Übersteiger Nr. 93

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Die Paadie is vorbei

Der Eiserne Vorhang vor dem Gläsernen Verein - ein Interview mit Christian Bönig

Glory Days – Reloaded – Teil 2

Rostock - Die Macht der Bilder

Übersteiger Nr. 94

Übersteiger Nr. 93

Übersteiger Nr. 92

DER EISERNE VORHANG VOR DEM GLÄSERNEN VEREIN

Zwei Redakteure des Übersteigers trafen am 9. März in den neuen Büroräumen in der Südtribüne Christian Bönig, Teammanager und Pressesprecher des FC St. Pauli. Unmittelbar nach dem Rostockspiel sprach man über die neue Öffentlichkeitsdarstellung des Vereins, seinen Job dort, Filip Trojan, Abmahnungen von Vereins-angestellten, Presse- und Mediendirektiven und einigem mehr.
Das Verfahren mit Interviews ist heutzutage nicht mehr so wie vor einigen Jahren noch. Ob das an dem gestiegenen Interesse der Medien liegt, oder an den immer vorsichtiger und bedachter formulierten Aussagen der Verantwortlichen in der Öffentlichkeit, da sie möglicherweise die Macht des Boulevards fürchten. Heutzutage werden mündliche Interviews zum Gegenlesen vorgelegt und vom Interviewpartner autorisiert, gegebenenfalls werden dabei Dinge gestrichen oder getätigte Aussagen zurückgenommen. Das ist nicht schön, aber leider gängige Praxis, der auch wir uns leider immer wieder zu unterwerfen haben. Vor diesem Hintergrund erklärt sich möglicherweise, dass ihr auch in diesem Fall die eine oder andere kritische Nachfrage vermissen mögt. Das muss aber nicht unbedingt daran liegen, dass wir diese nicht gestellt haben. Aber lest mal in Ruhe selber nach...

ÜS: Christian, erzähle doch mal zunächst etwas Biografisches von Dir...
CB: Ich bin vor fast 32 Jahren in Lüchow geboren, bin da aufgewachsen und mit 22 Jahren nach Hamburg gekommen. Nach dem Abitur kam der Zivildienst, danach eine Bankausbildung. Beim Radiosender N-Joy habe ich ein Praktikum absolviert und kam über Radio Hamburg zu Hit-Radio Antenne. Dort war ich unter anderem als Nachrichtensprecher und in der Sportredaktion tätig, habe aus verschiedenen Stadien berichtet. Dann war ich zweieinhalb Jahre als fester Freier bei der Welt und eineinhalb Jahre bei der Bild. Am 1. Juli 2005 bin ich dann als Pressesprecher zum FC St. Pauli gekommen.

ÜS: Unter welchen Umständen bist zum FC gekommen? Wurde jemand gesucht, initiativ, Hast du dich angeboten?
CB: Nein, ich habe mich nicht angeboten. Ich wusste auch nicht, dass jemand gesucht wurde. Ich bin vom Präsidium angesprochen worden, ob ich mir eine berufliche Veränderung vorstellen kann. Das war schon damals, als wir auf Kuba im Trainingslager waren.

ÜS: Da warst du in deiner Eigenschaft als Bild-Redakteur mit?
CB: Genau, und dann hat das so seinen Lauf genommen. Dann war mal Funkstille, dann hat man mal wieder gesprochen. Ich hatte ja einen festen Job und musste mir keine Gedanken machen. Da ich aber exakt seit meinem fünfzehnten Lebensjahr St. Pauli-Fan bin und das immer sehr stark verstecken musste, wenn ich auf der Pressetribüne saß, hatte ich eine stark ausgeprägte Affinität zum Verein. Es gab Kollegen die mich anmahnten, ich sei ein neutraler Berichterstatter, wenn ich mal wieder aufgesprungen bin. Von daher war eine Anfrage vom Verein schon spannend.

ÜS: Wo kommt diese Affinität zum FC St. Pauli her?
CB: Durch meine Schwester Franziska. Sie war schon vor mir in Hamburg und hat mich zum FC St. Pauli gebracht. Ihr imponierte die Sozialromantik hier im Viertel, mit Fußball hatte sie damals nicht viel zu tun. Ihr WG-Mitbewohner war die treibende Kraft im Hintergrund. Das erste Spiel genoss ich an meinem 15. Geburtstag, St. Pauli gewann 4:1 gegen Remscheid. Wir standen unterhalb der Singing Area, wobei ich gar nicht weiß, ob es die damals schon gab. Ab der darauf folgenden Saison hatte ich eine Dauerkarte.

