Übersteiger Nr. 93

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Die Paadie is vorbei

Der Eiserne Vorhang vor dem Gläsernen Verein - ein Interview mit Christian Bönig

Glory Days – Reloaded – Teil 2

Rostock - Die Macht der Bilder

Übersteiger Nr. 94

Übersteiger Nr. 93

Übersteiger Nr. 92

Die Paadie is vorbei

   „Der Fanladen St.Pauli und die Fanszene des FC St.Pauli sind absolut einzigartig in der Welt. Es war der erste Fanladen überhaupt in Deutschland, der von Fans gegründet und betrieben wurde. Das erste alternative Fan-Magazin „Millerntor Roar!“ entstand aus Leuten rund um den Fanladen und motivierte unzählige andere Fanszenen, auch Magazine herauszubringen, die mehr bringen als Sauf- und Prügelberichte. Einmischung in die Vereine, Produktion eines Fan-Videos, Ergänzung der Stadionordnung um einen Antirassismus-Paragraphen, Sonderzüge von Fans organisiert und durchgeführt, Gründung von vereins-übergreifenden Bündnissen wie BAFF, Organisation von Konzerten, Demonstrationen zu verschiedenen Fußball- oder auch Fußballfremden Themen, Herstellung von eigenem Merchandise über die Ballonmütze und den Standartschal hinaus, tragbar auch unter der Woche. Der Totenkopf als Symbol für unsere Fanszene , die „Gegen Rechts“-Aufkleber, Aufnäher und Fahnen u.v.m. All das entstand beim FC St.Pauli durch die engagierten Fans des Stadtteilvereins und es geht immer noch weiter...“

   Dieser Auszug stammt aus dem Vorwort des Buches „15 Jahre Fanladen St.Pauli – 20 Jahre Politik im Stadion“ und eigentlich sollten die darin angesprochenen Errungenschaften unserer Fanszene jedem, der in irgendeiner Art und Weise Sympathien für unseren Verein bekundet, wenigstens ansatzweise bekannt bzw. sogar wichtig sein. Und das Buch übrigens auch, möchte man zumindest meinen. Die all-wochenendliche Realität rund um die Spiele unseres Clubs sieht mittlerweile aber zunehmend anders aus...

Wo gehsu', Sankt Pauli?

   Wenn es hier jetzt nur um die in der Einleitung angedeuteten Sauf- und Prügelgeschichten gehen würde, säße ich zu dieser unmenschlich-frühen Uhrzeit sicher noch nicht vor der Tastatur, sondern würde mich selbst noch etwas von der letzten, langen Nacht im Jolly Roger erholen. Bin wohl mit einigen Freunden dort versackt, mal wieder. Irgendwer ist aber auch immer da und dann ergibt dann ein Bier das andere und zack! Ach genau, wir hatten vorher Training gehabt...
Aber gut, bevor ich hier in eigene peinliche Promille-Anekdoten abschweife, zurück zum eigentlichen Thema: Viele haben solche magischen Abende im Jolly Roger sicherlich schon erlebt, auch an Heimspiel-freien Wochenenden. Doch ist das auch wirklich jedem bewusst? Ist euch das noch immer bewusst??
Die Fan-Kneipe an der Budapester Straße, oder deren geschäftsführender Verein Ballkult e.V. und auch die großartige Jolly-Musikbühne beim alljährlichen Hafengeburtstag gibt es in der Form ebenfalls nirgendwo noch ein zweites mal. Und all jene großartigen Taten aus dem vorangegangen Vorwort, die den Großteil der braun-weißen Fanszene immer noch ausmachen und durch die der kleine Hamburger Stadtteilclub obendrein überhaupt erst so unglaublich bekannt wurde, scheinen für einige Anhänger mittlerweile einfach nur noch selbstverständlich zu sein. Denn ehrlich gesagt kann ich mir den immer respektloseren, ja teilweise fast schon asozialen Umgang mit diesen, über Jahrzehnte hinweg von einigen wenigen Aktiven mühevoll erkämpften Errungenschaften nicht mehr anders erklären.
Seien es die Sachbeschädigungen im mittleren, dreistelligen Euro-Bereich bei der vom Fanladen organisierten Sonderzugtour nach Mainz letzte Saison oder die ungeheuerliche Verschmutzung der Abteile bei der Fahrt zur Hinspielniederlage nach Rostock. Oder aktuell, nach dem gewonnen Rückspiel, die sinnlosen 0,33l.-Flaschenwürfe gegen die beiden 4000l.-Wasserwerfer und massiv-anrückenden Polizeikräfte direkt vor´m Jolly, feige aus der friedlichen Masse der zahlreichen Kneipenbesucher heraus. Haben sich die in diesen Fällen angesprochenen Personen nur mal einen Moment Gedanken gemacht, auf wen die aus solchen Schwachsinns-Aktionen zu erwartenden Konsequenzen zurückfallen? Und vor allem, wie die zukünftigen Repressionen aussehen werden, wenn sich so etwas häuft? Wahrscheinlich nicht! Dummheit ist schon so´n Thema für sich, nicht wahr? Revolution zudem übrigens auch...

