Übersteiger Nr. 90

Artikel dieser Ausgabe:

Vorwort

Mal wieder auf die Omme hauen - Artikel im ÜS 89

Der Dritte Weltkrieg! - oder: Same shit every time?

"Bielefeld ist klasse" - Interview mit Mathias Hain

Neue Strukturen, neue Ziele: Frauen- und Mädchenfußball im FC St. Pauli

Neu im Fanladen, nicht in der Fanszene - Interview mit Jusuts

Exklusiv in der Online-Ausgabe: Player's Corner: Alexander Ludwig - Das K-Wort

Übersteiger Nr. 91

Übersteiger Nr. 90

Übersteiger Nr. 89

Stellungnahme der Redaktion:

„Mal wieder auf die Omme hauen? - Artikel im ÜS89 "

   Na, da haben wir ja die Reaktion und Diskussion, die wir uns im Vorfeld des Artikels erhofft hatten… nur leider komplett anders, als beabsichtigt.

Vorab: Der ÜS ist ein Fanzine, die Redaktion sehr heterogen besetzt und mit den verschiedensten Meinungen. Mit den Artikeln von Heiko und Sven im ÜS88 (Mai 2008) reifte bei uns der Entschluss, sich dem Thema Gewalt im Umfeld des FC St.Pauli einmal zu nähern. Die Diskussionen machten schnell klar, dass es „Die Eine Meinung“ zum Thema auch innerhalb der Redaktion nicht gibt. Einen allgemein gültigen Artikel sollte es aber trotzdem geben, den alle unterschreiben können, schließlich sollte dem Thema nun endlich auch mal eine breite Diskussionsbasis geliefert, überhaupt eine öffentliche Diskussion angestoßen werden.

   Der gewünschte OmmeArtikel wurde geschrieben, er wurde diskutiert, umgeworfen, überarbeitet. Der Redaktionsschluss rückte näher, der Artikel wurde umgeschrieben, er wurde weiter diskutiert, erneut umgeworfen, noch mal überarbeitet. Schlussendlich herausgekommen ist ein Artikel, der nicht das hält, was wir als Redaktion uns versprochen haben. Das Verschulden liegt bei uns. Zeit war genug da, aus den verschiedensten Gründen haben sich aber zu wenige Leute angesprochen gefühlt, etwas zum Artikel beizutragen, oftmals fehlte die Zeit oder das Engagement. Ein gesellschaftliches Problem heutzutage, auch in der Fanszene des FC St.Pauli nicht unbekannt. Dürfte einem Fanzine nicht passieren, insbesondere uns nicht, schon gar nicht von unserem eigenen Anspruch her. Passiert trotzdem.

   Insbesondere ärgerlich, weil das eigentliche Thema sich damit komplett versendet. Die üblichen Nörgler sehen sich in ihrer „Siehste, der ÜS… sag ich ja!“ – Sicht bestätigt, ohne auf den Rest überhaupt eingehen zu müssen. Die eigentliche, und aus unserer Sicht wichtige, Diskussion über das Thema Gewalt an sich bleibt auf der Strecke, und genau das wollen wir am allerwenigsten.

   In erster Linie war es ein großer Fehler, undifferenziert Namen von drei Fangruppen zu nennen, ohne damit konkrete Vorfälle zu verbinden. Sowohl Mitglieder von USP, die Skins als auch UPS sind vielen Redaktionsmitgliedern persönlich bekannt, nichts lag uns ferner, als ausgerechnet diese Personen und Gruppen an den Pranger zu stellen. So, wie der Artikel veröffentlicht wurde, kann man aber dies sehr wohl dort herauslesen, dafür möchten wir uns entschuldigen. Punkt. Die in Klammern stehenden Beschreibungen sollten zeigen, dass wir deren Nennung auch mit einem Augenzwinkern meinten, da besonders in der Außendarstellung gerne diese drei Gruppen auffallen. Zugegeben, ging in die Hose. Wir haben aber (entgegen anders lautenden Interpretationen) auch nirgends geschrieben, dass genau diese Gruppen nun Opas den Schal klauen und sich danach im Jolly verstecken. Nur, und den Schuh müssen wir uns anziehen, hätte uns klar sein müssen, dass, wenn wir diese Dinge in anderen Zusammenhängen schreiben, auch diese Namen damit in Verbindung gebracht werden. Auch dafür entschuldigen wir uns.

   Wofür wir uns aber nicht entschuldigen, bleibt die Grundaussage und das Thema an sich. Wie wollen wir, als Fanszene des FC St.Pauli, in Zukunft mit der Gewalt in unserem Umfeld umgehen? Es gibt am Millerntor und auf Auswärtsfahrten Gewalt. Schwierig wird der Spagat, wenn man zwischen „guter“ und „schlechter Gewalt“ unterscheiden will. Ist es okay, wenn man körperlich gegen Nazis vorgeht? Für die meisten sicher ja. Und eben in diesem Kontext könnte man auch die genannten drei Gruppen wieder erwähnen, wobei gerade UPS hier sicher maximal mit Einzelpersonen vertreten ist und dann genauso weitere Fanclubs erwähnt hätten werden müssen, u.a. der „Übersteiger“ selbst ebenso wie diverse andere. Sicher eine Erwähnung, gegen die sich kaum Widerspruch oder Protest geregt hätte, und die der Intention des Artikels schon näher kommt.