ÜS: Hast du früher mal selber Fußball gespielt?
CB: Ich habe im Jugendbereich sogar etwas höher gespielt. Das war in der zweithöchsten deutschen Klasse beim TuS Woltersdorf in der Nähe von Lüchow. Eine Klasse unter der Regionalliga.

ÜS: Auf welcher Position?
CB: Je nachdem. Im 4-3-3 als Flügelstürmer oder im 4-4-2 im rechten Mittelfeld. In Hamburg im Herrenbereich war ich dann Stürmer. Zu mehr als Bezirksliga oder Kreisliga beim SuS Waldenau hat es allerdings nicht gereicht.

ÜS: Das ist doch der „Fettes Brot“-Verein?
CB: Genau, aber zu den Fetten Broten hatte ich damals keinen Kontakt. Mir ist nur aufgefallen, dass einige Spieler noch Trainingsjacken mit dem Aufdruck der Band trugen. Als ich Björn Beton dann kennengelernt habe, haben wir uns darüber mal unterhalten. Ein lustiger Zufall.

ÜS: Vor Waldenau?
CB: Stellingen 88 und Thekenturniere – viele und reichlich (lacht)!

ÜS: Hat es nicht zur Profikarriere gereicht?
CB: Nein, nein. Aber kurioserweise habe ich mal im AK Barmbek bei einer Truppe mitgespielt und da wollte mich einer der Pfleger überreden mit zum Probetraining zu den HSV-Amateuren zu gehen. Allerdings konnte ich mich gut genug einschätzen...

ÜS: Zurück in das Jetzt. Du bist Pressesprecher (PS) und Teammanager (TM). Was genau sind dabei deine Aufgaben? Was ist PS, was ist TM? Wie trennt sich das?
CB: Das weiß ich manchmal auch nicht so genau... Als Pressesprecher bin ich für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins zuständig. Der Schwerpunkt liegt natürlich auf der Profimannschaft. Ich halte den Kontakt zu den Journalisten, bediene sie täglich mit Informationen. Mit Josip Grbavac trage ich die Verantwortung für den redaktionellen Teil von Homepage und Stadionzeitung. Ich betreue die Spieler bei allen PR-Terminen, unterstütze sie in Ihrer medialen Weiterentwicklung und und und... Den Job als Pressesprecher in ein paar Sätze zusammen zu fassen, ist nicht möglich. Vieles vom täglichen Aufwand ist Kleinkram. Als TM ist man das Mädchen für alles im Team. Ich kümmere mich um sämtliche Sorgen und Nöte um die Mannschaft. Also alles was um einen Mannschaft herum passiert. Angefangen bei der Organisation, die Ausrüstung des Teams, Schuhe und Unterziehhemden, offizielle Ausgeh-Klamotten. Da darf nie irgendwo irgendwas haken, das muss passen! Ich begleite die Spieler zu Sponsorenterminen, bin ihr erster direkter Ansprechpartner in vielen Angelegenheiten! Zudem habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu Stani. Er schätzt mich und meine Arbeit. Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Er kannte mich vorher nur als Journalist und hat mich heute noch als „Böning welt“ in seinem Handy gespeichert. Es war mal ein normales Journalisten/Spieler-Verhältnis. Er war derjenige der wollte, dass ich TM werde, um dichter an die Mannschaft zu rücken. Ich sehe und höre mehr, was der Trainer und der Sportchef nicht so mitbekommen, da ich noch im Alter der Spieler bin und anders akzeptiert werde.

ÜS: Du warst am Anfang nur PS, wann ist denn der TM dazugekommen?
CB: Das war, als Stani auch Trainer wurde. Also im November 2006.

