der Welle stellt eine besondere Herausforderung für eine bezahlbare Statik dar. Daher war das auf Konstruktionsplanung spezialisierte Ingenieurbüro osd von Beginn der Planung an eingebunden. Die Tragkonstruktion der Welle liegt nach dem Übersteiger vorliegenden Schätzungen (Entwurfsstand 17.6.) von Prof. Harald Kloft von osd ca. 1,5 Millionen Euro über den Kosten des Basismodells von Hellmich.

Auf jeden Fall wird der Verein viel Geld investieren. Die Frage ist, wie viel eine neue Gegengerade dem Verein wert ist und wert sein kann. Beide Modelle haben ihre Stärken und Schwächen. Je nach persönlicher Gewichtung fallen diese unterschiedlich aus. Wer die Nähe zum Spielfeld, eine optische Wand und ein Stadion fern vom Einheitsbrei der Ligen besonders schätzt, wird die Welle favorisieren. Wer große Probleme mit Höhe hat und bauliche Experimente für eine Wiederbelebung der Stimmung auf der Gegengerade eher ablehnt, tendiert zum Basismodell. Für den Verein wird sicherlich der finanzielle Aspekt ein wichtiger Faktor sein. Für die Welle von Interpol werden wahrscheinlich durch die höhere Anzahl an Ebenen auch mehr Ordner im Inneren benötigt. Allerdings ist anzunehmen, dass auch das Basismodell von Hellmich durch die schwierige Einlasssituation eine erhöhte Anzahl Ordnungskräfte benötigt. Grundlegend bietet sich nach dem Neubau der Südkurve und der Haupttribüne mit den vielen Separées und Business-Seats hier die Möglichkeit, einen besonderen Bereich des Millerntors auch entsprechend zu würdigen. Es ist eine langfristige Investition für eine einzigartige und geschichtsträchtige Gegengerade und diese Investition bietet die Chance, etwas neues Unverwechselbares zu schaffen. Eine optische Wand, ganz nah am Rasen, eine Stimmung, die als Welle auf das Spielfeld schwappt, die Einen antreibt und die Anderen wegspült – that’s the way we like it!

// Mathes
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