Übersteiger Nr. 95

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Wer überwacht die Wächter?

Kommentar zum Schanzenfest

Gebt mir ein Leitbild!
Wenn Fans und ihre "natürlichen Gegner" anfangen zu kuscheln...

Nachgetreten: Was wollt Ihr eigentlich?

Neues von den Alten

Übersteiger Nr. 96

Übersteiger Nr. 95

Übersteiger Nr. 94

Kommentar zum Schanzenfest

„Riots“ in den Straßen der Stadt, Cowboy und Indianerspielen, brennende Mülleimerchen, gebrochenes Glas, Krawalljugendliche auf Erlebnistour oder Hooligans in Uniform, Staatsmacht und Polizeiwillkür? Die Überschriften sind wie stets plakativ und gewaltig – egal wo wer über wen aus welcher Ecke eines politischen Lagers schreibt. Aus Sicht der jeweiligen Verantwortlichen oder Unverantwortlichen Seite werden dann medienwirksam und -verzerrt an den Gegner der Vorwurf gemacht:

   „Ihr seit schuld, dass ...“ „Wir mussten handeln, weil ...“ „Der Staat muss Präsenz zeigen“ „Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!“

   Wenn die Polizeiführung sich vor Tagen der Veranstaltung schon öffentlich hin und darstellt, äußert dass man sehr gut aufgestellt sei, inklusive Räumpanzern gefühlten 20 Wasserwerfen und einer zahlenmäßig größeren Horde Behelmter als zu machen politischen Kämpfen um die Hafenstraße – dann fragt sich doch eine jeder normal denkende Bewohner dieses Stadtteils „Warum tun die das?“ Und hat sofort die Antwort parat. Die Maschinerie will bewegt werden. Krönende Zeremonie des Wahns es ist die Politik selber, egal aus welchem Farbenlager sie daherkommen, ob in Form des Senats, der Bezirke, oder der Verantwortlichen, die die Polizeiapparatur in Gang setzt.

   Die verantwortlichen Politiker und Polizeitaktiker haben Glück gehabt, wenn da richtige Autonome Gruppen gewesen wären, die etwas hätten bewegen wollen – sie hätten es geschafft, denn verirrte 10er Trupps und leere Mannschaftswagen boten Ziele an, die schöner nicht hätten präsentiert werden können. Es ist nahezu ein Wunder, das nur ein Staatsauto ausgebrannt ist und zeigt doch, dass es bei weitem nicht so radikal war wie dargestellt. Ob dieses Staatsauto brennen musste oder nicht, darüber lässt sich trefflich diskutieren.

   So ein grober Unfug – eine komplette Nacht einen Kriegsschauplatz aufzumachen, der an allen Ecken und Kanten des Viertels geführt wird – da wird gekonnt verheizt und der Hass auf beiden Seiten führt endlich dazu, dass das Vertrauen in den Staat und seine Schläger komplett den Bach runter geht. Welchen Sinn ergibt es, alle friedlichen Festbesucher auf das ganze Viertel durch Prügel und Wasser und Absperrketten die sich immer wieder auflösen und selber konterkarieren zu verteilen, das am Ende der Nacht komplette Straßenzüge verwüstet werden. Kann das der Preis eines Festes sein? Ist das eine Art wir man eine Feier zelebriert? Es ist ein viel zu hoher Preis!

   Ein friedliches Fest, wie immer schön bunt und in Eigenregie organisiert, eben nicht angemeldet mit Zehntausenden Besuchern, die noch eigenständig was auf die Beine stellen, da wo man sich den Bürgersteig und die Straße dazu einfach nimmt. Ohne hohe Platzmieten, Standgebühren und Eventbühnen, aggressiven Sicherheitsdienst mit kompletto Bespaßung für Amöben und Einzeller, die mit teuren Cocktails und bunten Plasteblumenketten behängt ihre Glückseligkeit 20 Minuten später an die Wände pissen! Ein Fest wo Alte und Junge spielen, kochen, tanzen und sich noch unterhalten! Wo billig auf dem Flohmarkt eingekauft werden kann. Wo Kinder ihr Taschengeld wie früher mal ausgeben und verhandeln lernen können. Da wo sich Nachbarn noch treffen und Beziehungen zu den Mitmenschen stattfinden und gepflegt werden. Da wo Musik auf die Straße gebracht und gemacht wird, die nicht in jedem Radiosender hoch und runtergedudelt wird.

   Wie kann es eigentlich angehen, dass diese wichsende „Weltstadt“. Metropolregion es nicht zulassen kann und darf, dass ein kleiner Stadtteil einmal im Jahr so feiert wie er es für richtig hält? Es gibt so viele Beispiele für friedliche Feste die ohne Polizei und den ganzen Quatschapparat gefeiert werden! Wieso geht das nicht hier? Ist es denn so schlimm, wenn ab 22.00 Uhr eine friedliches Fest eine ganze Nacht lang weitergeht, macht das was, wenn auf dem Platz vor der Flora ein Feuer angezündet wird und tausende auf der Straße bis zum Morgen darum tanzen? Nein, ich denke nicht! Das geht und ich wage auch hier mal die Prognose, wenn keine Wasserwerfen in die Menge rasen und keine staatlichen Greifertruppen mit 15 Männern eine kleine schmächtige Frau festnehmen, als ob sie Ulrike Meinhoff hieße, so dass man Angst um ihr Leben haben muss! Ja, dann passiert auch nichts, was da bewusst geschürt wird. Alle feiern friedlich und gehen irgendwann nach Hause oder schlafen betrunken ein. Es ist eine Schande für Hamburg, dass diese Möglichkeit hier schon einer Utopie nahe kommt – eine Fest ohne Stress mit der Polizei! In einer weltoffenen Hansestadt, wie Politiker sich so gerne nach außen präsentiert, muss es doch einen Freiraum für eine solches Fest geben, es muss einen Platz für Andersdenkende und -lebende Menschen geben, es muss erlaubt sein, dass Bürger auf der Straße essen verkaufen ohne das es vorher geprüft und angemeldet wird.

   Liebe Politik lasst den Menschen den Platz, benutzt nicht die Polizei um alles gewalttätig zu beenden. Und wenn ihr beim nächsten mal 4000 Polizisten 40 Wasserwerfer und 5 Räumpanzer mitbringt – es ändert nichts daran, dass es Feste geben muss und geben wird. Wundert euch auch nicht wenn ihr bald die Demokratie kaputtgemacht habt da gar keiner mehr euch wählen geht. Ihr seid auf dem besten weg dahin. Wollt und könnt ihr bald mal Tote verantworten wie eure Kollegen in Paris? Lasst eure staatlichen Systemschergen einfach in ihren Kasernen damit endlich friedlich gefeiert werden kann. Am besten schon am 12. September in einer wundervoll bunten Schanze.

//JanEcke
< nach oben >