   Nur: Wo verläuft die Grenze? Für einige wird „Keine Gewalt!“ immer die oberste Leitlinie bleiben, egal gegen wen sie sich richten sollte. Für den nächsten ist Gewalt gegen Nazis völlig legitim. Spannend wird dann die Frage bei den Graustufen. Ist es okay, Chemnitzer Nazis aus der Stadt zu jagen? Wer ist überhaupt ein Nazi? Jeder Thor Steinar Träger? Keine Frage, es ist gut und wichtig, dass Thor Steinar am Millerntor verboten ist. Aber ist es legitim, jedem, der diese Klamotten trägt, auf die Fresse zu hauen? Ist es okay, einen Bus, von einem „normalen“ Reiseunternehmen, mit Steinen zu beschmeißen, wenn drinnen Nazis sitzen? Wenn ja, wie viel Prozent der Insassen müssen Nazis sein? Und wie findet man das überhaupt heraus? Reichen 95%? Oder 75%? Oder 50%? Oder reicht ein Einzelner? Und erneut: Woran macht man fest, wer von denen nun ein Nazi oder ein rechter ist? Oder ist Gewalt gegen Busse, wenn der Fahrer nicht grad selbst am Steuer den Hitler-Gruß macht, nie zu rechtfertigen? Wie ist es mit PKWs? Darf ich den beschädigen, wenn ich sicher bin, dass der Fahrer „ein Nazi“ ist? Reicht auch dafür dann ein Thor Steinar Pulli? Oder erst ab drei Mitfahrern mit denselben Klamotten? Und was, wenn die drei Mitfahrer den Pulli tragen, aber der Fahrer nicht? Wie ist es mit Gewalt gegen die Polizei? Gehört „allen Cops“ auf’s Maul? Immer? Pauschal? Wenn ja, warum spielt Fabian Boll noch für uns? Oder ist es umgekehrt, die Polizei ist als ausführende Gewalt dieses Staates über jeden Zweifel erhaben und hat immer recht? Auch, wenn der Fanladen durchsucht wird? Auch, wenn St.Pauli Fans verhaftet werden? Oder darf man dann immer einschreiten? Oder nur, wenn der „nichts“ gemacht hat? Wo hört „nichts“ auf? Ins Gebüsch pinkeln? Aufkleber auf Autos kleben? „A.C.A.B“-Rufen? Kann es sein, dass in solchen Situationen auch gerne die Gruppendynamik greift und man schnell mehr macht, als man im Nachhinein vor sich selber rechtfertigen kann? Kann es sein, das hier gerne sich auch in der Gruppe versteckt wird, und dann später eben wieder USP und die Skins am Pranger stehen, weil man diese Gruppen eben kennt und diese auch nach außen erkennbar sind? Ist es okay, wenn man sich mit gegnerischen Ultra-Gruppierungen anfeindet? Geht es nur die was an? Wie kann ich bei eventuellen Anfeindungen sicherstellen, dass es keine Unbeteiligten trifft? Ist Schalklau schon Gewalt? Und Banner klauen? Die „Ihr seid alle ein Stück Scheiße!“-Tapeten trafen bei einigen Redaktionsmitgliedern genau das Humorzentrum, bei anderen nicht. Ist das verbale Gewalt? Und mal endgültig ab von der Gewalt gegen Rechte, und damit eben auch weg von den drei genannten Gruppen: Sieht wirklich niemand die Zunahme an der alltäglichen Gewalt bei Spielen des FC St.Pauli? Pöbeleien und Schubsereien gegen Gästefans, die nun wirklich offensichtlich kein rechtes Gedankengut zur Schau tragen, sondern einfach „nur“ Fußballfans sind? Sind die alkoholbedingten Ausfälle auf Auswärtsfahrten, die auch oft genug in Aggression ausarten, akzeptiert? Oder sind sie das nur, wenn sie von „Hamburgern“ kommen, während man auf die örtlichen Süffpunks weiter abschätzend herabblickt, obwohl die wenigsten zu voll sind um aggressiv zu werden? Sind Vorkommnisse, in denen man sein eigenes Viertel „verteidigt“, obwohl der Gegenpart nicht wirklich versucht hat es „einzunehmen“, geduldet? Ist es okay, wenn man erst Stress sucht, und sich dann ins Jolly rettet? Bei Stress mit Nazis ist es okay? Aber auch hier die Frage: Wer zieht die Grenze? Ist jeder mit Fraktur-Schrift-Shirt gleich ein Nazi? Jeder hsv-Fan auf „unserer Seite“ der Reeperbahn ist Freiwild?

   Fragen über Fragen, zu vielen gibt es auch in der Redaktion ein geteiltes Meinungsbild, und eben dieses wollten wir mit diesem Artikel zur Diskussion stellen. Wir hoffen, dass dies nach einem unglücklichen Beginn vielleicht doch noch möglich ist.

   Wir sind uns bewusst, dass man oft einigen auf die Füße tritt, wenn man unangenehme Dinge anspricht, aber das hat den ÜS auch in der Vergangenheit nicht davon abgehalten, den Spiegel auch vor die eigene Fanszene zu halten. Ein Anfang wurde mit den Interviews mit Heiko und Sven im ÜS 88 gemacht, wir hoffen, dass die Diskussion nach dieser Ergänzung zu unserem Artikel weitergeführt werden kann.

   Und last but not least: Offene Redaktionssitzung an jedem ersten Donnerstag nach Erscheinen, 20.00 Uhr im Fanladen. Übrigens schmeißen wir interessierte Besucher auch an anderen Donnerstagen selten raus, falls diese Woche jemand keine Zeit hat.

// die ÜS Redaktion
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