ÜS: Aber das sind doch zwei Fulltimejobs, die sich überschneiden? Wie viele Stunden machst du in der Woche so für deine Jobs?
CB: Das ist schwierig zu pauschalisieren. Was ist Arbeit und was Freizeit? Meine Leidenschaft und mein Spaß spielen da mit rein. Beim Auswärtsspiel konservativ gerechnet, abzüglich acht Stunden Schlaf, komme ich auf 70-80 Stunden die Woche, bei Heimspielen auf 50-60 Stunden im Normalfall. Wenn nun noch so etwas wie die Krawalle rund um das Spiel gegen Rostock dazu kommen, dann klingelt das Telefon von Samstag um 9.00 Uhr bis Sonntagabend um 22.00 Uhr durchgängig. Also es kommt immer darauf an, was so momentan in und um den Verein los ist. Sind diese Telefonate dann Arbeit oder nicht? Ich sitze zu Hause und telefoniere, informiere, muss Stellung beziehen, spreche mich ab, ob mit Corny oder Sven Brux... Ist das Job oder nicht? Ich würde mal sagen: Home Office!

ÜS: Wie genau muss man sich dabei insbesondere die Zusammenarbeit mit den Trainern vorstellen als TM? Hast du da eine Mittlerfunktion?
CB: Ja doch, schon hin und wieder. Es gibt schon Situationen, in denen ein Spieler sich nicht traut direkt die Trainer zu fragen. Zum Beispiel: die Mutter hat 50sten Geburtstag, aber der Trainer ist schlecht drauf. Da trete ich mal ein und übernehme das als vermittelnde Instanz. Oder ich versuche in anderen Situationen zu helfen. Die Spieler fragen eher mal mich, wenn es zwickt.

ÜS: Gibt es Fragen der Trainer nach der Stimmung im Team oder nach sportlichen Angelegenheiten?
CB: Sportlich gar nicht, höchstens mal nach meinem Bauchgefühl. Die Stimmung im Team bekommen die Trainer schon sehr gut selbst mit. Jetzt, wo Stani nicht da ist, übermitteln es Truller und KaPe. Ich erzähle dem Trainerteam aber auch nicht alles, das würde sie nur verrückt machen (lacht).

ÜS: Als PS was sind da deine Aufgaben? Außer 48 Stunden Fragen zu Krawallgeschichten zu beantworten.
CB: Die Hauptaufgabe liegt in der gesamten Koordination von Interviewanfragen und aller Termine. Diese haben sich natürlich mit der Ligazugehörigkeit verändert. Es gibt mehr Internetportale, mehr Interesse und alles ist breiter aufgestellt als früher. Heutzutage möchte man ein Printinterview, das auch für die Video-, Audio- und Onlineausgaben und -auftritte brauchbar ist. Redaktionell bin ich für die Homepage und die Stadionzeitung verantwortlich. Hier hat Josip Grbavac die Projektverantwortung. Bei der Flimmerkiste ist es genau so. Das klassische Schreiben von Pressemitteilungen gehört dazu sowie Informationen nach außen zu transportieren. Wir im Medienzentrum schreiben Interviews für den Trainer oder einen Spieler. Wenn es Phasen gibt, in denen es sportlich nicht läuft, dann versuchen wir von der Mannschaft möglichst viel wegzuhalten. Oder eben grade jetzt, wenn Stani viel in Köln zum Lehrgang ist, schafft er es nicht, sämtliche Interviewanfragen selbst zu beantworten. Ich möchte aber gerne, dass jede Anfrage positiv beantwortet wird. Die Redaktionen haben es oft lieber, sie bekommen ein Interview von uns zurück, als wenn gar nichts kommt.

ÜS: Lässt du das vom Spieler oder Trainer absegnen, oder schreibt du es so wie du denkst, dass sie es beantworten müssen?
CB: Sowohl als auch. Bei den meisten Spielern ist das Vertrauensverhältnis so hoch, dass ich das einfach autorisieren kann. Ich lasse mir jedes Interview schicken, das geführt wurde. Oft will der Spieler das dann gar nicht mehr gegenlesen, darum mache ich da meinen Haken drunter. Wobei ich selten viel verändere. Ich möchte, dass es so authentisch wie möglich bleibt. Auch der Spieler soll so bleiben wie er ist. Da sollen keine 0815-Phrasen von mir reingedroschen sein. Ich versuche aber die Spieler vor Aussagen zu schützen, die unglücklich sind und eventuell der Mannschaft, dem Verein oder ihm selber schaden.

