Übersteiger Nr. 95

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Wer überwacht die Wächter?

Kommentar zum Schanzenfest

Gebt mir ein Leitbild!
Wenn Fans und ihre "natürlichen Gegner" anfangen zu kuscheln...

Nachgetreten: Was wollt Ihr eigentlich?

Neues von den Alten

Übersteiger Nr. 96

Übersteiger Nr. 95

Übersteiger Nr. 94

Wer überwacht die Wächter?

Eine Gruppe bewaffneter und vermummter Schläger überfiel in der Nacht zum 5. Juli 2009 gegen 2 Uhr auf St. Pauli eine Gaststätte. Dabei wurden einige der Besucher jenes Lokals teilweise schwer verletzt und ein Sachschaden von mehreren tausend Euro angerichtet. Es wurde kein Bargeld entwendet, die Motive sind weiterhin unklar. Experten vermuten jedoch einen Bandenkrieg, da es bereits im März und erst einen Monat zuvor in Kiel zu Auseinandersetzungen beider Gruppen gekommen war. Die Polizei hat nach eigenen Angaben Ermittlungen aufgenommen.

bulle

   So oder so ähnlich hätten wohl die Presseberichte gelautet, wenn es da bei der angreifenden Gruppe nicht einen klitzekleinen Unterschied gäbe, der sie gleich in höhere, geradezu unantastbare Sphären hievt. Die Schläger trugen Polizeiuniformen, womit für den deutschen Michel klar sein dürfte, dass da schon irgendetwas vorgefallen sein muss. Die Freunde und Helfer werden ja sicher nicht ohne Grund so vorgehen, oder? Ob der Umstand, dass es sich bei den Opfern des Überfalls um Fußballfans und damit in den Augen vieler Normalbürger per se um gewaltbereiten, dumpfen Abschaum handelt, soll hier nicht weiter diskutiert werden.

    Die schwarz-grüne Regierung der Freien und Hansestadt Hamburg hat im Auftrag der (ihr übergeordneten) Polizeiführung folgende Deutungen oben genannter Vorfälle zum Schlimmsten gegeben: So sei es im Anschluß an das alljährliche Schanzenfest in jener Nacht zum Sonntag vor dem Jolly Roger wiederholt zu Störungen der öffentlichen Sicherheit gekommen, in dem Polizeibeamte mit Gegenständen beworfen worden seien. Deshalb sei der Bereich vor dem Lokal mit Wasserwerfern geräumt worden. Danach habe es jedoch weiterhin Flaschenwürfe in Richtung der Polizei gegeben. Zudem habe die Kneipe Straftätern als Rückzugsraum gedient, weshalb eine Beweissicherung- und Festnahme-Einheit (kurz BFE) aus Eutin in Schleswig-Holstein die Kneipe schlussendlich gestürmt habe. Dabei seien von Seiten der Beamten körperliche Gewalt und Pfefferspray zum Einsatz gekommen. Zur Ankündigung ihres Vorhabens sei die Polizei nicht in der Lage gewesen.

Fronti nulla fides

   Tatsächlich hatte die Polizei mittels Wasserwerfer eine Gruppe Jugendlicher aufgefordert sich vom Pferdemarkt in Richtung U-Bahn St.Pauli zu begeben. In der Folge war es gegen 2 Uhr auf der Budapester Straße und somit auch vor dem Jolly Roger zu Flaschenwürfen auf Sicherheitsbeamte gekommen. Die Urheber jener Flaschenwürfe suchten allerdings keinesfalls unsere Fankneipe als Rückzugsraum, sondern zogen sich in die Paulinenstraße zurück.

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   Beim dreimaligen Sturm auf das Jolly Roger kam unverhältnismäßige Gewalt zum Einsatz, welche diverse Verletzungen zur Folge hatte. Zudem wurden völlig willkürlich unkontrollierte Mengen Pfeffersprays in die Kneipe gesprüht. Zum Zeitpunkt dieses Einsatzes waren ca. 80 Gäste einer Geburtstagsfeier anwesend, die jäh gestört wurde. In Folge des unverantwortlichen Einnebelns mit dem Reizgas übergaben sich dutzende Eingeschlossene, da ihnen das Verlassen der Räumlichkeiten von Polizeibeamten verwehrt wurde. Aus Angst vorm Ersticken und zudem durch Augenreizungen kaum noch zum Sehen im Stande, gerieten einige Gäste in Panik. Sie versuchten verzweifelt mit Aschenbechern und Gläsern die Frontscheibe von innen einzuschmeißen, um wieder Luft zu bekommen. Die Behauptung der Polizei, es seien u.a. Barhocker auf die diensthabenden Beamten geschleudert worden, klingt abstrus, wenn man die räumlichen Begebenheiten des Jolly Rogers kennt. Zudem scheint es wenig wahrscheinlich, daß ein um Luft ringender und in seinem Sehvermögen schwer eingeschränkter Mensch in der Lage sein soll ein sperriges, schweres Möbelstück über mehrere Meter gezielt um die Ecke zu werfen.

bulle   Die Polizei will außerdem bei 7 Personen Festnahmen durchgeführt haben. Sofern dies nicht innerhalb der eigenen Reihen geschah, scheint uns diese Behauptung nur wenig glaubhaft, wie uns zahlreiche Zeugen, die das Betreten des Lokals durch die Eutiner am eigenen Leibe erfahren mussten, übereinstimmend und unabhängig von einander berichteten. Nichtmal Identitäts-feststellungen hat es gegeben.