„Mensch Schiri, du schwule Sau!“

   Keine Ahnung ob auch die Auswüchse des überall zurecht verfluchten, so genannten „modernen Fussball“ seinen Teil dazu beitragen, daß sich vor allem bei Auswärtsspielen unseres FC´s immer öfters, nennen wir sie mal „Event-geile 08/15-Fans“ in den Gästeblock verirren? Dass solche Leute mit den Werten kaum etwas anfangen können, wird langsam aber sicher zum ernst zunehmenden Problem, wie ich befürchte. Und das leidige Thema Stimmungsabfall lassen wir jetzt mal komplett außen vor. Wer´s bislang noch nicht hautnah mitbekommen hat, kann von den Szenarien in fremden Städten bei jedem Smalltalk mit dem ein oder anderen Allesfahrer hören, oder mittlerweile schon fast regelmäßig in der Gazetta der Ultras lesen: Je höher der Alkoholpegel steigt, desto niedriger wird die Hemmschwelle in passenden Momenten seine wahre Gesinnung lauthals raus zu posaunen. Vor allem sexistische und homophobe Verunglimpfungen von gegnerischen Fans, Unparteiischen und Gegenspielern haben in jüngster Vergangenheit leider wieder etwas zugenommen. Doch das noch wesentlich Traurigere daran ist, dass diejenigen die daneben stehen, immer seltener mal ihr Maul aufmachen und den oder die Trottel zurecht weisen! Ach und das mal gleich vorneweg: ich bin, weiß der Kioskbesitzer von nebenan, der letzte der an dieser Stelle über gemäßigten Alkoholkonsum während eines Fußballspiels aufklären sollte und möchte! Aber wenn die immer noch allseits geliebte und gelebte „Pauli-Paadie“ schon weit vor dem Anpfiff, liegend in der eigenen Kotzlache endet, dann fragt man sich schon ab und an mal warum solche Typen ausgerechnet die Spiele unseres Vereins dafür missbrauchen bzw. das vergleichsweise gute Image unserer Fanszene mit ihrem Verhalten in den selbst ausgekotzten Dreck ziehen?