ÜS: Da gab es doch mal die Geschichte mit Trojan, der sich derart äußerte, dass der Verein mehr Geld in die Mannschaft stecken solle anstatt in den Stadionbau ... Da hat es doch Ärger gegeben und warum?
CB: Richtig, da hat es Ärger gegeben. Erstens weil ein Spieler sich nicht anmaßen sollte, sich über Dinge zu äußern und diese zu beurteilen, die er nicht beurteilen kann, weil ihm das Hintergrundwissen fehlt. Es gehört zweitens nicht zu seinem Aufgabengebiet. Er darf sich darüber Gedanken machen, von mir aus soll er es sogar, im Freundes- oder Mannschaftskreis, aber in der Öffentlichkeit hat das genauso wenig zu suchen wie ein Funktionsträger, der nicht für den sportlichen Bereich verantwortlich ist auf einmal öffentlich etwas zu der Leistung von Spielern sagt. Das geht so einfach nicht. Sonst haben wir irgendwann einen Wust und eine Schlammschlacht in der Öffentlichkeit die völlig unnötig ist. Und es schadet dem Ansehen des Vereins. Das gab es in früheren Jahren hier oft genug.

ÜS: Wo sind denn da die Grenzen für den Verein und die Verantwortlichen? Was dürfen die Angestellten sagen oder eben nicht sagen, wo benötigen sie eine Zustimmung von euch?
CB: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

ÜS: Ein Beispiel: Ich komme als Spieler nach einer Niederlage in die Mixedzone und mir rutscht was raus wenn ich von einem Journalisten gefragt werde.
CB: Nach dem Spiel muss es schnell gehen. Der Andruck der Zeitungen naht, die Fernsehteams müssen ihren Beitrag abliefern. Viele Journalisten wollen mit vielen Spielern reden. In dieser Situation tragen die Spieler die Verantwortung selbst. Wenn es dann gegen Offizielle oder Kollegen geht, müssen sie halt die Konsequenzen tragen und verantworten.

ÜS: Wie wir gehört haben, soll es in letzter Zeit mindestens zwei Abmahnungen für Vereinsangestellte gegeben haben, die sich gegenüber der Öffentlichkeit zu Themen geäußert haben, die sie nicht hätten sagen sollen...
CB: Von zwei Abmahnungen weiß ich nichts. Das höre ich jetzt zum ersten Mal.

ÜS: Wer ist denn für Abmahnungen zuständig?
CB: Wenn denn welche ausgesprochen werden, macht das das Präsidium in Rücksprache mit der Geschäftsführung.

ÜS: Gibt es Direktiven an dich vom Präsidium oder der Geschäftsführung, wie du mit Pressevertretern umzugehen hast? Wie das Verfahren ist, wenn zum Beispiel wir ein Interview mit jemanden führen? Das war ja der Ärger, wenn wir da richtig informiert sind. Dass Du dich darüber geärgert hast, dass wir an Thorsten Vierkant herangetreten sind, ohne dich vorher zu fragen. Für uns war das der kurze Dienstweg. Wir haben das Interview geführt, er hat es gegengelesen, wir haben es mit leichten Änderungen zurückbekommen. Nur du hast es nicht gewusst. War das das Problem?
CB: Es gibt keine Direktiven. Aber das Präsidium ist mit meinen Methoden einverstanden. Ich habe zumindest noch nichts anderes gehört. Ich möchte jedes Interview, das ein Vereinsangestellter gibt, gegenlesen. Das ist heute im Profifußball normal. So kenne ich die Themen, die über den Verein in der Öffentlichkeit geschrieben werden, um selbst besser darauf reagieren zu können. Öffentlichkeitsarbeit ist ein sensibles und heikles Thema. Präsidium und Geschäftsführungen teilen diese Auffassung.

ÜS: Ist es nicht ein hohes Gut, welches in der demokratischen Medienlandschaft mit Meinungsfreiheit und Vielfalt zu tun hat, das dadurch teilweise beschränkt wird?
CB: Ich will ja gar nichts groß beschränken, jeder soll sich äußern. Die Meinungsfreiheit ist bei uns alles andere als eingeschränkt. Ich versuche nur die Leute darauf vorzubereiten, deshalb machen wir bspw. Medientraining, ich führe Einzelgespräche. Einen Holger Stanislawski beispielsweise kann und will ich nicht ändern. So wie er ist, ist er richtig gut. Seine Sprüche gehören zu ihm – das ist er. Aber ich versuche ihn zu unterstützen, damit er noch besser wird. Das gilt auch für die Spieler. Jeder hat seine besondere Art. Die gilt es zu justieren.

