Übersteiger Nr. 93

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Die Paadie is vorbei

Der Eiserne Vorhang vor dem Gläsernen Verein - ein Interview mit Christian Bönig

Glory Days – Reloaded – Teil 2

Rostock - Die Macht der Bilder

Übersteiger Nr. 94

Übersteiger Nr. 93

Übersteiger Nr. 92

Rostock
Die Macht der Bilder

   Medienschelte ist oftmals von Stereotypen durchsetzt. Einfache Wahrheiten wie „die Presse lügt“ schnell zur Hand und Feindbilder umrissen. Doch wieso ist dem so und was hat das wiederum alles mit der Begegnung gegen diesen Mecklenburger Vorzeigeclub zu tun?

   Heutzutage, in einer medialen Landschaft, die in einem geradezu impertinenten Maße an unsere niederen Instinkte appelliert, sind Inhalte oder gar Hintergründe nur noch von wenig Belang. Was zählt sind Bilder, möglichst bewegt. Eine Ware, die weltweit gehandelt wird, und deren Marktwert stetig steigt. Ein A-Promi in verfänglicher Pose „abgeschossen“ findet immer seinen Platz – wann habt Ihr das letzte Mal was von den tausendfachen Morden in Dafur in der MOPO gelesen? Wie oft dagegen von den haarklein dokumentierten Drogeneskapaden Amy Winehouse's?

   Richtig widerlich wird es dann, wenn gezielt gegen Minoritäten, die über keinerlei Lobby verfügen, gehetzt wird, wohl wissend, dass sich die Angegriffenen nicht adäquat dagegen wehren können. Eine Paradedisziplin Springerscher Prägung, wie z. B. das Anheizen der Pogromstimmung gegen Flüchtlinge Anfang der Neunziger („Deutschlands schlimmster Asylant“). Auch Fußballfans kennen diesen Entrechtetenstatus, wenngleich nicht von tumben Mobs verfolgt... BFE-Einheiten mal ausgenommen.

   Es ist aber auch ein Leichtes für die Repressionsapparate die (zumeist) Ultras in ihren Grundrechten zu beschneiden, da diese aus Naivität, jugendlichem Überschwang und (sehr oft) schlichter Dummheit stets genug Angriffsfläche bieten und mitnichten über wirksame Mittel der Gegenwehr verfügen. Wenn die Bild mit knapp 12 Millionen Lesern etwas von Chaoten schwadroniert und Krawalle herbei redet, dann ist dem so. Ob irgendwelche Fans dagegen in irgendeiner Kurve ein, wenn auch noch so großes, Transparent hoch halten, kratzt hingegen Niemanden, außer die, die ebenfalls Leidtragende dieser Umstände sind.

Doch nun in medias res – Rostock

   Mit dem Zug angekommen, ein Bengalo auf den Bahnsteig geworfen. Hamburg damit in seinen Grundfesten erschüttert. U-Bahn Feldstraße einfach mal „Wasser marsch!“ bis alle gut eingenässt waren und dann noch ein bißchen Geschubse. Drei Six-Pack Bier in Scherben. Eine Millionenstadt im absoluten Ausnahmezustand!

   Nach dem Spiel das Ganze in die andere Richtung – die Bilanz ähnlich. Was bleibt sind die Fakten:

   Ein halbes Dutzend verletzter Beamter. 50 % friendly Teargasfire und eine schwerere Wunde, die sich der Cop mit einem Sturz in eine Glasscherbe zufügte, was aufgrund seiner hypermodernen und angeblich stichfesten Schutzkleidung eigentlich unmöglich sein sollte.

   Dazu in allen Boulevardblättern und auf allen Kanälen erschütternde Bilder von einem bis auf seine Grundfalzungen abgebrannten Pappkarton, um den sich ganze Heerscharen von Journaille ringen. Wenn Krawalle angekündigt sind, wollen die gefälligst auch welche haben. So wird aus eigentlich unbrauchbarem Material mit dubiosem Berufsethos und etwas Collage-Geschick ein 1A-Randalebeitrag, obwohl genau diese Randale de facto ausgefallen ist. Für dieses Spiel und seine vermeintlichen Begleiterscheinungen sind schon für die nächste halbe Woche feste Seitenzahlen eingeplant... nun macht mal hin, ihr Hooligans!

   Trittbrettfahrer wie dieser mehr als unsägliche Konrad Freiberg, seines Zeichens Polizeigewerkschaftsvorsitzender und schlechtfrisiertester Profilneurotiker in Staatsdiensten, finden anschließend mit ihren hanebüchenen Thesen (bald gibt es Tote...) und Forderungen natürlich auch wieder Gehör.

Drei Tage Blätterrauschen, in denen sich unser Verein mal wieder mit ganz wenig Ruhm bekleckerte und via Pressesprecher verlauten ließ, dass das ja alles Autonome und gar nicht die echten Fans des FC St. Pauli seien und ja, der Club denke auch über Stadionverbote, gern auch Lebenslange, nach. Da wird lustig das Spiel mitgespielt, anstatt sich in irgendeiner Weise vor seine Anhänger zu stellen. Laut Bild seien die Ultra St. Pauli und die St. Pauli Skinheads ja immer wieder in Gewalttaten verstrickt. Wenn man bedenkt, wie viel Energie, Fleiß und Liebe man in diese Fanszene und diesen Verein steckt und dann sieht, wie dieser bzw. seine Offiziellen einem ohne zu zögern in den Rücken fallen, bleibt eigentlich nur noch die Option des Speiens.

Und noch einige Worte über Hansa:

   Eigentlich liegt es mir relativ fern, über deren Fans zu richten, zumal diese peinliche Verallgemeinerung als rechtsradikale Hooligandoofis irgendwann nur noch nervt. Auch aufzudröseln, inwieweit die linke Fraktion der Suptras jetzt gegen wen auch immer mehr opponieren müsste, fehlt es mir an Motivation und uns allen letztlich auch an Insiderwissen, möchte ich meinen. Dass die Rostocker aber ihr oktroyiertes Image dankbar aufgriffen und mit diesem Hooligangehabe und dem damit verbundenen Style kokettieren, ist hingegen, mit Verlaub, nur dämlich. Die Fanszene des FCH ist nichts anderes als ein Anachronismus, der sich selbst erledigen wird, wenn dort nicht bald langfristiger und in Sachen Außendarstellung mit mehr Intelligenz zu Werke gegangen wird.

   Zum Glück wahrlich nicht unser Problem. Soweit meine Impressionen von den „Straßenschlachten“. Vielleicht habt ihr andere gewonnen.

   Der Herr, der mittels MOPO, Internetforen und 5.000 roter Zettel seine Abscheu gegen diese Vorkommnisse kund tun wollte, sei allerdings noch gebeten, sein Papier möglichst als Choreospende im Fanladen abzugeben... wird immer gebraucht sowas .. :)

Ben
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