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Wir schreiben das Jahr 2010.
100 Jahre FC St.Pauli - was wurde in den letzten Wochen gefeiert, eine ganze Stadt stand Kopf. Lobeshymnen der Dankbarkeit aus der ganzen Welt prasselten auf unseren Verein nieder. Kaum ein Tag, an dem nicht die Gazetten von den Heldentaten unserer Idole berichteten. Den Höhepunkt bildete mit Sicherheit die Meisterschaftsfeier am letzten Wochenende, wo eine halbe Million Hamburger ihren Idolen zujubelten. 100 Jahre FC St.Pauli - 100 Jahre Siege und Niederlagen, Freude und Leid, Liebe und Haß. All dies manifestiert sich in einem Namen: FC St.Pauli
Dieses Jubiläum bietet Anlaß, auf die Höhepunkte der vergangen Jahre zurückzublicken. Doch - wo anfangen? Wir wollen mit dem Zeitraum 1993-1995 beginnen, der nach Meinung der Autoren den Wendepunkt in der Geschichte unseres FCs darstellte. Die älteren Semester unter unseren LeserInnen erinnern sich wohl noch mit Grausen an die Saison 92/93. Das Band zwischen Mannschaft und Fans drohte aufgrund verschiedenster Gründe zu zerreißen. Der Club hatte einen Riesenschuldenberg von fast zwölf Millionen DM angehäuft, dazu drohte noch das sportliche Fiasko. Erst am letzten Spieltag konnte durch einen 1:0-Heimsieg gegen Hannover 96 der Klassenerhalt gesichert werden. Torschütze war der legendäre Leonardo Manzi, den die meisten unserer jüngeren LeserInnen wohl nur unter dem Spitznamen "Air" kennen. Diese Dokumentation zeigt den Aufstieg eines Underdogs zur Nummer Eins des Weltfußballs, festgemacht an den prägnantesten Punkten aus den letzten 17 Jahren der Vereinsgeschichte. Teil I: Die ersten Jahre - Saison 93/94:Mitte Dezember '93: Entgegen aller Beschwörungen und Hoffnungen liegt der FC nach einer katastrophalen Hinrunde auf Rang 15 und schwebt am Abgrund zur Regionalliga. Schlagzeilen aus München, wo der Streit beim damaligen Spitzenklub zwischen Manager Uli Hoeneß und Lothar Matthäus erneut schwelt, bilden da nur schwachen Trost. Anfang Januar '94In München eskaliert der Streit zwischen Hoeneß und Matthäus. Den Maulkorb-Erlaß übergehend, läßt sich Lothar zu dem Statement hinreißen: "Bevor ich hier noch einmal die Stiefel schnüre, geh' ich lieber in die 2. Liga!" In Hamburg verkündet daraufhin der legendäre Papa Weisner: "Das wär' doch der Richtige für uns!" - was hinter vorgehaltener Hand allgemein als Zeichen von beginnender Senilität gewertet wird. Eine Woche später:Weisner hat tatsächlich Kontakt zum FC Bayern aufgenommen. Uli Hoeneß, fest entschlossen seinem Star eins auszuwischen, erklärt sich bereit, Matthäus wechseln zu lassen. Die Persse überschüttet beide Vereine mit Hohn und Spott. Doch dann die Sensation: Matthäus erklärt seine Bereitschaft, für St.Pauli zu spielen - was ganz offen als Zeichen beginnender Senilität bei ihm gewertet wird. Zwei Tage später:Im Tausch mit Mattino Gatti, der sich auf das Zusammenspiel mit seinem alten Kumpel Christian Ziege freut, wechselt Matthäus zum FC St.Pauli und unterschreibt einen 3-Jahres-Vertrag. (Tauschten damit auch Iris und Lolita die Rollen? d.Tip.) Vor dem Clubhaus kommt es wärenddessen zu tumultartigen Szenen. Wärend ein Teil der Fans bereits stürmische "Mit Lothar in die Erste"-Gesänge anstimmt, tragen andere ihre offene Abneigung gegen den Kapitän der Nationalelf zur Schau - was sich bald darauf jedoch von selbst erledigt. Einen Tag später:Lothar gibt seinen Einstand auf dem Kiez und versetzt damit selbst die ärgsten Kritiker in Erstaunen: Nachdem er sich