ÜS: Aber der Normalfall bei Interviews ist doch, dass man diese zum Gegenlesen gibt. Wir sind zwar Gegner dieser Praxis, aber das ist halt der Alltag. Machen wir ja auch so seitdem es den ÜS gibt, sowohl Vereinsangestellte als auch die Spieler lesen gegen. Das ist doch Kontrolle genug: Die Befragten können nachlesen, was sie gesagt haben. Eigentlich kann dann doch nicht passieren, dass sie im Nachhinein feststellen, dass sie etwas Verbotenes oder Dummes gesagt haben. Wenn es was zum Wegstreichen gibt, wird das eben gemacht. Das ist doch Kontrolle genug; da braucht es doch keine dritte Person, die da noch zwischengeschaltet wird...
CB: Für den einzelnen Protagonisten ist es eine Absicherung, wenn ich noch einmal drüberlese. So hat der Spieler oder der Angestellte die Sicherheit, sollte er sich in einigen Passagen unsicher sein, dass das so okay ist. Es gibt in Deutschland keinen Proficlub, der das anders handhabt.

ÜS: Noch einmal: Die Kontrolle, die der Spieler oder Angestellte selber hat, indem er etwas zurücknehmen kann, muss doch normalerweise ausreichen...
CB: Tut es aber nicht immer.

ÜS: Wie ist der Ablauf genau?
CB: Jedes Interview wird bei mir angefragt. In der Regel setze ich mich dann mit dem Spieler und dem Redakteur auf dem Trainingsgelände hin. Das Interview wird geführt, ich bekomme es zum Gegenlesen und segne es nach Rücksprache mit dem Spieler ab. Wenn ein Angestellter aufgrund der Tagesaktualität wie z. B. Stadionneubau interessant wird, gilt es die gleichen Wege zu durchlaufen.

ÜS: Das ist doch aber grenzwertig, bspw. unsere Ärzte oder Physiotherapeuten sind doch keine Vereinsangestellten.
CB: Das stimmt. Aber wenn das Verhältnis stimmt, gibt es hier keine Probleme.

ÜS: Die Angestellten und Spieler sind doch alle erwachsen und mündig. Das hört sich so an, als ob man denen das Recht auf freie Meinungsäußerung nimmt. Sind diese Direktiven in diesem Geschäft wirklich notwendig?
CB: Noch einmal: Die freie Meinungsäußerung ist nicht eingeschränkt. Ich bin für die Angestellten und Spieler lediglich eine hilfreiche Unterstützung.

ÜS: Ist das eine Reaktion auf die Zeit vor der letzten Präsidiumswahl, als die Schlammschlacht zwischen Aufsichtsrat und Präsidium die Hamburger Medienlandschaft beherrschte?
CB: Mit Sicherheit spielt diese Zeit mit rein aber auch die Zeit davor war nicht besser. Ich hatte damals das Gefühl, der Verein hätte 20 bis 25 Pressesprecher. Mein Ziel war es daher bei meinem Arbeitsbeginn, gemeint als Metapher: „Ich würde gerne vor den gläsernen Verein den eisernen Vorhang ziehen“. Das war hier mal ein Selbstbedienungsladen für Interviews.

ÜS: Ist die gradlinige Öffentlichkeit nicht besser, als wenn Zusammenhänge und Interna der Presse heimlich und anonym gesteckt werden?
CB: Das gibt es ja zum Glück auch nicht mehr. Ich glaube, dass die Zusammenarbeit der handelnden Personen in diesem Verein einfach besser geworden ist. Der Neid und die Missgunst der 1990er Jahre ist weniger geworden. Wir arbeiten miteinander und nicht mehr gegeneinander!

ÜS: Habt ihr das selber erkannt oder hattet ihr Hilfe von Außen – Stichwort Mediation?
CB: Nein, da gab es nichts.

ÜS: Wie wirst und wurdest du als ehemaliger Springer-Mann eigentlich im Verein und Umfeld angenommen?
CB: Am Anfang gab es sicherlich bei dem ein oder anderen Vorbehalte, auch unter den Arbeitskollegen. Ich glaube kaum einer wusste, dass ich schon lange St. Pauli-Fan war. Ich habe aber niemals etwas Negatives gegen mich gehört in Sachen Springer, Welt oder Bild. Selbst Stani hatte Vorbehalte, weil ich als Bild-Mann aus dem Boulevardjournalismus kam und ich auch bei einigen Spielern deswegen damals nicht so beliebt war.