„Bist du blind, du blöde Fotze!“

   Dass im Millerntorstadion (Äh, warum nochmal immer noch nicht „XY-Arena“?) im Gegensatz zu den Drittliga-Zeiten endlich wieder wesentlich attraktiverer Fußball gespielt wird und sich immer neues Publikum zum FC St.Pauli bekennt, ist natürlich einerseits freudig zu beobachten. Trotz alledem sollten wir aber nicht vergessen, denjenigen auch weiterhin vorzuleben oder eben gegebenenfalls auch mal laut und deutlich klar zu machen, dass es, jetzt mal fernab von jeglichem Proll-Pathos, immer noch etwas Besonderes ist unsere Farben zu tragen. Natürlich fällt es oftmals schwer, sich ständig wieder aufzuraffen und gegen die herrschenden Missverhältnisse anzugehen, doch zu welch großartigen Taten diese Fanszene im Stande ist merkt man doch immer noch, vor allem wenn es darum geht zusammen zustehen. Wie gesagt, der FC St.Pauli spielt bekanntlich seit 1998 nicht mehr im, nach dem ehemaligen Präsidenten und NSDAP-Mitglied benannten „Wilhelm-Koch-Stadion“, sondern am Millerntor und das wird auch in Zukunft, entgegen dem vorherrschenden Reklame-Wahnsinn, dank uns so bleiben! Und auch wir, die nimmersatte Übersteiger-Crew, hat weiterhin etwas zu meckern und saugt sich nicht nur irgendwas aus den Fingern, hauptsache im Mai 2010 erscheint – pünktlich zum 103-Jährigen Geburtstag unseres Fußballclubs – die 100.Ausgabe! Jedem Redaktionsmitglied ist die Bedeutung und Vergangenheit unseres A4-ers sehr wohl bewusst und wir versuchen das auch, trotz der allmächtigen Internet-Konkurrenz, alle 5-6 Wochen, so lesenswert es die ehrenamtliche Schreibe nur eben zulässt zu vermitteln. Den Gazetta-Leuten z.B. geht’s da ziemlich ähnlich, weshalb wir in Zukunft auch mehr zusammenarbeiten wollen. Ohne Süßholz zu raspeln will ich einfach mal ganz deutlich sagen, dass ich für meinen Teil sehr glücklich bin, dass gerade USP so viele, neue und junge Leute ins Stadion gelockt hat, die sich aktiv an guten Dingen beteiligen! Und dass dringend fähiger Publikums-Nachwuchs gebraucht wird, erkennen wir nicht nur nach jeder ÜS-Jahrespoll-Auswertung. Und mal´n Tip an all die üblichen Verdächtigen, die die Ultra-Kultur ja eh auf ewig grundlegend ablehnen: Bevor ihr gleich wieder gegen jede Aktion von Ultra Sankt Pauli wettert, schaut euch doch heute einfach mal kurz im Gästeblock bei den Vollhonks der Kohorte um...

So leicht werdet ihr uns nicht los!

   Kommen wir langsam zum Ende, die Mittagssonne scheint schon durch die Vorhänge und mein Magen knurrt lauter als die Handwerker nebenan sägen...
Letzte Saison hat mich und Kollege ds ein rundum begeisterter Freiburg-Fan, der zum ersten mal am Tresen im Jolly stand, nachdem sein Sportclub hier 0:5 gedemütigt wurde, mit glänzenden Augen angefleht, daß wir St.Pauli-Fans bitte niemals unsere Werte wie „diese Kneipe hier“ verscherbeln dürften! Und er sollte nur allzu gut wissen wie weh es tut, wenn sich ein sympathischer Verein selbst verkauft...
Das soll jetzt natürlich kein Aufruf sein, ab sofort jedes Spruchband kritiklos gut zu heißen und in jeden noch so lang(weilig)en Gesang, den einer durch´s Megaphon vorgibt, einzustimmen. Ganz im Gegenteil! Wie wär´s einfach mal wieder mit etwas mehr Engagement und Eigeninitiative bezüglich der angesprochenen Dinge? Und damit spreche ich auch nicht die vielleicht 1000 organisierten Aktiven an, sondern die zig tausend St.Pauli-Fans landesweit. Dieser Stadtteil, sein Fußballclub und unsere GESAMMTE Fanszene sind immer noch absolut unvergleichlich und das soll bitte auch weiterhin so bleiben. Daran musste ich gestern Abend wieder mal denken und vergessen werde ich das garantiert niemals. War damals immerhin Grund für mich genug nach Hamburg zu ziehen...

// Stemmen
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