zunächst im Fan-Laden komplett eingekleidet hat, feiert er bei Hermann bis in die frühen Morgenstunden, was ihm von Trainer Eichkorn eine Verwarnung wegen unprofessionellem Verhaltens einbringt. Anfang Februar '94:Als Vorbereitung auf die Rückrunde bestreitet der FC am Millerntor ein Testspiel gegen Real Madrid. Seppo Eichkorn gibt auf der Mannschaftssitzung die Taktik aus: "Wir müssen offensiv spielen, Männer!" Der FC verliert 2:9 und Eichkorn wird wieder Co-Trainer. Auf Vorschlag von Lothar verpflichtet Weisner daraufhin als neuen Coach niemand anderen als Gerd Müller. Lediglich Vize Hinzpeter gibt sich skeptisch: "Wenn der bei uns mal trocken bleibt..." Eine Woche später:In den Hamburger Plattenläden steigt die Nachfrage nach den alten Gerd Müller-Platten. In den Charts der Hamburger Privatsender steigt "Dann mach es 'Bumm', ja und dann kracht's..." auf Platz Eins. Mitte April:Es geht aufwärts! Die Mittelfeldachse Matthäus-Zander-Pröpper ist maßgeblich an einer Serie von 20:0 Punkten beteiligt. Ganz Fußball-Deutschland schwärmt über das neue "Dream-Team der 2. Liga", lediglich Bundestrainer Berti Vogts bezeichnet seinen bisherigen Kapitän als "Vaterlandverräter" und schmeißt ihn aus der Nationalelf. 19. Juli '94:Am letzten Spieltag gewinnt der FC durch ein Tor von Dirk Zander in der 78. Minute mit 1:0 beim VfL Wolfburg (kommt das irgendwem bekannt vor? d.Tip.), während Hertha durch ein Eigentor von Frank Rohde, das später zum "Tor des Jahres" gekürt wird, gegen Fortuna Köln verliert - der Wiederaufstieg ist perfekt! Rund um den Kiez spielen sich unbeschreibliche Szenen ab, die darin gipfeln, daß das Bismarck-Denkmal in braun-weißer Farbe angestrichen wird. 20. Juli '94:Leonardo Manzi wird kurzfristig vom brasilianischen Verband zur WM nachnominiert. WM '94:Titelverteidiger BRD verabschiedet sich durch Niederlagen gegen Kamerun, Irland und der Schweiz bereits in der Vorrunde sang- und klanglos aus dem WM-Turnier, was die Entlassung von Bertis Vogts zur Folge hat. Sein Nachfolger wird der heutige Bundespräsident Otto Rehagel. Die großen Entdeckung des Turniers wird jedoch kein anderer als Leo Manzi. Brasilien erreicht zum ersten mal seit 1970 wieder das Finale der WM und besiegt schließlich Kamerun mit 2:1 n.V. Leo wird nicht nur zum "wertvollsten Spieler des Turniers" gewählt, sondern auch noch Torschützenkönig. Die Presse in aller Welt überschlägt sich vor Begeisterung, die US-Gazetten versehen ihn mit dem Beinamen "Air" Manzi, in Brasilien wird er als legitimer Nachfolger von Péle angesehen, ein Name, der den jüngeren LeserInnen vermutlich nicht mehr so geläufig sein dürfte. Angebote aus Italien, Südamerika und Japan schlägt Leo aus, er verlängert vielmehr seinen Vertrag beim FC mit der Begründung: "Das Herz von St.Pauli das ist meine Heimat", was im Ausland auf allgemeines Unverständnis stößt. Saison 94/95Anfang August '94:Stefan Effenberg, der neben der verkorsten WM auch noch in Italien den Aufstieg mit seinem Club AC Florenz in die erster Liga verpaßt hat, knüpft bei einem Besuch seiner Schwester, die bei den St.Pauli Ladyknights als Pitcherin spielt (das stimmt ja sogar d.Tip.), erste Kontakte zum Verein und verkündet angesichts der Tatsache, daß er und seine Schwester möglicherweise bald im selben Verein spielen: "Da wächst zusammen, was zusammen gehört." Zwei Tage später:Effenberg unterschreibt einen Zwei-Jahresvertrag. Max Merkel, seinerzeit ein vielbeschäftigter Boulevard-Journalist, zeigt sich völlig überwältigt und