ÜS: Das war doch die Zeit als es den Streit zwischen Bild Hamburg Redaktionsleitung und Corny Littmann gab, oder?
CB: Nein, die habe ich glücklicherweise nicht miterlebt. Und außerdem habe ich dafür gesorgt, dass es ein klärendes Gespräch zwischen den Beteiligten gab.

ÜS: Da hat doch der Sportleiter der Bild was von „Schwuchtel“ geschrieben. Fand Littmann das trotzdem okay, dass du als Bild-Journalist zum FC kamst?
CB: Wie gesagt: Ich bin ja erst zur Bild gekommen, als diese heiße Zeit vorbei war. Ich hatte ja mit der Schreibe damals nichts zu tun.

ÜS Auf was würdest du in deinem Job gerne verzichten?
CB: Auf ein Handy. Ich habe leider zwei, ein privates und ein Vereinshandy, das muss auf eines reduziert werden. Da muss aber erst ein Vertrag auslaufen.

ÜS: Apropos Vertrag - bist du fest angestellt?
CB: Ich habe einen befristeten Vertrag.

ÜS: Aus dem Funktionsteam bist du der einzige, dessen Vertrag (noch) nicht über die laufende Saison hinausgeht. Gab’s bereits irgendwelche Signale?
CB: Mein Vertrag läuft bis zum 31. Juni 2009, aber wir haben schon gesprochen.

ÜS: Hast du schon was läuten hören?
CB: Wir haben schon gesprochen, und ich habe auch Interesse.

ÜS: Könnte das denn dein Lebensjob sein oder hast du mittel- und langfristig andere Perspektiven? Kehrst Du noch mal zurück in den schreibenden Journalismus?
CB: So einen Job kann man bestimmt nicht das ganze Leben lang machen, denn dann stirbt man relativ früh (lacht). Ich kann mir aber beides vorstellen: sowohl etwas im organisatorischen Bereich des Sports als auch wieder mal als Redakteur oder später als leitender Redakteur.

ÜS: Was meinst du mit organisatorisch? Manager oder Geschäftsführer oder was stellst du dir da vor? Falls ja, auch bei einem anderen Verein?
CB: Schade, dass ich nie Medientraining bekommen habe (lacht)

ÜS: Sicherheitsbeauftragter bei Hansa Rostock ...!
CB: Ja, ganz genau das will ich unbedingt... Es ist schwierig auf diese Frage zu antworten. Etwas in Richtung Teammanager mit erweiterten Kompetenzen könnte ich mir schon vorstellen.

ÜS: Das wäre auch in anderen Vereinen möglich?
CB: Eigentlich möchte ich ganz gerne hier bleiben! Hier habe ich alles was ich mir so vorstellen kann. Wie es woanders ist, kann ich nur schwer sagen. Ich bin mit sehr viel Idealismus hier her gekommen und wollte helfen, was bewegen, etwas aufbauen. Nicht als Frontschwein vorneweg, aber doch im Hintergrund unterstützend. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass wir da stehen, wo wir heute angekommen sind. Anderseits habe ich auch viel Idealismus verloren. Denn es ist nicht immer alles so schön familiär und kuschelig, wie Außenstehende das wahrnehmen.

ÜS: Das geht uns als „aktive Fans“ natürlich genauso. Am Anfang heile Welt, rosa Wolken und viel Enthusiasmus. Wenn man die Materie aber länger kennt, verändert sich emotional ziemlich viel...
CB: Ja, total! Beim Rostockspiel bspw. war ich seit langer Zeit mal wieder richtig emotional!

ÜS: Konnte man sehen!
CB: Hinterher dachte ich, mir platzt der Schädel. Nach den zweiten 45 Minuten hatte ich einen Ansatz von einem steifen Hals vom Jubeln und die Stimme war weg vom Rumschreien. Während der ersten Halbzeit saß ich nur so da rum und Brunne sagte: “Das steht doch nicht schon 0 zu 2 oder?“ Ich habe gar nicht drauf reagiert, war völlig konsterniert. Danach war ich zum ersten Mal seit meiner Strafe gegen Ahlen wieder so emotional.