Tiefpunkt dieser staatlich subventionierten Gewaltorgie war schließlich ein gezielter Tonfahieb ins Gesicht eines abseits stehenden Journalisten, der dabei 4 Schneidezähne verlor. Diese Tat passierte abseits vom eigentlichen Geschehen und obendrein beim Abzug der Schlagstockträger.

    Mit derlei Gewaltvorwürfen konfrontiert lies die Polizei erklären, daß das Dezernat Interne Ermittlungen (die Kurzform lautet netterweise: D.I.E.) im Rahmen der Schanzenkrawallen zehn Strafermittlungsverfahren eingeleitet hat. Dies mag für Klein-Michel im ersten Moment beruhigend klingen: Sollte tatsächlich etwas vorgefallen sein, werden etwaige Missetäter doch sicher zu Anklage und gerechtem Urteil gebracht. Leider sprechen aktuelle Daten eine gänzlich andere Sprache: So kam es seit 2006 in jedem Jahr zu etwa 400 Anzeigen wegen Polizeigewalt. Von diesen führte keine einzige - wir wiederholen: keine einzige - zu einer Anklage, geschweige denn zu einer Verurteilung. Und dieser statistisch betrachtet kurios erscheinende Umstand ist keinesfalls einem Zufall, sondern vielmehr einem System geschuldet.

Quis custodiet ipsos custodes? - Juvenal

   Nach zähem Ringen hatte sich der rot-grüne Senat Mitte der Neunziger endlich dazu entschlossen, eine externe Kommission zur Ermittlung von Polizeiübergriffen einzurichten. Jene trat in der Praxis aber mehr als Zahnloser Tiger denn reißender Wolf auf. Trotzdem war der spätere Innensenator Ronald Barnabas Schill ob dieses Ärgernisses derart verschnupft, dass er es sogleich entfernen lies. Leider waren die Verantwortlichen der GAL bei Regierungsantritt eher an Posten und somit am Koalitionsfrieden mit Schills ehemaligen Spießgesellen interessiert als an politischen Sachfragen (siehe auch Moorburg). Das Ding war vom Tisch ohne dort jemals gelandet zu sein.

    Nun mag nach der kleinen Anfrage zum aktuellen Thema durch einige SPD-Politiker deren Innenexperte Andreas Dressel als strahlender Ritter und wackerer Verteidiger der Bürgerrechte glänzen. Bei genauerem Hinsehen erscheint seine Rüstung aber eingerostet und seine Weste alles andere als weiß. Unmittelbar nach den Schanzenkrawallen hat Dressel ein Statement abgegeben, dass sich kurz gesagt so zusammenfassen lässt: Die Polizei sei zu lau vorgegangen und habe viel zu wenig Leute festgenommen.

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    Zudem war es die SPD-Fraktion - angeführt von jenem Dressel - die erst vor wenigen Wochen auch nur die Prüfung einer individuellen Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte kategorisch und geschlossen ablehnte. Man dürfe Polizisten nicht unter Generalverdacht stellen. Dies wirkt in Zeiten von Videoüberwachung, Fingerabdrücken auf Personalausweisen, der Vorratsdatenspeicherung im Internet und sonstigem Sicherheitswahn ohne Sinn, der jeden Bürger (von den Gängelungen denen sich Fußballfans spieltäglich ausgesetzt sehen einmal ganz zu schweigen) bereits mit einer Arschbacke auf der Anklagebank sitzen lässt, geradezu grotesk und anachronistisch.

   Leider gaben auch bisherige Verlautbarungen des Herrn Innensenators zu diesem Thema keinen Hinweis darauf, daß er seinem Amt, welches ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, Integrität und Fingerspitzengefühl voraussetzt, auch nur ansatzweise intellektuell oder moralisch gewachsen sein könnte. Trotz seines noch nicht vorgerückten Alters scheint uns der Rückzug aufs geruhsame Altenteil als die für alle Beteiligten vernünftigste Lösung.

    Auf zwei eindrucksvollen Demos unter dem treffenden Motto „Wir machen auch ohne Zähne das Maul auf“ zeigten sich zuletzt jeweils ca. 4000 Menschen (darunter u.a. Fans von Vereinen aus anderen Landes- und Stadtteilen) solidarisch mit den Opfern und unterstrichen nochmals lautstark die angesprochenen Forderungen nach Gerechtigkeit.

    Wir haben jedoch keine Hoffnung dass die skandalösen Vorfälle nach der Sommerpause juristisch oder politisch aufgeklärt werden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

// Stemmen & Welf
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