tippt St.Pauli in der BILD-Zeitung (im ausgehenden 20. Jahrhundert ein auflagenstarkes Massenblatt) als Geheimfavoriten auf den Titel. Auf die vielgestellte Journalistenfrage, wie dieses Team überhaupt zu finanzieren sei, erklärt Papa Weisner: "Alles meinem genialen Finanzprojekt zu verdanken." Mitte Oktober '94:Vor 20.500 Zuschauern am Millerntor besiegt der FC durch Tore von Manzi (2), Zander und Effenberg den HSV 4:0 und wird zum zweiten mal in der Vereinsgeschichte Tabellenführer der Bundesliga. HSV-Coach Möhlmann gibt nach dem Spiel zu: "Das war in jeder Beziehung eine Lehrstunde für uns." HSV-Präsident Hunke, der trotz der schwachen Leistung seines Vereins auf eine ausgelassene Feier im "Pat O'Brians" (heute bekannt als "Rosi's neue Bierstube") nicht verzichten will, wird zuvorgerückter Stunde Opfer der eigenen Hools. Dezember '94:Nach der Hinrunde liegt der FC auf einem sensationellen vierten Tabellenplatz und steht im Viertelfinale des DFB-Pokals. Ganz St.Pauli feiert freudentaumelnd Weihnachten. Mitte Januar '95:Ein dunkler Schatten droht auf den Verein zu fallen: Moderator Stefan Aust enthüllt im "Spiegel TV", woher die plötzlichen Millionen des FC stammen, größter Teilhaber an Papa Weisners Finanz AG sei niemand anderes als Kalle Schwensen (damals ein in düsterem Ruf stehender Zeitgenosse, seit den Bürgerschaftswahlen 2005 jedoch bekanntlich als Wirtschaftssenator Hamburgs durchaus wohlgelitten). Die Verstrickungen, so Speigel TV, würden soweit reichen, daß von allen Einnahmen sämtlicher Kiez-Prostituierten indirekt 20% an den Verein fließen. Weisner reagiert auf die Vorwürfe gelassen: "Na und? Wir sind halt'n Kiez-Club." (Die Redaktion des "Unhaltbar!"-Fanzines ruft angesichts der Enthüllungen zum Stadion-Boykott und dem Verbrennen der Dauerkarten auf) Zwei Wochen später:Der vermeintliche Skandal entwickelt sich zu einem ungeahnten Geschäft für den FC. Der Dauerkartenverkauf für die Rückrunde erreicht ungeahnte Höhen. April '95:Auch sportilch geht es immer weiter aufwärts: Vor 70.000 Zuschauern gelingt dem FC mit einem 2:1 Sieg im Münchner Olympiastadion über die Bauern erstmals in der Vereinsgeschichte der Einzug ins DFB-Pokalfinale in Berlin. Ausgerechnet Matthäus erzielt wenige Minuten vor Schluß den Siegestreffern und sorgt für eine Eklat, als er daraufhin vor der Bayern-Bank seine Hosen 'runterläßt, eine Entgleisung, die auch Gerd Müller nicht verhindern kann. Anfang Mai '95:Durch einen 3:1 Erfolg über den KSC sichert sich der FC vorzeitig einen UEFA-Cup Platz. Ganz St.Pauli fiebert voller Spannung dem Pokalfinale entgegen. 25. Mai '95:Das Cup-Finale gegen TeBe Berlin: Bereits am frühen Morgen kommt es in der Stadt zu bürgerkriegsähnlichen Auswüchsen. Hertha-Faschos, Union-Hools und Kreuzberger Autonome versetzen die Stadt in den Ausnahmezustand. Der Busenfreund von TeBe-Präsindent Jack White, David Hasselhoff, der eigentlich die Nationalhymne singen sollte, entschließt sich, zur Deeskalation der Lage beizutragen und stimmt kurzentschlossen statt der Hymne "I've been looking for freedom" an. Fußball wird schließlich auch noch gespielt: Durch ein Tor von Jens Scharping gewinnt der FC zum ersten mal in der Vereinsgeschichte den DFB-Pokal. Dem Schützen des goldenen Tore wird daraufhin die zweifelhafte Ehre zuteil, den Pokal aus den Händen von seinem Namensvetter Rudolf, dem Kanzler der großen Koalition, überreicht zu bekommen. In Hamburg wird die Reeperbahn von überschwenglichen Fans in braun-weiß gestrichen... |