ÜS: Was ist da denn überhaupt passiert? Mit wem bist du da aneinander geraten?
CB: Mit dem Herrn Grädler, dem Ahlener Manager. Wir hatten Elfmeter und Rouven Hennings verschießt. Alle Ahlener Ersatzspieler springen aus der Auswechselbox raus und einer schießt den Trainerstuhl vorn auf den Rasen. Alles fokussiert sich auf den Linienrichter, es folgen arrogante Provokationen. Ich stand in dem Moment zum Rauchen zwischen den Trainerstühlen und rief dann rüber: „Reißt euch mal zusammen, ihr seid hier Gäste!“ oder so etwas – ohne jemanden dabei beleidigt zu haben. Einer von denen von der Bank schrie zurück: „Halt die Fresse, du Hurensohn!“. Ich dann: „Was hast du gesagt?“ Das wurde dann noch mal wiederholt, ich habe dann in deren Richtung gesagt: „Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir?“ Dann kommt der Manager an und wollte mich beruhigen, packte mich aber dabei energisch an, und dann hab ich ihn gefragt: „Was willst du denn nun von mir?“ und habe ihn weggeschubst.

ÜS: Das war das einzige Mal in deiner Karriere das die so etwas passiert ist?
CB: Ja. Auch zum letzten Mal, hoffe ich.

ÜS: Die Aussage dazu von Stani danach, hast du doch bestimmt auch gehört; wie stehst Du dazu? Im Interview hinterher sagte er, dass es ihn nicht Interessiere, wenn das niedere Fußvolk aus der zweiten Reihe schießt, dass aber auch überhaupt gar nicht angehen kann, dass so etwas passiert (sinngemäß)...
CB: Er hat Recht. Also gut, niederes Fußvolk, hm okay...

ÜS: Sein Interview hättest Du ja theoretisch autorisieren können...
CB: Nein, das war ein Fernsehinterview, wo er das gesagt hat. Da hatte ich keine Chance. Das sind so Aussagen, die ich Stani überhaupt nicht übel nehme. Ich weiß ja, wie er das meint. Ich bin anschließend mit ihm in die Kabine gegangen, und er hat mir gesagt, dass das ein absolutes „No go“ ist, wenn ich da hinter ihm für so viel Unruhe Sorge.

ÜS: Der Punkt emotionale Entfernung zum Verein. Gäbe es für dich einen Punkt wo du sagen würdest, ich möchte nicht mehr für diesen Verein arbeiten? Ausgliederung, Verkauf des Stadionnamens oder ähnliches...
CB: Ich wüsste im Moment nichts, was da auf uns zukommen sollte. Viel eher wäre ein Problem für mich, wenn wichtige Funktionsträger und handelnde Personen mir gegenüber unehrlich sind. Wenn Entscheidungsträger ein Ziel verfolgen, mit dem ich nicht konform gehen kann. Ich muss Leuten in die Augen schauen können, oder sie mir in die Augen gucken können. Wenn ich dann merke, dass gelogen wird oder kein Vertrauensverhältnis mehr da ist, könnte ich nicht weiterarbeiten.

ÜS: Das hast du bisher noch nicht erlebt?

CB: Nein.

ÜS: Gibt oder gab es Momente in deiner Arbeit, wo du in deiner Funktion Dinge vertreten musstest, privat aber eine ganz andere Meinung hast?
CB: Nein, bisher nicht. Aber ein Beispiel: Wir haben heute vermeldet, dass Filip Trojan den Verein verlässt. Wir wissen selbst nicht, wohin er geht, aber es ist Fakt, dass er geht. Darüber gab es eine Diskussion, ob wir als Verein, der nicht mit ihm einig geworden ist, dies so in die Öffentlichkeit kommunizieren sollen. Meine Meinung war von Anfang an ganz eindeutig: Wir geben das bekannt, ich will Ruhe haben, dieses Thema vom Tisch haben. Ich habe keine Lust auf das 55. Interview mit Philip zum Thema Verbleib oder nicht... Das Ding war uns also einige Tage bekannt. Wir wollten abwarten bis wir ein Spiel gewonnen haben, das haben wir dann getan, also haben wir es jetzt bekannt gegeben.
Außerdem gab es im Rahmen der Aufsichtsrats-/Präsidiums-Schlammschlacht schon skurrile Situationen wie bpsw. die Pressekonferenz bei Corny oben im Theater, als Tay Eich unten auf dem Spielbudenplatz Interviews gegeben hat. Solche Sachen wollte ich natürlich auch nicht. Ich saß dann den einen Tag im Pressecontainer zwischen dem Präsidium, am nächsten Tag mit dem Mitgliedern vom AR, dann am übernächsten mit dem neuen Präsidium. Da wusste ich gar nicht mehr wie mir geschah. Erst habe ich tagsüber die Pressemitteilungen herauszugeben, dass Littmann wieder Präsident ist. Der AR wollte das aber nicht anerkennen. Dann sollte ich um 19 Uhr eine Gegendarstellung dazu schreiben. Aus dieser Pressemitteilung sollte hervorgehen, dass das nicht so ist.

ÜS: Du bist damals persönlich ja noch ganz gut durch diese Situation gekommen, hättest in deiner Funktion ja auch zwischen die Fronten kommen können.
CB: Das wurde mir ja auch vorgeworfen. Niemals ganz direkt ins Gesicht, aber ich habe natürlich mitbekommen, dass ich dem „Littmann-Lager“ zugeordnet wurde. Was ja aber relativ normal ist.

ÜS: Ganz anderes Thema: Müsst oder wollt ihr bei den Presseakkreditierungen eigentlich auch manchmal Anliegen ablehnen? (Anmerkung der Redaktion: Es gilt ein ungeschriebenes Gesetz von Seiten der DFL, dass zunächst Journalisten Berücksichtigung finden sollen, die am nächsten Tag via Printmedium erscheinen; und Print ist immer vor Online zu berücksichtigen.)
CB: Nein, wir müssen nur aufgrund von Platzmangel. Bei jeder Ausweitung der Pressezone über die 40 festen Plätze hinaus würden wir natürlich Eintrittsgelder verlieren.

ÜS: Okay, aber Mopo und Bild bspw. schreiben teilweise mit drei Leuten; sind die alle akkreditiert?
CB: Ja, jeweils drei Leute.

ÜS : Problematisch, wenn man dann anderen absagen muss.

CB: Wir haben beide Redaktionen schon heruntergefahren, seitdem ich hier bin.

ÜS: Mit Händen und Füßen haben die sich bestimmt dagegen gewehrt...
CB: Gefreut haben sie sich nicht. Aber der Arbeitsumgang mit den Journalisten ist sehr angenehm. Die Unstimmigkeiten haben sich in Grenzen gehalten.

ÜS: Haben diese Journalisten Zugriff auf eure eigenen Produktionen wie bpsw. die Flimmerkiste?
CB: Das kommt auch schon einmal vor. Wie jeder andere Nutzer auch.

ÜS: Im Grunde genommen steuert man damit doch das journalistische Handeln der externen Medienvertreter – Flimmerkiste, Website, Forum, eigene Spielerinterviews usw. Da kann man doch Themen vorgeben? Steckt da eine Strategie hinter oder ist das dem Freund Zufall geschuldet?
CB: Da steckt schon ein gewisse Strategie hinter. Wir wollen natürlich unsere Spieler schützen. Es wäre aber vermessen zu denken, dass wir damit auch der Tagespresse die Themen vorgeben können. Das wollen wir auch gar nicht.

ÜS: Wie stehst du zur Players Corner im ÜS?
CB: Gut.

ÜS: Gab es da mal Probleme in der letzten Zeit?
CB: Ich glaube, so ein oder zweimal hat es zeitlich geharkt.

ÜS: Es gab die Situation, dass die PC von Kalla gekommen ist, aber der lustigste Teil, die HVV-Story, kam dann vorab unmittelbar vor unserem Erscheinen im Hamburger Abendblatt groß raus. Das fanden wir sehr befremdlich...
CB: Die Geschichte ist vom Abendblatt direkt angefragt worden.

ÜS: Das war wohl der Zufall – wir vermuteten schon eine Art Zweitverwertung?
CB: Nein, Zweitverwertung auf keinen Fall – das muss Zufall gewesen sein. Wenn hier etwas aus unserem Büro rausgehen würde, was nicht raus darf...

ÜS: ...dann bitte zuerst an uns...
CB: Was hier besprochen wird bleibt hier!

ÜS: Vielen Dank Christian für das Gespräch. Aber eure Bürotür müsst ihr mal dringend ölen, die quietscht so schlimm – habt ihr keinen Hausmeister?

Ronny/JanEcke
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